Nr. 29/2014 vom 17.07.2014

Die Karikatur des Geltungskonsums

Kein Zweig der Popkultur feiert den Konsum so rückhaltlos wie der Hip-Hop. Er liefert ein verblüffendes Zerrbild dessen, was der Soziologe Thorstein Veblen einst der weissen Oberschicht vorgehalten hat.

Von Florian Keller

Wer Luxus demonstrieren will, greift nicht zum teuersten Champagner, um bloss vornehm daran zu nippen. Das wäre zwar die feine Art, aber durchaus zweckmässig, also das Gegenteil einer verschwenderischen Geste. Rapper Bun B macht vor, wie es wirklich geht: Wahrer Luxus, das ist, wenn du gleich die ganze Flasche leerst, indem du eine schöne junge Frau im Bikini damit begiesst. Wer sagt denn, Champagner sei zum Trinken da? So denkt nur, wer es sich nicht leisten kann, seine Bitches darin zu baden.

Wir sind hier im Musikvideo zu «Big Pimpin’» (2000) von Jay-Z, auf einer blendend weissen Jacht in der Karibik, aber es könnte auch irgendein anderes zeigefreudiges Video aus jener Zeit sein, als die Demonstration von obszönem Reichtum im Hip-Hop ihren Höhepunkt fand. Jay-Z gibt den spendablen Gastgeber auf der Jacht, umschwärmt von Gespielinnen im Bikini, die sich auf Deck oder im Whirlpool tummeln. Und schon klar: Wenn Gastrapper Bun B dann seinen Champagner über den Frauen ausschüttet, ist das nicht nur als ökonomische Geste zu verstehen. Sondern auch als plakative Metapher für das, was man hier nicht zeigen darf, weil der Clip sonst zum Porno würde: Der teure Schaumwein spritzt stellvertretend für die sexuelle Potenz des Mannes.

Was man dabei nicht übersehen sollte, ist die sexistische Alchemie, die in diesem Vorgang symbolisch vollzogen wird: Der Rapper tauft die Frau mit flüssigem Gold, das heisst, er veredelt sie zu seiner persönlichen Trophäe.

Den sozialen Status unterstreichen

Das Video von Jay-Z feiert also genau jene eklatante Frauenverachtung, die die liberale weisse Kritik immer so nervös macht, wenn sie über die visuellen Codes von Hip-Hop nachdenken will. Die Empörung über solche Frauenbilder gibts gratis, aber man verliert leicht aus den Augen, was wirklich verblüffend ist an dieser Aufführung von exzessivem Konsum und Sexismus. Denn das, was Jay-Z und sein Gastrapper hier exemplarisch vorspielen, ist auch eine groteske Überzeichnung dessen, was der US-Soziologe Thorstein Veblen ein Jahrhundert davor in seiner Studie «The Theory of the Leisure Class» (1899) für die weisse Oberschicht festgestellt hat.

Berühmt geworden ist dieses Buch, weil Veblen darin den Begriff des «Geltungskonsums» prägte – also eine Form von Konsum, die offensiv zur Schau gestellt wird mit dem Zweck, den eigenen sozialen Status zu unterstreichen. Es ist augenscheinlich, wie sehr der Hip-Hop diese Logik des Geltungskonsums zu weiten Teilen verinnerlicht hat. Waren es anfangs noch Mercedes-Sterne oder bizarr überdimensionierte Goldketten, die man sich um den Hals hängte, so ging es später immer mehr darum, einen ganzen Lebensstil von übersteigertem Luxus zu zelebrieren.

In dieser Verschiebung zeigt sich der Wandel von der schwarzen Subkultur zur prosperierenden Mainstream-Industrie und damit auch der Weg vom Ghetto zum Penthouse, vom symbolischen zum realen Reichtum: Erst eignete sich der Hip-Hop bloss die Statussymbole der Weissen an, weil man sich die Dinge selbst (etwa den Mercedes) nicht leisten konnte; später ging man zum eigentlichen Geltungskonsum über, indem der Hip-Hop auch materiell einen Luxus zelebrierte, wie er den (schwarzen) Rapstars in den Augen der herrschenden weissen Klasse nicht zustand.

