Nr. 27/2014 vom 03.07.2014

Stiere und Stangensellerie

Susi Stühlinger über die Heimsuchung eines liberalen Geisterwesens

Von Susi Stühlinger

«Ich bin zuversichtlich», hatte Philipp Müller an der Delegiertenversammlung in Fribourg verkündet, «dass wir die FDP mit dem Überholen der SP zum Erfolg führen werden.» Das war vor Martin Bäumle gewesen. Nicht dass die Drohgebärden eines koronarinsuffizienten Kaspers den FDP-Präsidenten gleich in Angst und Schrecken versetzt hätten. Aber ein Affront war Bäumles Aufruf zur Abwahl von Bundesrat Johann Schneider-Ammann schon gewesen. Und für Müller persönlich zugegebenermassen auch ein kleiner Dämpfer seiner Vorfreude hinsichtlich des offiziellen FDP-Wahlkampfauftakts am Zuger Stierenmarkt im September. Obwohl vermutlich sowieso niemand die feine Anspielung der führenden Wirtschaftspartei auf den Konnex zwischen der schweizerischen Drehscheibe des internationalen Handels einerseits und dem bronzenen Wallstreet-Bullen andererseits bemerken würde. Aber Stiere waren Tiere, und Tiere liessen Philipp Müller momentan eher an saftige grüne Wiesen denken, und dies erinnerte ihn wiederum an Bäumle und die vermaledeiten Grünliberalen, die mit ihrem Geschwurbel über saubere Energie jenes SP-Wählerpotenzial abzugraben versuchten, das eigentlich der FDP zustand. Andererseits, kam es Müller in den Sinn, wäre es möglich, dass Bäumle es sich mit seinem Plan, einen zweiten SVP-Bundesrat auf Kosten der FDP zu installieren, mit ebendiesen Wählern verscherzt hatte und so das Überholmanöver seiner eigenen Partei dennoch gelingen könnte. Vielleicht lief alles doch gar nicht so schlecht.

Martin Bäumle kaute indes an einem Stangensellerie herum und nippte sparsam an seiner täglichen Rotweinration. Mit der Nein-Parole zur Ecopop-Initiative würde es gelingen, sich des braun-grünen Images, das seiner Partei gelegentlich angeklebt wurde, zu entledigen, und mit dem Nein zur Einheitskasse verschaffte er, der in letzter Zeit unglücklicherweise eine ziemlich hohe Summe an Krankenversicherungsleistungen beansprucht hatte, seinem eigenen Image als durch und durch liberaler Geist endlich wieder die nötige Glaubwürdigkeit. In dieser gehobenen Gemütslage vermochte es ihn nicht einmal zu kränken, dass er beim «20 Minuten»-Parlamentarier-WM-Tippspiel auf dem letzten Platz rangierte. Er konnte die kommenden Wochen und Monate mit, wie er es selbst gern zu sagen pflegte, «Gelassenheit.ch» angehen.

Auf seinem Handydisplay erschien ein SMS von Toni Brunner, in dem dieser mitteilte, dass die SVP eher in die Opposition ginge, als sich von Bäumles blöder Partei zu einem zweiten Bundesratssitz verhelfen zu lassen. Das kostete Martin Bäumle lediglich ein müdes Lächeln. Er hatte nie vorgehabt, der SVP zu einem solchen Sieg zu verhelfen, sondern er wollte mittels eines ausgeklügelten Geheimplans selbst im Bundesrat Einsitz nehmen. Denn dies war die eleganteste Lösung, sich der Mehrfachbelastung durch seine drei Mandate als Nationalrat, Parteipräsident der GLP und Finanzvorstand von Dübendorf zu entledigen – und dennoch sein Gesicht als hart arbeitender Politstier zu wahren.

Susi Stühlinger konstatiert, dass das Kolumnenschreiben im Sommerloch ein 
zähes Ding ist.

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