Nr. 23/2014 vom 05.06.2014

Strahlende Grüne

Susi Stühlinger über nackte Kinder und Atome

Von Susi Stühlinger

Es lag auf der Hand: Nun, da dank der Annahme der «Pädophilie-Initiative» die Kinder geschützt würden, galt es, die Erwachsenen vor den Kindern zu schützen. Und es war klar, dass es in diesem Land nur eine Partei gab, die über die dazu nötigen Kompetenzen verfügte. Die CVP war gefragt. «Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen» lautete die Devise. Es kam schliesslich nicht von ungefähr, dass es nackte Kinder in der Badi gewissermassen herausforderten, in die Fänge von Pädophilen zu geraten, genauso wie Frauen in kurzen Röcken ja oft ihre eigene Vergewaltigung provozierten. Als promovierter Biologe kannte sich Stefan Müller-Altermatt, Nationalrat der Christlichen Volkspartei aus Solothurn, bestens mit dieser Problematik aus.

Kinder in Schwimmbädern hatten künftig Badehosen zu tragen, damit erwachsene Badegäste nicht unnötig unsittsamen Reizen ausgesetzt würden, die sie möglicherweise nicht kontrollieren könnten. Die Massnahme war Teil eines ganzen Ideenpakets, das auch einen vernünftigeren Umgang mit möglicherweise aufreizenden Bildern in den sozialen Medien bezweckte. Stefan Müller-Altermatt selbst hatte seine Privatsphäre vorbildlich geschützt, einzig den füdliblutten Steinbock auf seinem Facebook-Profil musste er bei Gelegenheit noch löschen. 
Die vorgeschlagenen Massnahmen würden die Schweiz endlich zum Familienparadies machen, das sich die CVP von Herzen wünschte. «Familienpolitik», so hatte es auch der Bündner CVP-Nationalratskollege Martin Candinas in den Medien treffend formuliert, «gilt in Bundesbern offenbar wieder als sexy.» Strahlende Kindergesichter würden der Lohn sein.

Strahlende Radium-226-Atome tummelten sich derweil auf einer Autobahnbaustelle in Biel-Mühlefeld, was bei der engen Wortverwandtschaft zu «Mühleberg» nicht weiter überraschend war. Heimtückisch verschwiegen hatte dies laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) Baudirektorin Barbara Schwickert (Grüne), die sich trotz der besorgniserregenden Vorkommnisse zuvorderst auf ihrer Website mit folgenden Worten brüstete: «Die Grünen Biel machens möglich: Der Atomausstieg wird umgesetzt.» Schwickert hatte entgegengehalten, dass auch das BAG gemeint habe, dass die Bekanntgabe des radioaktiven Fundes die Bevölkerung unnötig verunsichern würde. Mit demselben Argument wehrten sich zurzeit auch die schweizerischen AKW-Betreiber gegen die Erweiterung des Jodtablettenverteilradius. Atom hier, Atom dort, wer sollte da noch drauskommen!

Den Grünen, das war Stefan Müller-Altermatt und seinen Kollegen in der CVP klar, konnte man jedenfalls nicht trauen. Dieser Europaparlamentarier, Daniel Cohn-Bendit – der war auch ein Grüner, und ebender und seine grünen Hippiekollegen hatten ja damals mit nackten Kindern und so. Stefan Müller-Altermatt wollte nicht generalisieren, mit ein paar Grünen hatte er in der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie lebhafte Diskussionen, wenn es um die Laufzeitverlängerung von AKWs ging. Aber irgendwie waren die doch alle ein bisschen – verstrahlt.

Susi Stühlingers neue Uhr hat keine 
radioaktiven Leuchtzeiger.

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