Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

Oh! Mein! Gott!

Karin Hoffsten über Orgien des Fremdschämens

Von Karin Hoffsten

Sein hoch entwickeltes Hirn erlaubt dem Homo sapiens, sich klug, vorausschauend, empathisch und was des Schönen mehr ist zu verhalten, doch leider eröffnet diese Komplexität ebenso unbeschränkte Möglichkeiten zum Doofsein.

Unabhängig von Geschlecht, Nation, Glauben und gesellschaftlicher Stellung kann Letzteres alle treffen, steht aber in Korrelation zur Bedeutung der Boulevardmedien. Da machte unser Verteidigungsminister, als er noch guter Dinge war, ein ödes Scherzchen über seine Frau als Haushaltsgerät, mit dem er als Ueli am Stammtisch kaum Aufsehen erregt hätte, so aber habens alle gehört oder gelesen.

Natürlich sind männerfeindliche Witze nicht besser als frauen- oder sonstwiefeindliche, und auch Frauen erzählen gern doofe Witze. Dass sie sich aber massenhaft darum reissen, den Stoff dafür gleich selbst zu liefern, hat wiederum mit den Medien zu tun. Beim «Bachelor», der TV-Datingshow, lassen zum Beispiel zwanzig Frauen Runde für Runde die Zicke und die Tussi raushängen. Der einzige Mann in der Sendung ist aber genauso doof und gilt quasi als Pars pro Toto, weshalb sich auch ein männlicher Zuschauer fremdschämen kann.

Doch zurück zu den Frauen. In der Sendung «FashionRun – das Shoppingduell» kann Frau jetzt zeigen, was sie am liebsten tut: lädele, bis die Tasche platzt! Und Gutes dabei tun, denn sie unterstützt den heimischen Handel. Da rennen zwei Frauen durch ein Shoppingcenter, um passend zu einem bestimmten Motto in drei Stunden für je 500 Franken ein Outfit samt Frisur zu ergattern. Wessen Styling der Jury besser gefällt, wird «Fashion Ikone vom Tag» und darf die erjagte «Aaleggi» behalten.

Nicht nur bei den Kandidatinnen, von denen man manche vor sich selbst schützen möchte, setzt der Vorgang Fieses frei, auch die «hochkarätige» Jury giftelt im Off. Die Damen (Ex-Miss-Schweiz Christa Rigozzi und Luisa Rossi, «Styling-, Lifestyle-Fashionconsulter») halten sich eher zurück und legen den Kandidatinnen ständig beschwörend «weniger ist mehr» ans Herz. Unberührt von diesem Rat hüllt sich ihr Mitjuror (Valentino, «Star-Coiffeur» und Millionär) in Outfits, die von Elton John inspiriert scheinen, und zeigt einen Hang zur Selbstoffenbarung: «Die Budgetkontrolle,  das händ vili Fraue nöd im Griff – also mini Fründin bringt au mee Rechnige amigs hei, als ich ire Geld mitgibe. Das isch scho eigentlich i de Regle immer so, dass s Geld nie langet.» Und als eine Kandidatin vergisst, den Vorhang der Umkleidekabine zuzuziehen: «Ooh, do hät si wunderschöni Brüscht, das isch jetz grad es Szenario, wo mir persönlich guet gfallt!» Na, guck.

Für TV-Shoppingduelle unter Männern hätte ich ein paar Tipps: «Gadget Run», «Ultimate Muscle Juice Run» oder – damit auch die ältere Generation nicht zu kurz kommt – «Viagra Run».

Karin Hoffsten guckt hin und wieder 
gern doofe Sachen.

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