Nr. 51/2015 vom 17.12.2015

«Ich spüre keine ethnische Solidarität»

Mit «Erschlagt die Armen!» hat Shumona Sinha einen erschütternden Roman über den Irrsinn des französischen Asylsystems geschrieben. Im Interview in Paris erzählt sie, wie sie dafür abgestraft wurde, warum ihre Gedanken auf Französisch freier sind – und weshalb sie das Buch nach den jüngsten Attentaten nicht mehr so schreiben könnte.

Von Silvia Süess (Interview)

Gegen die Zensur im Kopf: Shumona Sinha benutzt in ihrem Buch Wörter, die sie in ihrer Muttersprache Bengali noch nie in den Mund genommen hat. Foto: Stephanie Füssenich

WOZ: Shumona Sinha, Ihr Buch heisst «Erschlagt die Armen!». Warum dieser provokative Titel?
Shumona Sinha: Ich wählte den Titel nicht, um zu provozieren. Als ich das Buch schrieb, arbeitete ich als Dolmetscherin bei der französischen Asylbehörde Ofpra. Ich übersetzte Befragungen von Asylsuchenden aus Bangladesch und Indien. Als ich 2009 mit dieser Arbeit begann, tauchte ich in eine Welt ein, die mich völlig destabilisierte: Ich konnte nicht verstehen, wie Inder und Bangladescher, also meine Quasilandsmänner, alles aufs Spiel setzen können, um nach Frankreich zu kommen. Sie versuchen, hier Wurzeln zu schlagen, doch sie scheitern kläglich. Ich erfuhr so viele Geschichten von Hoffnung und Enttäuschung, kam jeweils völlig erschöpft nach Hause und konnte nicht abschalten. Ich lebte mit diesen Leuten in meinem Kopf. Sie waren wie Phantome, die mich überallhin begleiteten. Ich konnte nicht anders, als darüber zu schreiben. Als ich dann die richtige literarische Form gefunden hatte, schrieb ich das Buch in sechs Monaten nieder. Doch als es fertig war, fehlte mir der Titel.

Und wie haben Sie den Titel dann schliesslich gefunden?
Ich habe das fertige Buch zur Seite gelegt und andere Sachen gelesen, darunter ein Prosagedicht von Charles Baudelaire mit dem Titel «Erschlagt die Armen!». Darin entdeckte ich exakt dasselbe Szenario wie in meinem Buch: Ein Dichter will in einer Bar etwas trinken gehen, vor dem Eingang sitzt ein Bettler und bittet ihn um Geld. Der Dichter wird wütend und greift ihn an, doch der Bettler schlägt zurück. Darauf sagt der Dichter: Et voilà, nun gibt es Gleichheit unter uns, ich teile mein Portemonnaie mit dir.

In Ihrem Buch schlägt die namenlose Erzählerin, wie Sie selbst eine aus Indien stammende Dolmetscherin, die für die Asylbehörde arbeitet, zu. Als sie in der Metro von einem Migranten angerempelt wird, schlägt sie ihm eine volle Weinflasche über den Kopf. Ist ihr Motiv dasselbe wie bei Baudelaire, nämlich dem Mann mit dem Schlag seine Würde zurückzugeben?
Nein. Meine Protagonistin denkt bei ihrem Schlag auf den Migranten nicht an die Würde des Mannes. Sie hat eine riesige Wut in sich, die über Monate in ihr gewachsen ist. Nun wird sie von diesem Mann angegriffen und schlägt spontan zurück. Aber ich als Autorin habe beim Schreiben an den symbolischen Gehalt dieses Schlages gedacht: Ich möchte meinen Landsleuten, die nach Frankreich kommen und um ein besseres Leben betteln, ihre Würde zurückgeben.

Dieser Gewaltakt ist aber auch ein wichtiges dramaturgisches Element im Buch.
Ja, er ist die Achse, um die sich die ganze Geschichte dreht. Als ich die Hälfte des Buchs geschrieben hatte, fragte ich mich, zu wem die Protagonistin eigentlich spricht. Und dann habe ich diesen Gewaltakt erfunden, damit sie ihre Geschichte dem Polizisten erzählen kann.

