Nr. 26/2014 vom 26.06.2014

Sonntagsprimeur statt Sorgfalt

Von Noëmi Landolt

Wie schreibe ich einen Skandal herbei, wo keiner ist? Ein Lehrstück dafür lieferte die jüngste Ausgabe der «SonntagsZeitung» mit der Berichterstattung über die von der Bundeskanzlei einberufene Denkgruppe Democrazia Vivainta. Diese traf sich diesen Frühling viermal zu einer Art Brainstorming über mögliche Reformen im Bereich der politischen Rechte. Dass die Öffentlichkeit nicht aktiv darüber informiert wurde, war für die «SonntagsZeitung» Anlass genug, auf der Frontseite zu titeln: «Geheimgruppe des Bundes will Volksrechte abbauen».

Wer «Democrazia Vivainta» googelt, findet an zirka fünfter Stelle den Lebenslauf eines Berner Politikwissenschaftlers, in dem er seine Teilnahme an der Denkrunde aufführt sowie auch seine Telefonnummer. Wie geheim kann eine Gruppe sein, wenn mindestens ein Mitglied mit einer simplen Internetrecherche ausfindig gemacht werden kann? Der Politikwissenschaftler war, wie die WOZ weiss, auch von den Journalisten der «SonntagsZeitung» kontaktiert worden und hatte ihnen Auskunft gegeben – erwähnt wird dies im Artikel nirgends. 

Diese «geheime» Gruppe will also die Volksrechte abbauen? Um die reisserische Behauptung zu illustrieren, werden Ausrisse aus Protokollen mit vermeintlichen Beschlüssen der Denkgruppe publiziert. Wer bei der Bundeskanzlei nachfragt, erfährt, dass es sich dabei um Thesen handle, die als Denkanstösse für die Diskussion dienen sollten. Als JournalistIn darf man dies zwar infrage stellen. Im Sinne einer fairen Berichterstattung müsste mindestens der Bundeskanzlei Raum zur Gegendarstellung gewährt werden.

Abgesehen davon, dass es völlig legitim ist, dass die Bundeskanzlei zum Gedankenaustausch über politische Rechte einlädt, mögen die Versäumnisse der Journalisten der «SonntagsZeitung» bestenfalls als Schludrigkeit durchgehen. Es bleibt jedoch der Eindruck, dass Informationen zurückbehalten wurden, die dem gewitterten Skandal nicht zudienten. Dies spielt nicht zuletzt der SVP und ihrer Mär von den Eliten, die die Demokratie abschaffen wollen, in die Hände. Das Bedürfnis, einen Primeur zu einem Skandal aufzubauschen, war wohl weit grösser als jenes, der journalistischen Sorgfalt nachzukommen.

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