Nr. 22/2014 vom 29.05.2014

Natur ist immer schon Kultur

Gibt es ein ideales Klima? Die Frage könnte auch von LeugnerInnen des Klimawandels stammen. Doch Mike Hulme will damit über den unfruchtbaren Gegensatz von Natur und Kultur hinausgelangen.

Von Marcel Hänggi

Wer als JournalistIn über Klimawissenschaft schreibt, kennt den Konflikt: Einerseits gibt es keinen vernünftigen Grund, daran zu zweifeln, dass wir uns auf dem Weg zu einer dramatischen Erwärmung befinden. Jede Diskussion mit Leuten, die es immer noch nicht wahrhaben wollen, ist da Zeitverschwendung. Wenn aber andererseits KlimawissenschafterInnen meinen, die Medien müssten nur endlich den Menschen die Wahrheit über den Klimawandel vermitteln – dann kann ein kritischer Journalismus nicht zustimmen.

Es gibt beim Thema Klimawandel, vom Konsens über grundlegende Phänomene abgesehen, keine einfachen Wahrheiten. Davon geht Mike Hulme, Geograf und Gründer eines renommierten klimawissenschaftlichen Forschungsinstituts, in seinem Buch «Streitfall Klimawandel» aus. Hulme zeigt auf, woher die unterschiedlichen Einschätzungen sowohl des Klimawandels selbst wie auch dessen, was dagegen getan werden soll, zustande kommen. Sein Buch ist kein Buch über den Klimawandel (davon gibts genug), sondern eines über die verschiedenen Arten, über Klimawandel zu reden – über «Geschichten vom Aufeinandertreffen von Natur und Kultur».

Hulme fragt: Gibt es ein natürliches Klima? Und falls ja, weshalb sollte das natürliche das ideale sein? Das irritiert, und wie Hulme im Vorwort zur deutschen Ausgabe schreibt, stiess das englische Original des Buchs unter seinen KollegInnen auch auf Protest. Denn das sind Fragen, wie sie auch die Leugner und Verharmloserinnen des Klimawandels stellen. Und wenn Hulme die Meinung, der Klimawandel müsse auf höchstens zwei Grad begrenzt werden, als eine «Ideologie» unter anderen darstellt, während man die neusten Studien dazu in den Ohren hat, wie verheerend bereits eine Zweigraderwärmung sein dürfte, so ist das gewöhnungsbedürftig.

Wildnis muss nicht geschützt werden

Aber dass Hulme so verfährt, ist durchaus sinnvoll: Es ermöglicht Einsichten in Dimensionen des Klimawandels, die in der Debatte sonst zu kurz kommen – religiöse (Hulme ist gläubiger Christ), psychologische, ethische. Hulme lehnt die Sichtweise ab, es gelte, «Wildnis» zu erhalten und vor dem Menschen zu schützen. Denn «Natur», argumentiert er mit dem französischen Wissenschaftssoziologen Bruno Latour, lässt sich gegen «Kultur» nicht scharf abgrenzen. «Das Klima hat sich schon immer verändert» lautet ein beliebter Einwurf der LeugnerInnen. Das stimmt, wie Hulme betont – aber daraus folgt nicht, dass es richtig wäre, weiterzumachen wie bisher. «Das Klima hat sich schon immer verändert» funktioniert nur vor der Folie einer naiven Natur-Kultur-Dichotomie als Argument gegen klimapolitisches Handeln.

Klimawandel als «Ressource»

Hulme fordert, Klimawandel nicht als ein «Problem» zu verstehen: Damit begebe man sich nur in die Ohnmacht, weil sich der Klimawandel sowieso nicht «lösen» lasse. Stattdessen sollten wir Klimawandel als eine «Ressource» verstehen, aus der – weil der Klimawandel uns zwingt, gesellschaftlich manches neu auszuhandeln – Neues entstehen kann. «‹Klimawandel› leistet für uns tiefere kulturelle Arbeit. Er bringt uns von einem zeitgemässen Lesen von Klima weg zurück zu einem vormodernen oder vorwärts zu einem postmodernen Verstehen.» Das ist originell, aber, wie der zitierte Satz zeigt, auch nicht immer ganz verständlich (zumal in der mässig guten Übersetzung).

Ein gutes Buch? Leider hat es zwei grosse Mängel. Erstens ignoriert Hulme die in Klimafragen so wesentliche Kategorie der Macht. Man kann schon sagen, die Ablehnung jeglicher Klimapolitik sei genauso eine Ideologie wie die Meinung, wir müssten dringend handeln. Aber man sollte dabei nicht übersehen, welche Lobby- und Propagandamaschinen riesiger Industrien und mächtiger politischer Gruppen hinter der einen dieser beiden «Ideologien» stehen.

Zweitens ist Hulme nicht immer konsequent. Die Aussage, der Entscheid einer US-amerikanischen Frau, ein Kind weniger zu bekommen, vermindere «ihr Kohlenstofferbe um 800 Tonnen», referiert er als objektive Tatsache. Ausgerechnet beim so ideologieanfälligen Thema Bevölkerung ist er selbst ideologieblind.

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