Warum haben Sie als literarische Form den Monolog gewählt?
Es wäre für mich zu diesem Zeitpunkt unmöglich gewesen, Figuren zu erfinden, die sich unterhalten, sich verhalten. Diese Worte, Gedanken und Gefühle brachen aus mir heraus, ich selber hatte diese Welt eingeatmet. In dem Moment, als ich zu schreiben begann, gab es keine Distanz zwischen der Erzählerin und der Autorin.

Sie sind also eins zu eins die erzählende Protagonistin?
Nein, das natürlich nicht, auch wenn ich vieles genau wie sie erlebt habe – allerdings habe ich nie zugeschlagen. Aber beim Schreiben ist es nun mal so, dass man sich selber und seinen Blick auf die Dinge, den man aufgrund seines Hintergrunds hat, stets einbringt. Doch literarisches Schreiben ist nicht dasselbe wie journalistisches Arbeiten: Wenn man Fiktion schreibt, begibt man sich auf eine literarische Reise. Mit jedem Satz, den man schreibt, entfernt man sich von der Realität.

Die Wut und die Hilflosigkeit, die die Erzählerin in den Wahnsinn treiben, waren das auch Ihre Gefühle, als Sie als Dolmetscherin arbeiteten?
Ja, täglich. Ich habe mich wie in einer eingeschlossenen Gesellschaft gefühlt, in der ich von allen Seiten unter Verdacht stand. Die Antragsteller misstrauten mir und dachten, ich kollaborierte mit den Weissen, obwohl meine Haut die Farbe der Armen hat. Und auch vonseiten der Behörde kam mir ein grosses Misstrauen entgegen. Ich vergesse nie mehr, wie an meinem ersten Arbeitstag ein junger Mann, der als Befrager arbeitete, zu mir sagte: «Übersetzen Sie genau, was die Leute sagen.» Ich habe ihm sehr übel genommen, dass er mich überhaupt verdächtigte, nicht korrekt zu übersetzen. Ich sagte ihm, wenn er mir nicht vertraue, solle er selber übersetzen. Ich war unter einem enormen Druck, weil ich konstant von beiden Seiten unter Verdacht stand.

In Ihrem Buch kommen Dolmetscher vor, die sich offen mit den Antragstellern solidarisieren, weil sie ihren Landsleuten helfen wollen. War das bei Ihnen nie der Fall?
Nein, nicht einmal annähernd. Ich spüre keine ethnische Solidarität, ich verstehe sie nicht einmal. In dem Moment, wo man sich in der ethnischen Solidarität befindet, fängt eine Art umgekehrter Rassismus an. Ich denke einfach nicht in nationalen Kategorien und finde sie falsch. Wenn ich die Wahl hätte, mich mit französischen Arbeitern oder dem indischen Patron, der ihre Arbeit woandershin verlagern möchte, zu verbünden, ich wäre nicht auf der Seite des Inders, sondern würde mich mit den französischen Arbeitern solidarisieren. Das Grundproblem sind ja die Klassenkonflikte: Diese manifestieren sich manchmal in nationalistischer Form, manchmal in rassistischer Form, manchmal in religiöser Form und manchmal in sexistischer Form – doch im Grunde geht es immer um dasselbe.

Die Männer in Ihrem Buch kommen alle aus der Unterschicht, sie haben kaum Schulbildung und verlassen ihre Heimat in Bangladesch, weil sie dort im Elend leben. Weil sie aber nicht politisch verfolgt werden, haben sie in Frankreich keine Chance auf Asyl. Um dennoch als Flüchtlinge anerkannt zu werden, erfinden sie die haarsträubendsten Geschichten. Haben Sie das wirklich so erlebt?
Ja, und das war das Schlimmste an meiner Arbeit: die riesigen Dummheiten, die ich den ganzen Tag anhören musste, ohne darauf reagieren zu können. Die Männer erzählten irgendetwas, was weder Hand noch Fuss hatte, und ich hatte kein Recht, ihnen zu sagen, dass sie aufhören sollen. Es war sehr unangenehm. Man sieht das menschliche Elend, die Verzweiflung, und kann nichts machen. Es ist ein riesiges Theater, und ich war Teil davon und konnte in keiner würdigen Weise auf die ganze Misere antworten. Ich war in einer Position, in der ich unfreiwillig permanent andere entwürdigte.

