Nr. 25/2014 vom 19.06.2014

Die Waffenlobby zu Gast bei Freunden

Von Florian Keller

Die kalifornische Filmcrew war überwältigt. Sie waren eigens fürs Eidgenössische Feldschiessen eingeflogen: Jungregisseur Jesse Winton mit seinem Vater Randy, dazu zwei Kameramänner. Am Feldschiessen im Glarnerland und im Kanton Freiburg wollten sie filmen, wie hier in der Schweiz die Wehrhaftigkeit als Folklore gepflegt wird. Begleitet wurden sie dabei von Marcel Benz, dem Geschäftsführer des Schweizer Schiesssportverbands (SSV).

Auch ein Reporter von der «Südostschweiz» war mit von der Partie und berichtete danach treuherzig, dass die Besucher von der Disziplin des Schweizer Schiessvolks schwer beeindruckt gewesen seien. Der Journalist hielt es allerdings nicht für nötig, sich schlauzumachen, was für ein Film das überhaupt ist, den die Gäste aus dem Land des unbegrenzten Waffenbesitzes da drehten.

Also klären wir auf: Die Wintons sind christliche Fundamentalisten mit einer rechtskonservativen Agenda. Im Film «Rescued» propagieren sie die Adoption von Kindern in christliche Familien, damit die Kinder nicht «in die Hände von lesbischen oder schwulen Eltern fallen». Der Film, für den sie extra zum Eidgenössischen Feldschiessen anreisten, heisst «Targeted» und hat nur ein Ziel: gegen strengere Waffengesetze in den USA mobilmachen. Er will die «finstere Wahrheit hinter der Waffenkontrolle» aufdecken. Schon der Trailer ist reine Propaganda. Ein namenloser Experte darf hier in heiligem Ernst verkünden, dass die Entwaffnung der Bevölkerung durch den Staat direkt in den Totalitarismus führe. Die Geschichte, so der Experte, habe schliesslich gezeigt: Despotische Regimes erkenne man daran, dass sie ihrem Volk den Besitz von Schusswaffen verbieten. Und damit die ungeheuerliche Argumentation so richtig gruselig wirkt, werden dazu Archivbilder von Hitler und Mussolini eingeblendet.

Hat der Geschäftsführer des SSV gewusst, für was für einen Film er da als Fremdenführer wirkte? Er sei kurzfristig eingesprungen, um die Filmemacher als Übersetzer zu begleiten, sagt Marcel Benz. Diese hätten ihm gegenüber gesagt, dass sie in ihrer Dokumentation das US-Waffenrecht mit dem der Schweiz vergleichen und dabei auch über das Feldschiessen als grössten Breitensportanlass der Schweiz berichten möchten. Den Trailer zum Film hat Benz nicht gesehen.

Ein Volk ohne Schusswaffen, sagt der Mann im Trailer, sei ein Volk von Sklaven.

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