Nr. 27/2014 vom 03.07.2014

Lachen über Sven Epiney und andere Bundesräte

Ein halbes Jahr nach der Debatte über Humor und Rassismus touren die bekanntesten Köpfe des Schweizer Bühnenhumors durch die Schweiz. Der Reaktionärste von ihnen ist tragischerweise das Beste daran.

Von Etrit Hasler

«Das stimmt, auch wenn sie mir inzwischen schon viel zu weit links ist», beginnt Andreas Thiel seinen ersten Block an diesem Comedyabend im Wanderzelt «Postfinance Chapiteau – das Zelt» auf der Kreuzbleichewiese in St. Gallen. Als sei es ihm fast ein bisschen peinlich, dass er inzwischen überall als FDP-Wähler vorgestellt wird, hängt Thiel gleich dran: «Die ist ja nicht mehr liberal. Höchstens noch gesellschaftsliberal. Liberal, das ist der Abbau von Gesetzen. Gesellschaftsliberal, das ist nur der Abbau von Moral.» Peng.

Ob es daran liegt, dass St. Gallen grundsätzlich ein eher karger Boden für Humor ist, oder daran, dass aufgrund mangelnder Räumlichkeiten die meisten Comedy-Acts ins Casino Herisau ausweichen müssen? Auf jeden Fall ist das überdimensionierte Festzelt, das einst an der Expo-Arteplage in Biel stand und inzwischen ganzjährig durch die Schweiz tourt, um Stars «direkt vor Ihre Haustür» zu bringen, mit Sponsorengästen aufgefüllt worden – mit einem Firmenanlass der Postfinance in der VIP-Zone, wo die Gäste auf Lammfleisch mit der Konsistenz von Kaugummi herumkauen und sich mit Weisswein abfüllen durften, bevor sie nun drei Stunden lang bespasst werden sollen.

Satire ist Bildungsarbeit

Doch was jetzt von da oben von der Bühne kommt, ist nicht lustig. Das Lachen ist verhalten. Kein Problem, sagt Andreas Thiel, «Satire unterscheidet sich von Comedy. Comedy ist lustig.» Und dann: «Keine Angst, das wird nicht das Einzige bleiben, das sie nicht verstehen werden.»

Wobei Andreas Thiel mit seiner Aussage durchaus recht hat. Politische Satire soll nicht lustig sein. Sie ist politische Bildungsarbeit, ist knallhart, bösartig zugespitzt und hinterlässt kein gutes Gefühl. Vielleicht ist sie deswegen in der Schweiz derart Mangelware. Deutsche Grössen wie zum Beispiel Georg Schramm reden sich in Rage, dass das deutsche Bildungswesen die Leute verdummen solle, damit wenigstens noch irgendwer bei McDonald’s die Burger fresse. Hagen Rether bemerkt zynisch, dass «die anderen» Angst haben, dass ihre Kinder verhungern, während wir Angst haben, dass unser Deo versagt.

Auf Schweizer Bühnen beschränken sich politische Inhalte hingegen auf Bemerkungen über die Frisur von Micheline Calmy-Rey oder Moritz Leuenbergers Sprachticks – dass Leuenberger immer noch nicht aus den Programmen verschwunden ist, zeigt, wie brennend aktuell die Gags der hier versammelten Humorelite sind.

Als Headliner ist Birgit Steinegger mit dabei, mit ihrem ersten grösseren Auftritt, seit ihre verunglückte Parodie auf Oprah Winfreys erfolglosen Handtaschenkauf in der Nähe der Zürcher Bahnhofstrasse eine Diskussion um Blackfacing und rassistischen Humor in der Schweiz ausgelöst hat.

«Beliebteste Hausfrau der Schweiz»

An diesem Abend in St. Gallen besinnt sich Steinegger auf weniger Heikles, verkörpert eine ihrer bekanntesten (lies: ältesten) Figuren: Elvira Iseli, die «beliebteste Hausfrau der Schweiz». Weil Steinegger nicht ganz auf politischen Witz verzichten darf, rattert sie dabei auch noch die Liste der aktuellen und ehemaligen BundesrätInnen herunter, die sie alle schon beim SRF-Format «Classe Politique» gespielt hatte. Die Sendung wurde vor sieben Jahren abgesetzt. Seither – so der Eindruck – kam keine einzige Pointe zu Steineggers Repertoire hinzu.

Durch den Abend führt der Stimmenimitator Michael Elsener, an dem die Humordebatte bisher vorüberging – seine kreative Eigenleistung hat sich in der Erschaffung des Balkansecondos Bostic Besic erschöpft, einem volldebilen Teenagerpfosten, dessen Dummheit vom überdick aufgetragenen Jugo-Slang unterstrichen wird. Darüber (und über Roger Federer) lacht die Schweiz. An diesem Abend im «Zelt» taucht Bostic glücklicherweise erst in der Zugabe auf, im bunten Reigen der Figuren, die bei einer Volkswahl in den Bundesrat gewählt wurden, zusammen mit Federer, Fernsehmoderator Sven Epiney und der Handpuppe Caroline. «Läck, so läss.»

Er könnte auch anders

In so einem Kontext darf nicht erstaunen, dass selbst der abgehobene Thiel beim eher bürgerlichen Publikum gut ankommt – und das trotz Sprüchen wie «Die Neger wurden auch nur versklavt, weil sie sich nicht gewehrt haben. Wären die Italiener nicht so wehleidig, man hätte stattdessen die Römer versklavt.» Oder in einem neoliberalen Exkurs über den vermeintlichen Ausbildungswahn: «Und die, die zu dumm sind fürs Studium, machen eine Lehre. Das KV. Und wer nicht mal das hinbekommt, macht halt was Handwerkliches. Gärtner vielleicht.» Hier verklingt das Lachen ganz kurz, als ein Grossteil des Publikums merkt, dass es eigentlich selbst gemeint ist.

Und doch blitzt auch auf, dass Thiel anders könnte, wenn er wollte. Zwar kann auch er sich den Bundesratsreigen nicht verkneifen. Doch wo seine BühnenkollegInnen unfähig scheinen, eine Zeitung zu zitieren, klopft er wenigstens Sprüche über deren Politik: «Ueli Maurer, der hat Feuer. Das ist eine brennende Lunte ohne Bombe.» Und: «Wann Bundesrat Johann Schneider-Ammann seine Arbeit aufnehmen wird, ist bisher nicht bekannt.» Vielleicht reicht das ja schon, um die Ankündigung als «vielleicht bester Satiriker der Schweiz» wahr zu machen.

Vielleicht ist Thiel auch einfach nur der Einzige.

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