Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

Zwei Farben Blau

Berge gehören zum Schweizer Selbstverständnis. Wie man sie heute wahrnehmen kann, zeigen ein Buch von Leo Tuor sowie ein Band mit Texten von Franz Hohler, Noëlle Revaz und Giovanni Orelli.

Von Lennart Laberenz

Die Schweiz und Berge: Zugegeben, kein taufrisches Sujet. Im Frühjahr nach dem Volksentscheid aber fragt sich: Sind Berge, Wandern oder Jagd also konservative Symbole? Holt uns das Klischee wieder ein? Wie steht es um die Landschaft, die Peter Bichsel einst als integralen Teil des Schweizer Selbstverständnisses erkannt hat, als ob sie eine «Leistung» made in Switzerland sei? Im Zürcher Limmat-Verlag sind zwei kleine Bände  erschienen: Sie blicken in die Berge und könnten doch unterschiedlicher kaum sein.

Die Krankheit der Männer

Leo Tuor, rätoromanischer Autor und Alphirt in Graubünden, geht in «Cavrein» auf die Steinbockjagd, nur dabei könne man ein Tal in allen Einzelheiten kennenlernen. Tuor schreibt dieses Essay aus der Ich-Perspektive, verbringt Oktobertage um den Piz Russein herum, denn: «Wenn du nicht diese Krankheit der Männer hast, wenn du nicht unbedingt in den ersten Tagen schon eine wilde Geiss erlegt haben musst, ja, wenn du sogar in Kauf nehmen willst, nichts zu schiessen und als schlechter Jäger dazustehen, dann stell ein Gesuch für Cavrein und Russein. Dorthin lassen die Wildhüter nicht jeden gehen.»

Was folgt, sind schwere Tage, muffige Hütten, ruppige Aufstiege und wunderbar leichtfüssige Literatur. Die Berge der Jäger, die Berge der Strahler, Stenze und Alten sind es, auf denen Tuor herumklettert. Die Geiss zeigt sich erst gar nicht und ist dann eine Weile unerreichbar. Nebel kommt auf, es regnet. Tuor nutzt die hohen Berge als Ausblick auf die Gesellschaft. Er läuft tagsüber, die Nächte verbringt er in Hütten, von denen zumindest «die echten Alphütten (…) wirklich aus dem letzten Loch pfeifen». Allgegenwärtig ist der alpine «Kitsch vom Maiensässromantiker», der sich bis «weit über den Wald, in den öffentlichen Felsen, in diese radikale Welt» vorgearbeitet habe: «Zum Kotzen.»

Dabei ist «Cavrein» keineswegs ein moralinsaures Pamphlet, die Tage enden früh, der Blick auf umherziehende Steinböcke nährt die Hoffnung, ein paar flüchtige Gestalten gesellen sich dazu. Tuor nähert sich dem Bock über die Bergflanken, über die Literatur, den Mythos und über den Vortrag des Wildhüters. Der Berg ist hier weder romantisches Refugium noch Bewahrungs- oder Verklärungsschauplatz: Der Rhythmus des Jagens, die Zurückgenommenheit, erlaubt allerdings giftige Blicke auf die WochenendausflüglerInnen, die mit dem Flugzeug aus Zürich herüberkommen als «Schickeria der Gletscher»; auf das Jägerimitat mit Weidmannsramsch und Trophäengeilheit, das in St. Moritz «im Gleichschritt marschiert (…) mit Panzen à la Hermann Göring».

Auch der «Touristiker», der die Bläue besingt, während Welt und Berge eher steingrau sind, bekommt sein Fett weg. Damit wendet sich Tuor gegen den Konservatismus, der als Ausdünstung des Identitätsgeredes aus den Tälern aufsteigt: «Im Hochgebirge auf die Jagd gehen heisst nicht nur schiessen, ausweiden, die Beute zu Tal buckeln, das Gewehr putzen und die Frau waschen, bügeln und die Wäsche verstauen lassen. Jäger im Hochgebirge sein heisst vor allem: auf die Jagd gehen wollen, wo die grauen Tiere sind. Und es heisst ausserdem: Himmel und Felsen vermischen und Hörner, Himmel und Erde zusammenschichten. Davon haben die meisten Bündner, die grau sein wollen, aber blau sind, keine Ahnung.»

Ganz anders dagegen der dreisprachige Band von Franz Hohler, Noëlle Revaz und Giovanni Orelli: «Gipfel – Col – Valle». Eingeladen vom Verein Alpen-Initiative, verfassten die drei über ein Jahr hinweg je fünf Geschichten. Insbesondere Revaz und Hohler sammeln völlig belanglose und höchst sämig erzählte Eindrücke: kurze Wanderungen, die abgesehen von einigen Naturbeschreibungen – Spuren im Schnee, ein Besuch in Juf und die Erkenntnis, dass Älpler zum Entspannen noch höher hinaufsteigen – keinen Ertrag erkennen lassen.

Bühne für Modernisierungswitze

Den Tiefpunkt erreicht die Sammlung mit Fiktionalisierungen in Dialogform: Hier unterhalten sich fade «Berglotsen», also «Bundesbeamte», die nicht nur Bären, sondern auch die Fichtennadeln genau im Blick haben. Der Berg wird hier zur Bühne für mittelmässige Modernisierungswitze.

Halbwegs interessant sind Giovanni Orellis Betrachtungen aus der Perspektive des Bauern, seine Rückschau auf eine Kindheit in den Alpen, als das Auswendiglernen von Gipfelnamen «eine Art Landesverteidigung» war, aber auch poetische und ökonomische Motive barg. Insgesamt bleibt der Band eine blasse Mischung aus Journalismus, Selbstspiegelung und Auftragskunst. Wer «Cavrein» mit seinem Gespür für das Touristikerblau gelesen hat, erschrickt angesichts des naiven Jubels über den blauen Himmel einer Noëlle Revaz.

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