Nr. 20/2014 vom 15.05.2014

Geschichten von Raub und Gewalt

Der Fall der Sammlung Gurlitt wirft die Frage auf: Wie gehen Schweizer Museen mit geraubten Kulturgütern um? Sie betrifft nicht allein Werke aus dem Zweiten Weltkrieg.

Von Silvia Süess

In Bern sorgt die Herkunft von Kunstwerken für heisse Köpfe: Der verstorbene Sammler Cornelius Gurlitt hat dem Kunstmuseum Bern 1500 Kunstwerke vermacht. Ist dort bald Raubkunst zu besichtigen? Und muss das Historische Museum Bern eine womöglich ebenfalls geraubte antike Figur ans Ursprungsland Bolivien zurückgeben?

Zwar bekommt das eine Museum etwas geschenkt und das andere sollte etwas hergeben – doch das Problem ist in beiden Fällen dasselbe: die Herkunft der Kunstobjekte. Gurlitts Vater hat Geschäfte mit den Nazis gemacht, bei mehreren Hundert Werken besteht der Verdacht, dass es sich um Raubkunst handelt. Und der Ekeko, eine kleine antike Statue mit religiöser Bedeutung, die heute im Historischen Museum zu sehen ist, kam 1858 in den Besitz von Johann Jakob von Tschudi, als er die bolivianischen indigenen Besitzer nach ausgiebigem Alkoholkonsum zu einem Verkauf überreden konnte (siehe WOZ Nr. 16/2014).

Mehr Fragen als Antworten

Jede Sammlung und jedes Objekt hat seine eigene Geschichte. Nicht immer gelangen Kunstwerke auf legalen Wegen in die Museen und Sammlungen. Damit beschäftigt sich die Provenienzforschung. Wenn die Herkunft geklärt ist, beginnen die Probleme allerdings erst: Wer hat Anspruch auf die Objekte? Unter welchen Bedingungen müssen sie zurückgegeben werden?

Mit solchen Fragen wird sich das Kunstmuseum Bern in nächster Zeit beschäftigen müssen, wenn es das belastete Erbe Gurlitts annimmt. Denn neben Raubkunst, also Bildern, die die Nazis jüdischen Privatpersonen raubten, sind in der Sammlung auch Werke vorhanden, die von den Nazis als sogenannt «entartete Kunst» verpönt und aus staatlichen Museen entfernt wurden. Wie geht das Kunstmuseum mit diesen Werken um? Darf es unter solchen Umständen das Erbe überhaupt annehmen?

Es darf, findet die Provenienzforscherin Esther Tisa Francini. «Die grosse Herausforderung besteht darin, mit diesem schwierigen Erbe den richtigen Umgang zu finden. Man muss sich mit allen politischen, moralischen, rechtlichen und historischen Fragen tiefer gehend auseinandersetzen.» Es sei unabdingbar, die Bestände systematisch zu prüfen und bei unrechtmässig entzogenem Eigentum faire und gerechte Lösungen anzustreben, wie es das Washingtoner Abkommen von 1998 festhält. In diesem verpflichten sich 44 Staaten – unter ihnen auch die Schweiz – dazu, Raubkunst zu identifizieren und aktiv Herkunftsforschung zu betreiben.

Im Berner Fall seien sicherlich besondere Transparenz und Kommunikation gewünscht, meint Tisa Francini: «Alles in allem ist es eine grosse Chance für die Schweiz, sich indirekt – nämlich über die Provenienzen der gurlittschen Werke – erneut mit der Geschichte des internationalen Kunsthandels zu beschäftigen.»

Esther Tisa Francini arbeitet seit 2008 als Provenienzforscherin am Zürcher Museum Rietberg, das Kunst aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien sammelt. Es ist eines der wenigen Schweizer Museen, das eine eigene Stelle geschaffen hat, um die Geschichte der Museumsobjekte zu erforschen. Um die Biografie eines Objekts herauszufinden, recherchiert Tisa Francini in Archiven und Bibliotheken, untersucht das Objekt selbst und pflegt regen Austausch mit FachkollegInnen.

