Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

Die Satelliten stören

Von Kaspar Surber

Auf dem Cover blickt sie einem entgegen – und schaut doch tief in eine Oculus-Rift-Brille, die in die virtuelle Realität entführt. Das Bild passt zu Erika M. Anderson, kurz EMA, die man schnell verstanden haben will, und die doch immer wieder auf der Schwelle entwischt. Die sucht doch den aufrichtigen Rock, irgendwo im Anschluss an Nirvana, und an Konzerten gibt sie erst noch lasziv den Star. Aber dann schlägt sie wieder extra einen Haken zu viel und strauchelt über ihre heulenden Gitarren, als müsste jede Identitätssuche als Scherbenhaufen enden, glitzernd schön.

Ihr erstes Album, «Past Life Martyred Saints» (2011), verhandelte den biografischen Aufbruch aus der Enge in South Dakota. Auf «The Future’s Void» geht es nun um die Kontrolle im Netz, gerade auch die kommerzielle, wie sie in Interviews erklärt. Anlass dazu war noch nicht der NSA-Skandal, sondern die Beschäftigung mit den Bildern, die sie selbst im Internet hinterliess, auf ihrem Weg zur Bekanntheit. Im Eröffnungsstück «Satellites» erinnert sie in nostalgischer Paranoia an die Zeit des Kalten Kriegs, in «Neuromancer» nach dem Roman von William Gibson an die Figur des Cyberpunks.

Im eindringlichen «3 Jane» kommt sie in der Gegenwart an: Ein Synthesizer klimpert, das Schlagzeug setzt ein, und EMA erklärt im Widerhall, dass die moderne Krankheit die Dissozialität sei. Sie ruft zur Verweigerung auf, möchte nichts mehr von sich preisgeben, weil sie damit doch nur den nächsten Refrain im Unterhaltungsspektakel liefere.

Und doch ist EMA viel zu schlau, als dass sie diesen Refrain und ein paar weitere tolle in ihrem Kellerstudio zurückbehalten würde: Enthaltung kann es keine geben, besser Störgeräusche senden. Auch wenn das neue Album vom Spannungsbogen her nicht ganz an das Debüt herankommt, so scheppert und quietscht es doch so stark, dass es die Satelliten auf ihren ruhigen Bahnen schon irritieren wird.

EMA spielt am Mittwoch, 28. Mai 2014, 
um 21 Uhr im Bogen F in Zürich.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch