Nr. 36/2014 vom 04.09.2014

Mit Tagore die Freiheit umarmen

Von Florian Vetsch

Rabindranath Tagore (1861–1941), der indische Philosoph, Dichter, Komponist, Maler und Schöpfer der modernen Literatursprache des Bengali, war 1913 der erste Nichteuropäer, der mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde. Erhalten hat er die Auszeichnung für seinen Lyrikband «Gitanjali» (Sanges-, Liedopfer), der nun erstmals so in einer deutschen Übersetzung vorliegt, wie er 1913 publiziert wurde: als Sammlung von 103 Prosagedichten, mit einem Vorwort von William Butler Yeats. Die Übersetzungsarbeit leistete mit hoher Sensibilität, Texttreue und Sachkenntnis der in München lebende Tagore-Spezialist Axel Monte.

«Ich lese jeden Tag Tagore, eine Zeile von ihm lässt einen allen Ärger der Welt vergessen», zitiert Yeats in seinem Vorwort einen angesehenen bengalischen Arzt. Und der trifft den Nagel auf den Kopf: In Tagores «Gitanjali» lesen bedeutet ein spirituelles Austreten aus einer Welt von Gier und Nutzdenken, von Egomanie und Ressentiments. Tagores Verse machen das Alltägliche transparent und öffnen das Bewusstsein für eine höhere Dimension, die sich jeder Dogmatik entzieht. «Dies ist nicht länger die Heiligkeit der Klosterzelle oder der Geissel», schreibt Yeats in seinem Vorwort und bezieht sich damit auf Tagores Lebensfreude, seine Weltbejahung, die ihm die Herzen aller sozialen Schichten in Indien erschlossen hat. So lesen wir etwa im 73. Stück des «Gitanjali»: «Im Verzicht liegt für mich keine Befreiung. Ich spüre die Umarmung der Freiheit in den tausend Banden des Vergnügens.»

Yeats’ Vorwort ist ein Juwel für sich, ein Musterbeispiel dafür, wie Dichter über Dichter sprechen, nämlich vollkommen unakademisch: «Eine Unschuld, eine Schlichtheit, die man nirgendwo sonst in der Literatur findet, lässt die Vögel und die Blätter Tagore so nah erscheinen, wie sie den Kindern sind, und den Wechsel der Jahreszeiten zu grossen Ereignissen werden, wie vor der Zeit, als unsere Gedanken sich zwischen sie und uns geschoben haben.» Erfahrungen solcher Art schenkt Tagores «Gitanjali».

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