Nr. 46/2005 vom 17.11.2005

Rote tote Stadt

Zehn Jahre nach dem Friedensschluss von Dayton ist das Land noch nicht zusammengewachsen. BewohnerInnen der bosnischen Kleinstadt Drvar erzählen, warum.

Von Jean-Arnault Dérens, Drvar

Wie verloren liegt die Kleinstadt Drvar in den Bergen Westbosniens, nahe an der Grenze zu Kroatien. Sie trägt bis heute Spuren des Krieges. Im Zentrum der Stadt stehen versehrte, mit Parolen beschmierte Gebäude, daneben eine neu errichtete Post. In unmittelbarer Nähe davon befinden sich zwei Kirchen. Die kleine katholische Kirche, ein vorfabrizierter Bau, ist in sehr schlechtem Zustand, seit die KroatInnen die Stadt verlassen haben. Die orthodoxe Kirche hingegen, ein imposantes Gebäude, ist erst kürzlich wieder aufgebaut worden. Während der Woche stehen beide Gotteshäuser leer.

Drvar war früher eine fast ausschliesslich serbische Stadt. Während des Zweiten Weltkriegs galt sie als Bastion der kommunistischen PartisanInnen. 1995, während der kroatischen Kriegsoffensive, vertrieb die kroatische Armee die serbische Bevölkerung. An die Stelle der SerbInnen traten vertriebene KroatInnen aus Zentralbosnien. Seither sind nach und nach die serbischen BewohnerInnen der Stadt wieder zurückgekehrt - und haben ihrerseits KroatInnen aus den Wohnungen und Häusern gezwungen.

Über dem Postgebäude flattert die kroatische Fahne. Die Post wie auch die wichtigsten Verwaltungsgebäude sind kantonales Hoheitsgebiet. Drvar gehört zum Kanton Nummer 10, der von den kroatischen NationalistInnen der HDZ dominiert wird (der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft, dem bosnischen Pendant zur Partei des früheren kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman). Da sich die serbischen und kroatischen Parteien nicht auf einen Kantonsnamen einigen konnten, trägt der eben eine Nummer. Die bosniakisch-kroatische Föderation, zu der Drvar gehört, ist in zehn Kantone unterteilt. Die Föderation wiederum bildet zusammen mit der serbischen Republik den Gesamtstaat Bosnien-Herzegowina (vgl. Kasten).

«In Drvar haben die Serben die Wohnungen und die Kroaten die Arbeitsstellen», sagt Milan, ein junger Mann, der für eine internationale Organisation arbeitet. Tatsächlich schreibt das Gesetz vor, dass die RückkehrerInnen das Eigentum zurückerhalten, das sie vor dem Krieg 1992-1995 besassen. So konnte die serbische Bevölkerung, die seit dem Jahr 2000 in grosser Zahl wieder nach Drvar zurückkehrt, ihre Wohnungen und Häuser wieder beziehen. Doch die Stellen in der öffentlichen Verwaltung bleiben vom Kanton abhängig. Das Postbüro beschäftigt keine serbischen Angestellten. Dasselbe gilt für den lokalen Stromversorger und die anderen staatlichen Unternehmen.

In der Zagreber Tageszeitung «Vecernji List» erschien im Frühling ein Artikel, in dem von einer neuen «ethnischen Säuberung» gegen die kroatische Bevölkerung die Rede war. Der Schuldirektor Marko Pezer bestätigt das und verweist auf die Zahl seiner SchülerInnen: Von 700 waren letztes Jahr 452 SerbInnen und 155 KroatInnen. Als im September die Schule wieder begann, zählte er nur noch rund hundert kroatische Schüler-Innen. Viele kroatische Familien hätten das Ende des Schuljahres abgewartet, um ins nahe Kroatien zu ziehen, sagt Pezer. Auch er, ein Kroate aus der Nähe von Sarajevo, will auswandern. Seine Schwester hat sich im kroatischen Knin niedergelassen und baut dort ein Haus. Dass die Kroaten alle Arbeitsstellen für sich beanspruchten, sei eine Lüge, sagt Pezer weiter. Und klagt über die tiefen Löhne. «Wie kann ein Lehrer mit einem Monatslohn von 200 Euro leben, wenn die Miete den ganzen Lohn gleich wieder verschlingt? Die Serben nehmen ihre Häuser wieder in ihren Besitz und sind entschlossen, die Kroaten mit allen Mitteln zu vertreiben.»

Anders tönt es bei der dominierenden Partei von Drvar, den Serbischen Unabhängigen Sozialdemokraten (SNSD). Von Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen will man nichts wissen. «Bei uns haben die Nationalisten der Serbischen Demokratischen Partei (SDS) nicht die geringste Chance. Sie nehmen nicht einmal an den Wahlen teil», sagt Slobodanka Grubor. Sie ist Abgeordnete im Parlament der bosniakisch-kroatischen Föderation. «Drvar war eine rote Stadt. Wir alle hier waren Kommunisten, wir lebten in einer Arbeiterstadt, der Nationalismus hat uns nie interessiert. Nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens haben die Nationalisten uns das bezahlen lassen. Sie haben sich an Drvar gerächt, weil wir in ihren Augen keine guten Serben waren. Danach haben die kroatischen Nationalisten unsere Stadt verwüstet. Trotzdem geht das Leben weiter. Und es gibt sogar immer wieder serbisch-kroatische Mischehen.»

Milan, der ein kleines Café führt, kann das bestätigen. Er deutet auf eines dieser «gemischten» Ehepaare, das so-eben die Strasse im Zentrum von Drvar überquert. Milan teilt die Jugo-Nostalgie der Abgeordneten Grubor, ist aber viel weniger optimistisch. «Drvar ist eine tote Stadt. Früher hatten wir viel Industrie hier. Alle Fabriken haben dichtgemacht. Unser letzter Reichtum sind die Wälder. Doch diese werden von der Politmafia geplündert.» Das Gemeindegebiet von Drvar ist von grossen Wäldern bedeckt. Vor dem Krieg bewirtschafteten staatliche Unternehmen den Wald. 1996, wenige Monate nach Ende des Krieges, wurde der Wald privatisiert. Das Rennen machte Finvest, ein Unternehmen mit Sitz in Kroatien.

Ingenieur Bajic leitet die Vereinigung der arbeitslosen Arbeiter von Drvar. In der Vereinigung haben sich serbische RückkehrerInnen zusammengeschlossen. «Vor dem Krieg beschäftigte die Holzindustrie 6500 Menschen», erzählt der Ingenieur. «Heute hat Finvest nicht einmal hundert Leute aus Drvar angestellt. Das Unternehmen beschränkt sich darauf, Holz zu schlagen. Die Verarbeitung der Ressourcen und die Wiederaufforstung interessieren Finvest nicht. Seit zehn Jahren ist kein einziger Baum gepflanzt worden. Die Firma plündert die Wälder für den kurzfristigen Profit. Die nationalistische Mafia ist an der sozialen Katastrophe schuld - nun bereitet sie eine ökologische Katastrophe vor.» Die Finvest ist direkt mit den Baronen der HDZ verbandelt, die auf beiden Seiten der bosnisch-kroatischen Grenze allmächtig sind.

Harsche Kritik übt der Ingenieur aber auch an den internationalen Organisationen. «Sie sprechen von Demokratisierung. Doch in der Realität stützen sie die nationalistischen Parteien und die Mafia, die das Land ausplündern. Zwischen den Bevölkerungsgruppen gibt es keine Probleme. Was wirklich nötig ist, ist ein Rückgängigmachen der schändlichen Privatisierungen und der Kampf gegen die Mafia und Korruption. Wenn es Arbeit gäbe, könnten in Bosnien alle so problemlos zusammenleben wie früher.»

Diese Meinung ist in Bosnien-Herzegowina weit verbreitet. Die dramatische soziale Situation - fünfzig Prozent Arbeitslosigkeit in der aktiven Bevölkerung - stellt alle demokratischen Errungenschaften in Frage. Auch die RückkehrerInnen-Zahlen des Uno-Hochkommissariats für Flüchtlinge sind mit Vorsicht zu geniessen. Vor einem Jahr soll die «Schallmauer» von einer Million zurückgekehrten Flüchtlingen durchbrochen worden sein. Doch in Tat und Wahrheit handelt es sich dabei oft um «falsche» RückkehrerInnen: Sie nehmen lediglich ihr altes Hab und Gut wieder in Besitz - um es zu verkaufen und wieder abzureisen.

Auch Milan, der Betreiber des Cafés in Drvar, ist überzeugt davon, dass das Problem nicht ein ethnisches ist. «Nicht die Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe ist der Grund für den Hass. Niemand hat Arbeit, niemand hat eine Lebensgrundlage. Bosnien ist ein Land, das sich entvölkert. Vor allem die Jungen mit guter Ausbildung ziehen weg. Die nationalistischen und die internationalen Bürokraten, die uns eigentlich helfen sollten, wollen diese Wahrheit nicht hören. Denn sie ist der Beweis für ihr grosses Scheitern.»

Zehn Jahre Dayton-Abkommen

Am 21. November 1995 einigten sich die bosnischen Kriegsparteien (vertreten von den Präsidenten Alija Izetbegovic, Franjo Tudjman und Slobodan Milosevic) auf dem Luftwaffenstützpunkt in Dayton, Ohio, auf ein Friedensabkommen. Es beendete den dreieinhalbjährigen Krieg. Das Abkommen sieht einerseits vor, dass Bosnien-Herzegowina ein einheitlicher Staat ist, teilt diesen aber gleichzeitig in zwei Einheiten: Die bosniakisch-kroatische Föderation mit zehn Kantonen und die serbische Republik. Es gibt also den Gesamtstaat, die beiden Einheiten, die zehn Kantone und noch den Distrikt Brcko, der von beiden Einheiten verwaltet wird. Dieser komplizierte Staatsaufbau mit seinen unklaren Zuständigkeiten, verschlungenen Entscheidungswegen und ausufernden Bürokratien ist sehr ineffizient. Der riesige Verwaltungsapparat verschlingt einen grossen Teil des Budgets. Das Land ist faktisch geteilt; eine gesamtbosnische Identität gibt es kaum. Deshalb werden die Rufe und Vorschläge einer Revision des Vertrags von Dayton immer lauter.

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