Nr. 24/2014 vom 12.06.2014

In toten Winkeln der Gesellschaft

Mit der Besetzung der Kleinen Allmend in Bern haben Jenische und Sinti öffentlich wirksam mehr Standplätze gefordert. Mittlerweile sind sie zurück auf jenen Plätzen, die ihnen unsere Gesellschaft zugestehen will.

Von Jan JirátMail an AutorIn (Text) und Ursula Häne (Fotos)

Wenn sich im Frühjahr reisende Jenische und Sinti aus der Schweiz, aber auch westeuropäische Roma auf die Reise machen, ziehen sie von Durchgangsplatz zu Durchgangsplatz. Diese Plätze werden jedes Jahr weniger, obwohl der Staat gesetzlich zur Bereitstellung verpflichtet wäre.

Die bestehenden Durchgangsplätze liegen stets in den toten Winkeln unserer Gesellschaft: an Autobahnausfahrten, bei Verbrennungsanlagen oder neben dem Strassenstrich. Es sind Orte ohne Identität und ohne Beziehung zur Umgebung. Der französische Anthropologe Marc Augé hat dafür den Begriff «Nicht-Orte» erfunden, aber er vernachlässigt die politische Dimension der Durchgangsplätze. Denn wo diese zur Verfügung stehen – und dass viel zu wenige zur Verfügung stehen –, ist Ausdruck des politischen und behördlichen Willens.

Der Besuch diverser Durchgangsplätze sowie zahlreiche Gespräche mit den Menschen vor Ort offenbaren die Motive dieses Willens: Die reisende Lebenskultur wird nur an der Peripherie geduldet und dort über verschiedene Techniken kontrolliert. Immer wieder fällt von den Betroffenen das Wort «Ghetto». Die Konkurrenz um die viel zu knappen Plätze führt zu Abgrenzung statt zu gegenseitiger Solidarität zwischen Jenischen, Sinti und Roma. Manche reden angesichts dieser Zustände von einer «perfiden Assimilation, die uns in die Sesshaftigkeit drängen will».

Riet, Oberwinterthur

Immerhin, die Kehrichtverbrennungsanlage stinkt nicht: Durchgangsplatz Sedel am Stadtrand von Luzern.

«Sehen Sie den Mast da? Da ist eine Überwachungskamera befestigt», sagt ein sichtlich erregter älterer Mann, der soeben am Münzautomaten die tägliche Benutzungsgebühr von fünfzehn Franken bezahlt hat. «Was würden Sie sagen, wenn so eine Kamera direkt vor Ihrer Wohnung stünde?» Mit der Presse mag er eigentlich gar nicht reden, und schon gar nicht will er seinen Namen in der Zeitung lesen. Dafür gibt es gute Gründe – dazu später.

Auf der fussballplatzgrossen Betonfläche stehen jeweils am Rand etwa zehn Wohnwagen. Der Durchgangsplatz in Riet, Oberwinterthur, liegt direkt neben einer Sonderabfallsammelstelle, die als «Stinkberg» bekannt ist. Weht der Wind ostwärts, überzieht beissender Gestank den Platz. An diesem Morgen Anfang Juni ist nicht viel los, die meisten Männer sind zur Arbeit gefahren, die Frauen und Kinder sitzen im Wohnwagen beim Frühstück, es ist noch frisch draussen.

Unter dem Vorzelt eines Wohnwagens trinkt ein Ehepaar Kaffee. «Als dieser Platz letztes Jahr gebaut wurde, hörten wir Sprüche wie ‹Sondermüll zu Sondermüll›», sagt der etwa fünfzigjährige Scheren- und Messerschleifer, der viele KundInnen aus der Gastronomie hat. Wegen der Deponie sei der Platz unter den reisenden Schweizer Jenischen und Sinti nicht wirklich beliebt. Der Gestank ist nicht der einzige Grund: «Um unsere Vorzelte vor die Wohnwagen zu spannen, müssen wir die Heringe in den Betonboden einschlagen. Das ist mühsam, und natürlich haben die zuständigen Behörden keine Freude daran. Wir werden zusammengeschissen und teilweise gebüsst.» Aber auf die Idee, den Platz mit Kies oder Rasen auszulegen, seien die Behörden nicht gekommen. Die Überwachungskameras haben das Fass schliesslich zum Überlaufen gebracht. Nach Protesten sei die Kamera mittlerweile mit einem Abfallsack zugedeckt worden, aber das könne sich jederzeit wieder ändern. «Ausserdem kommt die Polizei hier sowieso jeden Tag vorbei. Wir sind das bestkontrollierte Volk des Lands», sagt die Ehefrau.

Die Wintermonate verbringt das Ehepaar mit den Kindern und Enkeln auf ihrem Familienstandplatz in Dietikon. Dort ist die Familie gemeldet, auch der Schulunterricht läuft über die Gemeinde. Im Sommer erhalten die Eltern den Schulstoff auf ihre Reise mit, im Winter besuchen die schulpflichtigen Kinder normal den Unterricht. In den letzten Jahren sei es immer schwieriger geworden, auf den Durchgangsplätzen unterzukommen, zumal mehrere Plätze für eine Nutzung nicht infrage kämen. «In Wädenswil ist direkt neben der Wiese ein Schwulenstrich. Da will ich doch mit meinen Kindern nicht hin», sagt die Ehefrau. Auch Kaiseraugst sei schlimm. «Das ist ein gemischter Platz, den auch Roma nutzen dürfen. Die haben andere Sauberkeitsvorstellungen. Es ist viel dreckiger da.» Schliesslich gebe es viel weniger private Plätze als früher, ergänzt der Ehemann. «In meiner Kindheit liessen uns viele Bauern am Waldrand ein paar Tage oder Wochen bleiben. Heute dulden die Behörden diese Nutzung immer weniger, andererseits ist die Bereitschaft der Bauern gesunken, weil der persönliche Kontakt immer seltener wird.»