Die Provenienzforschung steckt in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Lange Zeit haben sich weder die Museen noch die Öffentlichkeit dafür interessiert, auf welchen Umwegen die Objekte in die Institutionen gelangten. Ein erster Meilenstein der öffentlichen Aufarbeitung war der 2001 veröffentlichte Bergier-Bericht «Fluchtgut – Raubgut. Der Transfer von Kulturgütern in und über die Schweiz 1933–1945 und die Frage der Restitution». Esther Tisa Francini war Mitautorin dieser Studie. «Die Bergier-Kommission hat einiges aufgearbeitet, aber das war keine Provenienzforschung im Sinn einer systematischen Prüfung von Museumsbeständen», sagt sie. «Das war Grundlagenforschung.»

Im Fall Gurlitt bleiben viele Fragen offen: Sollte die Sammlung nicht in Deutschland bleiben? Darf die Schweiz, die vom Zweiten Weltkrieg verschont blieb und von Geschäften mit NS-Deutschland profitierte, erneut von zusammengestohlener und zusammengeraffter Kunst profitieren? Kann ein Museum, das mit Steuergeldern finanziert wird, Raubkunst horten? Und überhaupt: Wann endlich werden Holocaustopfer und ihre Nachkommen davon befreit, selber nach ihrem Besitz suchen und um dessen Rückgabe kämpfen zu müssen?

Die Schweiz und der Kolonialismus

Während die Schweiz ihre Rolle als Kunsthandelsplatz und Drehscheibe für Kulturgüter zur Zeit des Nationalsozialismus ansatzweise aufgearbeitet hat, bleibt eine andere Auseinandersetzung im Zusammenhang mit Kulturgüterraub aus: die Rolle der Schweiz zur Zeit des Kolonialismus. Millionen von Objekten wurden aus den Kolonien nach Europa geholt, viele auch in die Schweiz. Wie die Raubkunst aus NS-Deutschland erzählen auch diese Objekte Geschichten von Raub, Gewalt und Unterdrückung, die einem Staat, einer Gesellschaft oder einem Individuum angetan wurden.

Doch diese Geschichten sind kaum bekannt, denn in ethnologischen Museen in der Schweiz findet eine weiter gehende Aufklärung nicht statt. Auch Tisa Francini vom Museum Rietberg bestätigt, dass ihre Forschung sich bisher vorwiegend auf den Weg der Kunstwerke in Europa konzentrierte und sie sich nur vereinzelt mit den Ursprungsländern beschäftigte.

Gerade eine solche Aufarbeitung ist aber unabdingbar für die Frage der Rückführung: Wer kann Anspruch auf ein Museumsobjekt mit umstrittenem Ursprung erheben? Sollten zum Beispiel religiös gebrauchte Gegenstände wie der Ekeko an jene ethnische Gruppe zurückgegeben werden, von der sie verehrt wurden, oder an die Nation als deren Rechtsnachfolgerin? Darüber hinaus stellen sich weitere ethische Fragen. Wie steht es mit Körperteilen wie Haaren oder Zähnen von Menschen, die in ethnologischen Museen ausgestellt sind? Und wie hält man es mit den Föten in einem Zürcher Medizinhistorischen Institut?

«Es wäre natürlich klasse, wenn wir uns Provenienzforschung leisten könnten», sagt Anna Schmid, Direktorin des Museums der Kulturen in Basel. «Wir wissen zwar von praktisch allen Objekten, woher sie kommen, und meistens auch, wer sie gebracht hat. Das schreiben wir wenn möglich in der Ausstellung jeweils an. Was wir jedoch oft nicht kennen, ist der genaue Weg, den die Objekte zurückgelegt haben.»

Raubgüter oder Raubkunst im engeren Sinn gebe es allerdings keine im Museum der Kulturen Basel. «Die Schweiz war nie eine Kolonialmacht», sagt Schmid. «Die Schweizer Forscher, deren Sammlungen in unserem Museum zu sehen sind, sind erst nach der Kolonialisierung in die kolonialisierten Länder gereist und haben dann Kulturgüter gesammelt.»

