Nr. 34/2014 vom 21.08.2014

Die schwarzen Reiter

Nackter Wahn!

Von Ruedi Widmer

Müller (Grüne) zeigte sich im Badener Stadthaus nackt. Das geht zu weit. Vielleicht ging auch Müller («Schweiz am Sonntag») zu weit.

Die Grünen sind bei den Nacktselfies führend, weil sie mehr von der Natur verstehen als die anderen Parteien. Bei der CVP findet das Nacktselfie nur unter den Kleidern statt. Die Chat-Industrie drängt aber darauf, das Vermummungs- und Burkaverbot auch auf normale Kleider auszuweiten.

Zu Runen und Schweizer Kreuzen rasierte Körperbehaarung wartet auf der rechten Ratsseite darauf, geblitzt und herumgechattet zu werden. Maurers Gripen haben schon viele gesehen.

Es ist wieder Blocher-Woche, wie jeden Monat einmal. Wenn Blocher eine Idee verkündet, dann warnt Feigenblatt Ogi vor ihr, nur um einen Tag später von Mörgeli niedergemäht zu werden. So ist schon mal die halbe Woche um, und die Sonntagszeitungen sind dann auch gleich mitgefüllt. Das geht seit über zwanzig Jahren so, und ganze Journalistengenerationen sind damit aufgewachsen. Am Schluss kommen dann noch die Satiriker und machen den Rest.

«Souveränität» klingt natürlich gut, und «fremde Richter» haben etwas Unheimliches, wie die schwarzen Reiter in «Herr der Ringe» oder langmantelige Wesen aus dem All. Doch ist ein Richter nicht per se fremd? Wäre er mein Freund, entschiede er ja nicht neutral. 

Die Blocher-Fans sollten sich fragen, was ihnen dessen Politik als BürgerInnen bringt. Gibt man für Asylrechtsverschärfungen seine eigenen Menschenrechte auf? Was nützt «Souveränität», wenn man eingemauert ist? Sind die BürgerInnen in den Ländern, die der SVP als Vorbild in dieser Frage dienen, also Weissrussland oder Nordkorea, wirklich nur so glücklich und frei, weil diese Regimes die Menschenrechtskonvention nicht unterzeichnet haben? (In Nordkorea tanzen sie sogar vor Glück auf riesigen Plätzen.) Ist die Classe politique in diesen Ländern weniger stark? Lukaschenko in Minsk? Oder Müller («Giacobbo/Müller») in Nordkorea? Blochers Ausflug nach Nordkorea hatte auf sein Denken einen ähnlichen Effekt wie Uriellas Fall vom Pferd auf das ihrige.

Einem Milliardären mit ungestümen Sendungsbewusstsein – den ich noch nie beobachtet habe, wie er anderen ernsthaft zuhört – ist die Demokratie schnuppe. Mit seinem Idealvolk aus gebückten und gottesfürchtigen nordkoreanischen Albert-Anker-Bauern? «Demokratie» meint bloss Zustimmung zu seinen eigenen Ideen. L’état, c’est moi. Damit keine fremden Richter diesen «Mauerbau» stoppen können, kappt Blocher via die Fremdenfeindlichkeit bedienenden, aber die EU meinenden «Volksinitiativen» alle Verbindungen nach aussen.

Ein guter Schachzug von Blocher, der für sein Ziel eine einst gemütliche Kleinpartei namens SVP übernommen hat und deswegen immer noch als «Bürgerlicher» gilt und damit die FDP an der Nase herumführt. Diese Partei, die einst die moderne Schweiz gegründet hat, ist wie der naive Pinocchio, der vom Fuchs und Kater für ihre Zwecke missbraucht wird.

Ein Nacktselfie von Müller (FDP) brächte vielleicht Licht ins Dunkel.

Ruedi Widmer ist Cartoonist. Er schreibt und zeichnet grundsätzlich nackt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch