Nr. 28/2014 vom 10.07.2014

«Wie steht es um die Zukunft Südafrikas?»

Seit den fünfziger Jahren berichtet Ruth Weiss als Journalistin über Südafrika – für die «Deutsche Welle», für die «Financial Times», den britischen «Guardian», den «Economist» sowie für diverse weitere europäische und afrikanische Zeitungen. Immer wieder auch für die WOZ.

Von Corina Fistarol (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Ruth Weiss: «Ich glaube, dass Südafrika die Umstellung schaffen kann. Ich setze meine Hoffnung in die neue Generation.»

WOZ: Frau Weiss, Sie emigrierten 1936 als Zwölfjährige aus Deutschland nach Südafrika. Wie fanden Sie sich in der dortigen Gesellschaft zurecht?
Ruth Weiss: Ich fühlte mich in Südafrika nie heimisch, denn die Diskriminierung der Schwarzen ging mir stets gegen den Strich. Wie die deutschen Kinder nicht mit uns Judenkindern spielen durften, durften wir in Südafrika nicht mit den schwarzen Kindern spielen. Das betrübte mich sehr.

Die Politik der Rassentrennung wurde aber erst 1948 gesetzlich verankert.
Das stimmt, aber die Grundlagen der Apartheid wurden schon viel früher gelegt. Im Grunde manifestierte sich in den Gesetzen nur, was längst gelebt wurde. Das war ja bei den Nürnberger Gesetzen auch so.

Stellen Sie strukturelle Parallelen zwischen dem Nazisystem und der Apartheid fest?
Ja, die gab es. Natürlich nicht mit den gleichen Konsequenzen. Aber diese Reinheit des Bluts, die die Nazis als Teil ihrer Geschichte erfunden hatten, beanspruchten auch die weissen Südafrikaner für sich. Es gab sogar zwei Blutbanken: eine für Weisse und eine für alle anderen. Die Parallelen zeigten sich beispielsweise im Immorality Act, der sexuelle Beziehungen zwischen Weissen und nicht weissen Personen untersagte. Aufgrund dieses Gesetzes spürte die Polizei gemischte Paare auf und drang in Häuser ein, um sie in flagranti zu erwischen.

Wie kam es, dass so viele Juden und Jüdinnen Anfang der sechziger Jahre den African National Congress unterstützten?
Bei der Gründung sozialistischer Verbände und der kommunistischen Partei in den 1920er Jahren waren viele Mitglieder jüdischer Herkunft aus dem ehemaligen zaristischen Reich. Als die Partei verboten wurde, gingen sie in den Untergrund. Bis 1936 kamen auch deutsche Juden, danach durften sie nicht mehr einreisen. Das waren kleinbürgerliche Leute wie meine Eltern, Künstler und Schriftsteller, aber auch Kommunisten, die in Johannesburg einen Kulturverband gründeten. Dort fand ich Leute, die ähnlich dachten wie ich. Dort lernte ich auch Hans Weiss, meinen späteren Mann, kennen. Als Nelson Mandela untertauchte, lebte er einige Zeit als «Gärtner David» im Haus des jüdischen Kommunisten Arthur Goldreich, eines Freundes von Hans. Im Juli 1963 nahm die Polizei bei einer Razzia fast alle Führer des Militärflügels des ANC und der KP fest, unter ihnen fünf Weisse. Alle fünf waren Juden. Der einzige Weisse, der im anschliessenden Prozess verurteilt wurde, war Denis Goldberg.

Hat es für Sie ein politisches Schlüsselerlebnis gegeben?
Ja, das gab es. Am 21. März 1960 wurden im sogenannten Massaker von Sharpeville 69 Demonstrierende erschossen, darunter 8 Frauen und 10 Kinder. Über 300 wurden verwundet, viele von ihnen später inhaftiert. Die Regierung rief den Ausnahmezustand aus, verhaftete 18 000 Streikende und erklärte den ANC für illegal. Die internationalen Proteste gegen das Vorgehen der Behörden waren massiv, der UN-Weltsicherheitsrat verurteilte das Vorgehen scharf und verlangte in einer Resolution das Ende der Apartheid.

Warum hat Südafrika heute so Mühe, seine sozialpolitischen Probleme in den Griff zu bekommen?
Die Schwarzen haben in der Übergangsphase Anfang der neunziger Jahre einen Kompromiss mit der weissen Regierung geschlossen, und so ging die neoliberale Wirtschaftspolitik einfach weiter. Die schwarze Elite wurde in die Klasse der Reichen integriert, die Klassenunterschiede wurden nie aufgelöst. Ein Beispiel ist Cyril Ramaphosa. Der Jurist und ehemalige Gewerkschaftsführer setzte sich früher stark für Unterdrückte ein und nahm an Protestmärschen teil. Dann wurde er Unternehmer, Manager, sass in verschiedenen Aufsichtsräten, wurde schwerreich. 2012 forderte er harte Massnahmen gegen streikende Bergarbeiter, im Mai dieses Jahres wurde er stellvertretender Präsident Südafrikas.

Für mich ist Ramaphosa ein Symbol der politischen Elite des Landes: Die meisten Schwarzen wurden in der Kindheit diskriminiert. Kaum sind sie an der Macht, wollen sie haben, was ihnen früher vorenthalten wurde. Es scheint, dass die menschliche Gier unglaublich stark ist.

Welche Prognose stellen Sie für Südafrikas Zukunft?
Die Apartheid konnte in dieser kurzen Zeit nicht überwunden werden, die Diskriminierung ist verwurzelt. Der Wechsel ging zu schnell, die Korruption nistete sich ein, und die Menschen gewöhnten sich daran. Aber ich glaube, dass Südafrika die Umstellung schaffen kann, weil eine empörte Zivilgesellschaft existiert. Diese ist zum Glück so stark, dass sie das Bewusstsein der Menschen dafür schärfen kann, dass es so nicht weitergehen kann. An Demonstrationen fordern viele bessere staatliche Dienstleistungen und dass die Verantwortlichen endlich ihre Verantwortung übernehmen. Ich setze meine Hoffnung in die neue Generation.

Soeben ist «A Path through Hard Grass. 
A Journalist’s Memories of Exile and Apartheid» von Ruth Weiss mit einem Vorwort von Nadine Gordimer erschienen. Noch bis 23. August zeigen die Basler Afrika-Bibliographien am Klosterberg 23 in Basel eine Ausstellung über Ruth Weiss’ Leben unter dem Titel «My Very First Question 
to You».

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