Die koloniale Vergangenheit

Dem widerspricht der Wissenschafts- und Kolonialhistoriker Bernhard C. Schär, der an der ETH Zürich am Lehrstuhl für Geschichte der Modernen Welt forscht: «Die Schweiz hat durchaus eine koloniale Vergangenheit, und gerade Forschungsreisende waren aktiv daran beteiligt.» Die Basler Cousins Paul und Fritz Sarasin zum Beispiel, die um 1900 zahlreiche Forschungsreisen im pazifischen Raum unternahmen und zu Gründerfiguren für das Museum der Kulturen Basel wurden, erforschten die indonesische Insel Sulawesi, bevor sie von den Holländern erobert wurde. Hierbei wurden sie von der niederländischen Kolonialverwaltung unterstützt. Wenige Jahre später profitierte die niederländische Kolonialarmee vom Wissen, das die Sarasins auf ihren Reisen gesammelt hatten, als die Armee die Insel militärisch eroberte.

Schär, dessen Dissertation «Tropenliebe» über Paul und Fritz Sarasin nächstes Jahr erscheint, findet deshalb: «Ethnologische und naturhistorische Museen haben einen Kulturauftrag. Dazu gehört, dass sie auch die dunklen Kehrseiten ihrer Geschichten aufarbeiten. Ein Grossteil ihrer Sammlungen stammt nun mal aus der Kolonialzeit. Koloniale Gewalt ist ein wesentlicher Teil ihrer Geschichte. Wie im Ausland wächst auch in der Schweiz das wissenschaftliche und gesellschaftliche Interesse, mehr über dieses koloniale Erbe zu erfahren.»

Zusätzlich bräuchte es jedoch ein Eingeständnis von politischer Seite, dass auch die Schweiz eine koloniale Vergangenheit hat. Nachdem mit dem Mythos der Neutralität der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs aufgeräumt wurde und das Schweizer Bankgeheimnis am Ende ist, ist die Schweiz vielleicht bald bereit für die nächste Aufarbeitung.

Nachtrag vom 19. März 2015

Gurlitt und die Transparenz

«Conny-Leaks» – so lautet das neuste Schlagwort, das zurzeit im Zusammenhang mit dem Kunstmuseum Bern und dem Gurlitt-Erbe durch die Medien geistert. Es öffnet ein weiteres Kapitel in einer nicht enden wollenden Geschichte, in der es um Kunst, Kunstraub und viel Geld geht.

Von einer Chance für Bern und sein Kunstmuseum sprachen die einen, wegen der absehbaren Kosten von einem «Fass ohne Boden» die anderen, als nach dem Tod des deutschen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt im vergangenen Mai bekannt wurde, dass dieser dem Kunstmuseum Bern sein Erbe, gut 1500 Bilder, vermacht. Da unter den Werken des deutschen Sammlers auch Raubkunst vermutet wird, musste das Museum eine Übernahme genau prüfen, ehe es im November schliesslich das Erbe annahm. Anfang dieses Jahres schuf das Museum eine Forschungsstelle, um die Provenienz der Werke zu untersuchen. Zwar ist deren Finanzierung noch nicht geklärt, doch der emeritierte Professor für Kunstgeschichte Oskar Bätschmann ist bereits als Leiter gewählt.

Wann und ob Bätschmann überhaupt jemals beginnen kann, die Gurlitt-Sammlung zu erforschen, ist unklar. Denn die Geschichte hat eine neue Wendung genommen, seit sich Gurlitts Cousine Uta Werner eingeschaltet hat und Gurlitts Testament anzweifelt. Und nun also auch noch «Conny-Leaks»: Hierbei handelt es sich um rund tausend Seiten Geschäftspapiere von Gurlitt, die die Entourage Uta Werners im Internet publizieren will. Dabei sollen die Namen von Käuferinnen und Verkäufern nicht geschwärzt werden, ein für den Kunstmarkt untypischer Vorgang. Gemäss «Berner Zeitung» wurden diese Dokumente Anfang 2014 mit Gurlitts Erlaubnis in einer Nacht- und Nebelaktion aus dessen Wohnung getragen, um die Geschichte fraglicher Werke aufzuarbeiten. Werner wolle mit ihrer Aktion sowohl dem Kunstmuseum als auch der deutschen Gurlitt-Taskforce Beine machen, so die «Berner Zeitung»: «‹Totale Transparenz› lautet die Losung.»

Auch wenn die ganze Gurlitt-Geschichte einer Farce gleicht, hat sie zumindest die Diskussion um die Provenienzforschung in der Schweiz vorwärtsgebracht: SP-Nationalrat Matthias Aebischer hat am 5. März einen Vorstoss zur «Stärkung und Koordination von Provenienzforschung in der Schweiz» eingereicht.

Silvia Süess

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