Nr. 24/2014 vom 12.06.2014

Die weissen Herren kehren zurück

Trotz rasantem sozialem und ökonomischem Aufstieg ist Brasiliens Bevölkerung aufgebracht. Die Weltmeisterschaft im Land des Fussballs wird die teuerste aller Zeiten, nie verdiente die Fifa mehr Geld.

Von Carlos Hanimann

Die Rebellin war einen Monat zuvor 22 Jahre alt geworden. Sie hatte im Untergrund einen neuen Namen angenommen, immer wieder ihren Wohnsitz gewechselt, aber die Folterer der Militärdiktatur waren stärker als die Widerstandskraft der Genossen. Am 16. Januar 1970 wurde die 22-Jährige im Zentrum São Paulos von zivilen Polizeibeamten festgenommen, als sie eine Bar verliess, in der ein klandestines Treffen hätte stattfinden sollen. Ein Kollege hatte den geheimen Treffpunkt nach einem Tag Folter verraten. Die junge Frau wurde in ein Gefängnis gesteckt und 22 Tage lang gefoltert – mal wurde sie kopfüber an einer Stange aufgehängt, mal mit Faustschlägen und Stromstössen traktiert.

Der Name der jungen Guerrilheira lautet Dilma Vana Rousseff. 44 Jahre nach ihrer Verhaftung ist Dilma die mächtigste Frau Brasiliens.

Von der Staatsfeindin zur Staatspräsidentin, von der Militärdiktatur zur Demokratie, vom Drittweltland zur Wirtschaftsmacht – die Fortschritte Brasiliens in den letzten Jahrzehnten sind eindrücklich. 35 Millionen Menschen haben die Armut hinter sich gelassen. Sie sind sozial aufgestiegen und zählen nach offizieller Lesart zur sogenannten Mittelklasse. In diesen Tagen beginnt die Weltmeisterschaft im Land des Fussballs, kommendes Jahr feiert Brasilien dreissig Jahre Demokratie, und 2016 finden in Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele statt. Aber wenn am 12. Juni 2014 im neu gebauten Stadion Itaquerão in São Paulo die WM angepfiffen wird, wird Dilma Rousseff keine Ansprache halten, um den Applaus einer freudigen Menge entgegenzunehmen. Auch Joseph «Sepp» Blatter wird im Stadion wohl nicht zu hören sein. Denn an der Hauptprobe im Juni 2013 machten beide schlechte Erfahrungen damit: Bei der Eröffnung des Konföderationencups buhte das Publikum Blatter und Dilma im neuen Stadion von Brasília gnadenlos aus und deckte sie mit Pfiffen ein.

Proteste aus dem Nichts

Es war einer dieser seltsamen Abende in São Paulo. Stille legte sich über das Zentrum der scheinbar ewig pulsierenden Metropole, so wie immer, wenn Dunkelheit über die Stadt hereinbricht und mit ihr die Angst der Tagmenschen vor den Nachtmenschen, der Anzugträger vor den Habenichtsen, die sich tagsüber auf den Gehsteigen und in den Parks in der Sonne wärmen und nachts ihrer Arbeit nachgehen: Müll wegräumen, Karton, Flaschen, Büchsen sammeln. Ich mag die Nächte im Geschäftszentrum São Paulos. Es sind die Stunden, in denen man in Ruhe durch die Gassen spazieren und die Strassen überqueren kann, ohne ständig auf den Verkehr achten zu müssen. Die Gefahren sind andere, aber die haben in den letzten Jahren abgenommen, seit das Partyvolk das Zentrum neu entdeckt hat. Ich streifte also mit einem Freund durch die engen Häuserschluchten, ein letztes Mal noch bevor er abreisen würde. Wir hatten einen turbulenten Monat hinter uns, es war Ende Juni 2013, ein kühler Wind kündigte den Winter an, und in den Bars zeigten die Fernsehbildschirme, wie die brasilianische Fussballnationalmannschaft im Final des Konföderationencups gegen Spanien spielte. Generalprobe für die Weltmeisterschaft. Auf dem Platz lief alles wie am Schnürchen: Brasilien gewann 3:0. Vor dem Stadion aber: Tränengas, Blendgranaten, Gummischrot. Auf den Strassen herrschte Chaos: Millionen BrasilianerInnen protestierten – gegen die Erhöhung der Bustarife, gegen Korruption, für bessere Schulen und Spitäler, für das Recht auf Wohnen und nicht zuletzt auch gegen die Ausrichtung des Milliardenspektakels Fifa World Cup™.