Am Dorfrand von Fehraltorf

Keine halbe Stunde Autofahrt vom «Stinkberg» entfernt steht auf einer grünen Wiese am Dorfrand von Fehraltorf ein halbes Dutzend Wohnwagen. Unablässig brummt der Verkehr in Richtung Zürcher Oberland, ansonsten wirkt der Platz im Vergleich zum Riet geradezu idyllisch.

Auch hier ist nicht viel los. Ein Auto biegt auf die Wiese ein, und ein älteres Ehepaar steigt aus. «Wir hatten Glück mit diesem Platz», sagt der Mann. Zwei Wochen können sie bleiben. Für sieben Franken am Tag inklusive Stromnutzung. «Früher sind wir auf dem Schulhausplatz gestanden.» Aber dort sei es hin und wieder zu Pöbeleien gekommen, wenn die jungen Leute am Wochenende im Ausgang waren. «Hier haben wir unsere Ruhe und sind trotzdem rasch im Dorfzentrum.»

Der Hof der Bäuerin, die ihre Wiese den reisenden Jenischen zur Verfügung stellt, liegt auf der anderen Strassenseite. «Wieso sollte ich die Wiese nicht vermieten, wenn sie gerade frei ist?», fragt sie. Sie verlasse sich jeweils auf den Eindruck, der am Anfang des Gesprächs entstehe. «Erst gestern hat jemand geklingelt, der ziemlich aufdringlich war, also habe ich abgelehnt. Zumal der Platz bereits besetzt ist.» Ihre Wiese stelle sie auch ausländischen Roma zur Verfügung, wenn der Eindruck stimme. Dann dürfen die Gäste auch ihre alte Waschmaschine benutzen, und ab und zu gehe sie abends für eine Tasse Kaffee auf die andere Strassenseite. «Klar gab es auch schlechte Erfahrungen, aber grundsätzlich geht es problemlos», sagt sie zum Abschied.

Kaiseraugst, Augsterstich

Ursprünglich war der Augsterstich in Kaiseraugst ausschliesslich für Roma vorgesehen, die auf ihren Transitreisen in grösseren Gruppen unterwegs sind als Schweizer Jenische und Sinti. Wegen der akuten Platzknappheit nutzen aber längst beide Gruppen den Platz. Wie schon auf den anderen Durchgangsplätzen ist die Sauberkeit auf dem Platz augenfällig, fast schon pingelig.

In einer Ecke des Platzes stehen mehrere Wohnwagen mit deutschen Kennzeichen. Sie gehören französischen Roma, die im Sommer in Westeuropa unterwegs sind. Das Gespräch mit einer Gruppe junger Männer beginnt vorsichtig und auf Französisch; bald stellt sich jedoch heraus, dass sie hervorragend Deutsch sprechen. In die Schweiz kommen sie jedes Jahr.

«Natürlich benutzen wir das Klo hier nicht. Haben Sie es mal angeschaut? Nicht mal die Türen lassen sich schliessen! Wir nutzen die Toilette bei der Tankstelle oder gehen in die Migros», sagt der Wortführer und schmunzelt. Es sei gut möglich, dass die Jenischen vor der Kamera schlecht über die Roma reden würden. Aber eigentlich kämen sie gut miteinander aus. «Ab und zu trinken wir zusammen Kaffee und tauschen uns darüber aus, was im letzten Jahr passiert ist», sagt er und zieht dann über die Reisenden aus Holland und England her.

Als ein junger jenischer Vater in der entgegengesetzten Ecke des Platzes erfährt, dass die Presse vor Ort ist, sucht er dringend das Gespräch, stellt aber sogleich klar, dass er unter keinen Umständen mit Namen erwähnt werden will. «Nach unserer Besetzung der Kleinen Allmend in Bern und der anschliessenden Räumung durch die Polizei im Frühjahr sind in den Medien Bilder von mir aufgetaucht. Daraufhin haben mehrere meiner Kunden die Zusammenarbeit aufgekündigt», sagt er, um Fassung ringend. Sein Vater und nun er seien seit über fünfzig Jahren im Altmetallrecycling tätig. Nie gab es Beschwerden. «Und plötzlich musste ich die Schlüssel zu Lagerhallen abgeben, weil sie mich in der Zeitung erkannten – als Jenischen!»

Trotzdem hält er die Protestaktion im Frühjahr für einen Erfolg: «Erstmals seit Jahren ist es kein Riesenstress mehr, einen Platz zu finden, weil uns mehrere Gemeinden temporär Plätze zur Verfügung stellen.» Das sei ja auch durchaus lukrativ. In Nidau etwa, wohin sie nach der Besetzung gefahren seien, habe die Gemeinde mehr als 10 000  Franken Platzgebühren eingenommen. «Unsere Lebenskultur ist keineswegs so günstig, wie viele meinen. Die Platzmiete für Durchgangs- und Standplätze, das Leasing für den Wohnwagen, mögliche Heizkosten, das kostet monatlich meist über 1500 Franken.»

Die Protestaktion sei aber auch ein klares Signal an die beiden etablierten Interessenverbände der Fahrenden gewesen, die Radgenossenschaft und die Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende. «Meiner Ansicht nach haben die – bei allem Respekt – zu wenig erreicht in der Vergangenheit. Wir haben deshalb beschlossen, auf eigene Faust zu handeln. Dazu gehört auch die Gründung des Vereins Bewegung der Schweizer Reisenden.»

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