Nr. 29/2014 vom 17.07.2014

Die Unternehmen und ich

Als KonsumentInnen haben wir unermessliche Macht. Aber kaufenderweise die Welt verbessern zu wollen, ist aufwendig. Holt uns aus der Tretmühle raus!

Von Ruth Wysseier

Seit Herr Reagan und Frau Thatcher in den achtziger Jahren den Markt von der Leine gelassen haben, ist mir als Konsumentin eine unermessliche Macht zugefallen. Während ich als Staatsbürgerin lediglich inländische Parteien wählen und über popelige Sachgeschäfte oder populistische Initiativen befinden kann, regiere ich mit meinen Kaufentscheiden täglich die Welt. An der Fischtheke entscheide ich über den Lachsbestand im Pazifik, mit der Wahl einer Gartenbank stoppe ich die Abholzung von Tropenwäldern, der Kauf eines T-Shirts sichert der Näherin in Bangladesch einen Arbeitsplatz in einer einstürzenden Fabrik.

Auch auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Schweiz nehme ich als Kundin Einfluss. So kann ich beispielsweise mit einem Kaufboykott die Arbeit des Parlaments nachbessern, wenn ich entgegen seinem Laisser-faire-Entscheid der Meinung bin, die Antibiotikaschwemme in der Tierhaltung sollte wegen der dramatischen Gefahr von Resistenzbildung eingedämmt werden. Als Gedächtnisstütze hätte ich allerdings gern einen Hinweis auf dem Preisschild für Koteletts: «Dies ist ein Arzneimittel. Fragen Sie den Bauern oder eine Fachperson.»

Durchsage fürs schlechte Gewissen

Als mündige Konsumentin trage ich in meinem Portemonnaie nicht Cumulus-Karten und Rabattangebote, sondern kritische Informationen über Produkte und Firmen, etwa den «Work»-Artikel über Nespresso-Kaffeemaschinen, die bei Eugster/Frismag in Amriswil von Beschäftigten mit 2600 Franken Bruttolohn hergestellt werden. «Damit wir Ihnen diese Maschine zu einem Geiz-ist-geil-Preis anbieten können, bezahlen wir unseren ArbeiterInnen ganz miese Löhne. What else?» Und wenn ich um halb neun Uhr abends noch rasch im Coop einkaufe, hört mein schlechtes Gewissen die Durchsage: «Liebi Chundinne und Chunde: Damit Sie bis spät i d Nacht üsi Produkt zu Duurtiefschtpriise choufe chönd, sitze üsi Agstellte a dr Kasse statt bim Znacht mit ihrer Familie oder mit de Chinder a de Husufgabe.»

Mit ihrem Tiefsteuerwettbewerb verzichten die westlichen Regierungen noch auf die letzten Mittel, um die Gesellschaft zu gestalten. Sie haben die politische Verantwortung weitgehend dem Markt hingeworfen. Dort drängen sich auf der einen Seite die Unternehmen, auf der anderen bin ich. Dazwischen gibt es die Kommunikation mit Heerscharen von ehemaligen JournalistInnen und Fachleuten aus Psychologie, Soziologie und Verhaltensforschung, die meine Kaufentscheide studieren und steuern, wenn ich nicht dauernd auf der Hut bin – und vermutlich sogar dann.

Klar bin ich nicht allein

Um als Konsumentin nicht reingelegt zu werden und gegen die eigenen Überzeugungen und Interessen zu handeln, braucht es viele Informationen und viel Zeit. Ist es wirklich toll, dass wir jeden Herbst die Krankenkasse wechseln können? Ist nicht die günstigste, die Comparis uns anpreist, die, die chronisch Kranke rausekelt? Und ist nicht der Telekom-Anbieter mit den tiefen Tarifen der, der keine Gewerkschaft ins Haus lässt und den Angestellten nur befristete Verträge gibt?

Kaufenderweise die Welt verbessern ist aufwendig. Klar bin ich nicht allein: Es gibt die Erklärung von Bern mit der Clean Clothes Campaign, die Internetseite Utopia.de, deren Mitglieder mit strategischem Konsum die Welt verändern wollen, Max Havelaar und unzählige andere Zertifizierungen. In der Konsumsoziologie wird heute die internationale Boykottkampagne «Nestlé tötet Babys» aus den siebziger Jahren gegen die aggressive Vermarktung von Babynahrung in armen Ländern als Beispiel dafür angeführt, dass soziale Bewegungen transnationale Konzerne bezwingen können. Das ist vierzig Jahre her. Wie viele Erfolge gab es seither?

Wir brauchen einen Preisüberwacher gegen tiefe Preise. Die Stiftung für Konsumentenschutz soll sich für ein Label «aus menschenfreundlicher Produktion» einsetzen, damit die luftgefederten Nike-Laufschuhe aus China endlich von ArbeiterInnen mit Auslaufhaltung hergestellt werden. Und die Politik soll wieder ihre Arbeit machen, die Unternehmen besteuern und soziale und ökologische Standards durchsetzen.

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