Kindlicher Spass

Vielleicht hätte man es ahnen können, wenn man nur gut genug hingehört hätte. Unzufriedenheit, Ärger und auch Wut sorgten in der Vergangenheit immer wieder für kleinere Eruptionen, aber ein derartiges Erdbeben hatte niemand erwartet. Ich bin Halbbrasilianer und kenne das Land seit meiner Kindheit. Letzten Sommer weilte ich drei Monate in Brasilien, und ich traf keinen, der mit den Massenprotesten gerechnet hätte – vor allem nicht in dieser Heftigkeit. Ich war mit einem befreundeten Kollegen gekommen, um über den aufstrebenden Giganten Südamerikas zu berichten, «Boom Brazil», ein Land in Bewegung, volle Kraft voraus in eine verheissungsvolle Zukunft. Tatsächlich ist Brasiliens wirtschaftlicher Aufstieg bemerkenswert: In meinen Kindheitserinnerungen hatten Armut und eine galoppierende Inflation das Land im Griff. Als Kinder sammelten wir in den achtziger und Anfang der neunziger Jahre brasilianische Geldnoten – jedes Mal, wenn wir im Urlaub das Land besuchten, wartete bereits wieder eine neue Währung auf uns. Der Sozialdemokrat Fernando Henrique Cardoso verdarb uns den kindlichen Spass, als er 1994 den Plano Real lancierte und eine neue, stabile Währung einführte. Der Gewerkschafter Lula brachte das Land als Staatspräsident ab 2003 weiter voran, ermöglichte mit Sozialprogrammen Millionen Menschen ein würdiges Leben ohne Armut. Heute ist in Brasilien der Hunger das kleinere Problem als das Übergewicht.

Eine Geschichte der Gewalt

Aber mit dem sozialen und ökonomischen Aufstieg stiegen auch die Lebenshaltungskosten. Die Mieten in den Zentren von Rio de Janeiro oder São Paulo liegen auf europäischem Niveau und sind damit für untere und mittlere Einkommen unerschwinglich. Wer zur unteren Mittelschicht gehört, gibt gut ein Drittel seines Lohns für den öffentlichen Verkehr aus: In São Paulo beispielsweise sind die Bus- und U-Bahn-Tarife seit 1994 auf das Sechsfache gestiegen, fast doppelt so schnell wie die Inflation in derselben Zeit. Mikrokredite und Ratenzahlungen ermöglichen zwar fast allen unwahrscheinliche Konsummöglichkeiten, aber ein Plasmafernseher und ein Motorrad allein tragen noch nicht zu einem würdigen Leben bei. Die Gesundheitsversorgung ist vielerorts desolat, besonders in den Peripherien der Städte und auf dem Land, wo es an ÄrztInnen und Spitälern mangelt. Fehlende Bildung ist nach wie vor ein grosses Problem: Wer sich keine private Grundschule leisten kann, schafft es später kaum an eine der begehrten öffentlichen Universitäten. Ein Fünftel der BrasilianerInnen sind funktionale AnalphabetInnen, knapp zehn Prozent der Bevölkerung können nicht lesen, es gibt durchschnittlich nur eine Buchhandlung auf 63 000  Menschen.

