Nr. 25/2014 vom 19.06.2014

Unfairer Handel?

Eine neue Studie kommt zum Schluss, dass Fairtrade nicht als Strategie zur Armutsbekämpfung taugt. Erwartungsgemäss widerspricht Max Havelaar vehement – und mit Zahlen einer anderen Studie.

Von Corina Fistarol

Wer für «fair gehandelten» Kaffee aus Uganda oder «Fairtrade-Rosen» aus Äthiopien etwas mehr bezahlt, nimmt an, dass auf den Plantagen bessere Arbeitsbedingungen herrschen, als wenn die Betriebe nicht Fairtrade-zertifiziert sind. In der Schweiz werden immer mehr Produkte mit dem Max-Havelaar-Gütesiegel verkauft: Für 2013 konnte die Stiftung ein Umsatzplus von sechzehn Prozent gegenüber dem Vorjahr verkünden. Anlässlich der Publikation der Jahresrechnung spricht Max Havelaar von einem «wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Fairtrade-Kleinbauernfamilien und Arbeitern in Afrika, Lateinamerika und Asien».

Kleine Betriebe versus Grossplantagen

Eine Studie der Universität London besagt nun aber, dass Fairtrade zumindest in Uganda und Äthiopien kaum funktioniert: Die Löhne in Gegenden, in denen Fairtrade-Produktion dominiert, seien geringer als an Orten mit konventioneller Produktion. Die der Uni angegliederte School of Oriental and African Studies (Soas) hat in den beiden Ländern während vier Jahren mehr als 1800 Interviews geführt. «Leider kamen wir zum Schluss, dass besonders landwirtschaftliche LohnarbeiterInnen kaum Nutzen aus Fairtrade ziehen», erklärt Koautor Bernd Müller. Er spricht von einem Versäumnis im Hinblick auf das ausgesprochene Ziel der Fairtrade-Organisationen: die Armutsreduktion.

Erwartungsgemäss widersprechen Fairtrade-Organisationen dieser Schlussforderung. Beispielsweise vergleiche der Bericht den Verdienst von ArbeiterInnen auf kleinbäuerlichen Betrieben mit dem von ArbeiterInnen auf nicht zertifizierten Grossplantagen. Dass kleine Betriebe geringere Löhne zahlen würden als Grossplantagen, sei wenig überraschend, zumal diese kaum allein vom Verkauf von Fairtrade-Produkten lebten. «Das ist ein unfairer Vergleich, denn eine grosse Plantage hat andere finanzielle Bedingungen und Ressourcen als eine kleine Kooperative, in der es auch um Existenzsicherung geht», heisst es in einer Stellungnahme von Max Havelaar. Dem Vorwurf, dass die Studie das nicht berücksichtige, widerspricht Müller vehement: «Das ist eine bewusste Falschdarstellung. Wir haben in unseren Analysen die Betriebsgrösse sorgsam berücksichtigt. Das geht aus unserem Bericht klar hervor und ist Fairtrade auch voll bewusst.»

Max Havelaar beruft sich indes auf eine andere Studie. Vor zwei Jahren haben Forschende vom Centrum für Evaluation (CEval) der Universität des Saarlands sechs Fallbeispiele und je eine Vergleichsgruppe untersucht. Dabei stellten sie fest, dass Bäuerinnen und Arbeiter in Fairtrade-zertifizierten Organisationen ein höheres und stabileres Einkommen erzielen, über bessere Anstellungsbedingungen verfügen und besseren Zugang zu Bildung haben. Diese Studie zeigt zudem, dass die Bauern und Arbeiterinnen Fairtrade-Prämiengelder in Projekte investieren, von denen eine breitere Bevölkerung profitiert. «Entscheidend ist, dass die Bauern über die Prämien selbst in einem demokratischen Prozess entscheiden können», erklärte Michael Nkonu, Geschäftsleiter von Fairtrade Afrika, in Genf anlässlich der Publikation der Untersuchung. Diese Prämien kämen schliesslich der ganzen Community zugute.

Toiletten nur für ManagerInnen

Dieser Einschätzung widersprechen die Soas-ForscherInnen. «Gewisse Gruppen haben schon von der Prämie profitiert, allerdings anders als von den KonsumentInnen erwartet», sagt Bernd Müller. Bei einer zertifizierten Teekooperative etwa wurden Prämiengelder in einen Speisesaal investiert, der nur von Fabrik-, nicht aber von FeldarbeiterInnen genutzt werden könne. Die Toiletten seien nur für die ManagerInnen zugänglich, die Klinik nur für Festangestellte der Teefabrik unentgeltlich. LohnarbeiterInnen müssten zahlen, was die meisten nicht könnten. «Somit könnte das Label tatsächlich dazu beitragen, lokale, kapitalistische Produzenten zu fördern», so Müller. Das müsse indes nicht nur schlecht sein, denn es könne auch zur Schaffung von Arbeitsplätzen beitragen.

Max Havelaar ist weiterhin überzeugt, dass sowohl Kleinbauern als auch Lohnarbeiterinnen von der Zertifizierung profitieren. «Fairtrade behauptet ja nicht, die Lösungen vom ersten Tag an zu haben, sondern begleitet die Kooperativen vielmehr auf einem Weg, dessen Ziel existenzsichernde Löhne sind», so die Stellungnahme. Bernd Müller findet Fairtrade nicht «nutzlos», aber er meint, dass der Fairtrade-Gedanke zu simpel sei, um die komplexen Armutsprobleme zu bekämpfen. «Entgegen vielfältigen Propagierungen besitzt das Label weder die nötige Wirkungskraft noch die Kontrollmechanismen, um dem eigenen Anspruch gerecht zu werden.»

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