Doch die Verbindung zu Veblen erschöpft sich nicht im Theater des angeberischen Reichtums, das im Hip-Hop so lustvoll aufgeführt wird. Dazu muss man wissen, dass Veblens Studie zur weissen Oberschicht in unserem Sprachraum unter einem alten Übersetzungsfehler leidet, der sich bis heute im Titel gehalten hat: «Die Theorie der feinen Leute» heisst das Werk in der deutschen Ausgabe, dabei geht es darin gar nicht um die von Haus aus «feinen» Leute. Ob altes oder neues Geld, das spielt keine grosse Rolle für Veblen, der im modernen Geltungskonsum immer auch einen rituellen Restbestand archaischer Stammesgesellschaften sieht. Seine Analyse gilt, streng materialistisch, einer sozialen Klasse von Menschen, die so reich sind, dass sie keine produktive Arbeit mehr verrichten müssen, also über Unmengen von Musse verfügen: Das ist die «Freizeitklasse», die der englische Originaltitel meint.

Wenn der Diener nichts tun darf

Musse, schreibt Veblen, sei der «unproduktive Verbrauch von Zeit», also Zeitkonsum ohne Wertschöpfung. Ein Herr der Freizeitklasse kann sich Musse verschaffen, indem er sein Dienstpersonal für sich arbeiten lässt. Doch den Gipfel des Geltungskonsums erreicht er erst, wenn er sein Dienstpersonal nicht für sich arbeiten lässt. «Die Musse des Dieners», so macht Veblen allerdings gleich klar, «ist nicht seine eigene Musse.» Er geniesst sie nicht für sich selbst, denn der Zweck dieser delegierten Musse besteht einzig darin, dass der Diener damit die Evidenz des Reichtums seines Meisters steigert. Ein Herr, der sich Bedienstete leisten kann, die unproduktive Zeit verbrauchen, an seiner Stelle konsumieren und seinen Luxus geniessen: Das ist die ultimative Demonstration von Reichtum.

Die Bediensteten, die keinen Dienst leisten, werden so zur reinen Trophäe, und die massgebliche Trophäe der patriarchalischen Stammeskultur ist natürlich – die Frau als Besitz des Mannes. In der Damenmode seiner Epoche findet Veblen denn auch einige der typischen Insignien der Freizeitklasse. Das Korsett und die langen Röcke, die hohen Absätze und die langen Haare: So wird für Veblen schon in der Mode deutlich, dass diese Frauen nicht zur Arbeit müssen, weil sie in solcher Aufmachung gar nicht arbeiten könnten.

Was wir in «Big Pimpin’» und ähnlichen Videos sehen, ist nichts weiter als das vulgäre Pendant zu dieser feinen Mode, die einzig für die Freizeit taugt – mit dem Unterschied allerdings, dass die Frauen hier nicht zu viel tragen, als dass sie noch arbeiten könnten, sondern zu wenig. Und während hohe Schuhabsätze in der Arbeitswelt längst zum Alltag gehören, sieht man Bikinis in den Büros immer noch eher selten.

Zurück an den Absender

Wenn Hip-Hop also die Freizeitklasse überzeichnet, so gipfelt dieses Zerrbild in einem Typus, der mit beidem angibt: mit seinen leibhaftigen Trophäen und damit, dass er sich eine unproduktive Entourage leisten kann. Diese Figur ist der «Pimp» (Zuhälter), wie ihn etwa auch Snoop Dogg verkörpert. Wenn sich Jay-Z oder Snoop Dogg als Herren über die schönen Frauen aufspielen, die sie um sich scharen, so geben sie damit nicht mehr Zuhälter im ursprünglichen Sinn. Natürlich geht es hier auch darum, die eigene sexuelle Potenz zu demonstrieren. Vor allem aber ist der Pimp die Apotheose der Freizeitklasse: ein Mann, der einen ganzen Hof an weiblichen Trophäen unterhält, deren «Arbeit» nur darin besteht, vor aller Augen seinen Reichtum zu geniessen – und die Musse, die er ihnen zugesteht.

So lernt man mit Thorstein Veblen den Statuskult im Hip-Hop besser verstehen: Die Rapper haben sich den Geltungskonsum der herrschenden Klasse angeeignet – und nun schicken sie deren Botschaft als Karikatur zurück an den Absender. Sexistisch ist das immer noch. Aber der Hip-Hop spiegelt darin nur den alten Sexismus der weissen Freizeitklasse.

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