Bürokratie und Korruption, Erbschaften der Militärdiktatur, sind alltäglich. Jedes Jahr werden 37 000  Menschen ermordet, das sind zwanzig Morde auf 100 000  EinwohnerInnen. Brasilien zählt damit zu den gewalttätigsten Ländern der Welt. Die Militärpolizei des Bundesstaats São Paulo tötete zwischen 2006 und 2010 2262 Menschen. Die meisten Opfer der Gewalt sind jung, männlich, schwarz, arm. Zudem bleibt Brasilien eine zutiefst machoide Gesellschaft; in São Paulo beispielsweise haben sechs von zehn Frauen häusliche Gewalt erlebt, in den letzten zehn Jahren wurden 45 000  Frauen umgebracht. In seiner Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse im Herbst 2013 führte der brasilianische Schriftsteller Luiz Ruffato diese Gewalt auf die traumatische Geschichte seines Landes zurück: Kolonialisierung, Raub und Genozid an den UreinwohnerInnen, Ausbeutung und Vergewaltigung der aus Afrika deportierten SklavInnen.

Vielleicht sollte man die Wut der BrasilianerInnen über die Fifa vor diesem Hintergrund sehen: als Ohnmacht angesichts einer erneuten (wenn auch temporären) Kolonialisierung durch einen beinahe allmächtigen, weissen Herrn aus Europa.

Die Fussballweltmeisterschaft in Brasilien bricht zahlreiche Rekorde, sie wird die teuerste aller Zeiten: Zehn Milliarden Franken kostet die WM – fast ausschliesslich finanziert durch die SteuerzahlerInnen, obwohl die Regierung 2007 bei der Vergabe versprach, einen Grossteil privat finanzieren zu lassen. Über drei Milliarden Franken öffentliche Gelder steckte sie stattdessen in Bau und Renovation von zwölf Stadien, weitere drei Milliarden in Infrastrukturprojekte für die urbane Mobilität, wobei viele Projekte wie etwa die U-Bahn in Salvador oder in Rio nicht fertiggestellt wurden.

Eine weitere Milliarde gibt Brasilien für die Sicherheit aus: 150 000  Soldaten und Polizistinnen sollen für einen reibungslosen Ablauf sorgen. Die Fifa erwirtschaftet voraussichtlich vier Milliarden Franken Gewinn, 800 Millionen mehr als bei der WM 2010 in Südafrika. Rund eineinhalb Milliarden betragen die Einnahmen aus den Fernsehrechten, über eine Milliarde nimmt sie mit weiteren Vermarktungsrechten ein. 14 000  JournalistInnen berichten aus Brasilien über das Spektakel – so viele wie nie zuvor.

Was der brasilianischen Bevölkerung von der WM bleibt, ist ungewiss. Vielleicht ein Weltmeistertitel, bestimmt aber weisse Elefanten: etwa eine Fussballarena mit 45 000  Plätzen mitten im Amazonasgebiet, wo der lokale Fussballverein in der vierten Liga spielt und ein paar Hundertschaften ZuschauerInnen anlockt.

Ein Sieg ohne Feststimmung

An jenem frostigen Winterabend Ende Juni 2013 spazierten mein Freund und ich über das Viaduto Santa Efigênia, eine Fussgängerbrücke aus dem Jahr 1913, von der man eine schöne Aussicht über das Vale do Anhangabaú geniesst. Dort unten, in diesem kleinen Tal, waren für den Monat Juni eine Tribüne und eine Leinwand aufgestellt worden, die Public- Viewing-Zone der Fifa. Viele Menschen hatten wir dort den ganzen Juni über nicht gesehen: Manchmal fanden sich ein paar Obdachlose ein, um Schnaps zu trinken oder sich vor der leeren Tribüne schlafen zu legen; die Securitys liessen sie gewähren. Auf der Mitte der Brücke kreuzten wir einen der über 15 000  Obdachlosen São Paulos; in eine Decke gehüllt, schlurfte er über die Brücke und ging wortlos an uns vorbei.

Der Schlusspfiff des Finalspiels hallte durch die Wolkenkratzer hoch zu uns auf die Brücke, wir vernahmen kurzen Jubel, dann wurde es wieder gespenstisch still, als wäre nichts Besonderes geschehen. Brasilien hatte Spanien besiegt und den Konföderationencup gewonnen, aber Feststimmung kam nicht auf. Stattdessen drängten sich die Tagmenschen vor der U-Bahn-Station und überliessen das Zentrum wieder denen, die dort auch nachts leben.

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