Sie zeigen in «Erschlagt die Armen!» den ganzen Irrsinn eines kranken Asylsystems auf. Wie könnte man es Ihrer Erfahrung nach verbessern?
Ich spreche in meinem Buch ja nur von den Asylsuchenden aus Bangladesch und nicht aus anderen Ländern, weil es grosse Unterschiede gibt, wie sie innerhalb des Systems behandelt werden. Das grösste Problem aus meiner Sicht ist in diesem Fall, dass zwischen Kriegsflüchtlingen und Klima- und Wirtschaftsflüchtlingen unterschieden wird, um die Klima- und Wirtschaftsflüchtlinge auszugrenzen und zurückzuschicken. Ich würde diese Unterscheidung schon auch machen, aber um jene, die vor der ökonomischen und ökologischen Misere fliehen, hier besser zu integrieren. Die Uno-Menschenrechtskonvention müsste ihre Definition des Begriffs «Flüchtling» erweitern. So sollten unter anderem auch Klimaflüchtlinge anerkannt werden. Diese hätten dadurch die Möglichkeit, hier ein paar Jahre zu arbeiten und zu leben – und zwar legal und nicht illegal und unter katastrophalen Lebensbedingungen. Denn diese Menschen, die einmal hier angekommen sind, die bleiben ja sowieso hier – und alle wissen es. Es ist ein offenes Geheimnis, von dem auch ganz viele hier profitieren.

Ihr Roman hatte für Sie relativ harte Konsequenzen: Kurz nach Erscheinen Ihres Buchs in Frankreich verloren Sie Ihre Stelle als Dolmetscherin bei der Ofpra. Was war die Begründung?
Kurz bevor mein Buch herauskam, wurde ich in ein Büro zitiert. Man warf mir dort vor, ich hätte ein Buch über die Ofpra geschrieben. Ich erklärte, dass ich kein Buch über die Organisation geschrieben hätte, sondern einen Roman über Migration, die Existenz der Menschen im Exil und die Reise, die sie auf sich nehmen. Später erhielt ich einen Brief, in dem die Ofpra schrieb, dass sie meine Arbeit nicht mehr in Anspruch nehmen würde. Der Grund war, dass ich ihnen das Manuskript im Vorfeld hätte vorlegen sollen – was schlicht absurd ist. Dann kritisierten sie, dass ich die Bangladescher schlecht dargestellt hätte und dass ich eine erotische Szene zwischen der Dolmetscherin und einer Befragerin beschrieben hätte. Wenn es eine Szene zwischen der Dolmetscherin und einem Mann gewesen wäre, wäre es sicher kein Problem gewesen. Der Brief hat mich wahnsinnig genervt.

Sie kamen 2001 nach Paris und haben seither drei Bücher veröffentlicht, allesamt auf Französisch. Warum schreiben Sie nicht in Ihrer Muttersprache Bengali?
Als ich vor elf Jahren meinen Roman «Fenêtre sur l’Abîme» zu schreiben begann, schrieb ich zuerst auf Bengali. Doch plötzlich kam ich nicht mehr vorwärts. Es ging einfach nicht mehr. Und dann stellte ich fest, dass ich auf Französisch dachte und für den Roman meine Gedanken auf Bengali übersetzte. Ich träumte damals auch schon auf Französisch: Die Menschen aus Indien oder Bangladesch, die mich in meinen Träumen besuchen kamen, sprachen Französisch. Deshalb begann ich, auf Französisch zu schreiben.

War das nicht eine grosse Herausforderung?
Nein, nicht besonders. Ich komme aus einem Land, in dem alle halbwegs gebildeten Menschen mehrere Sprachen sprechen, da ist es üblich, dass man Fremdsprachen lernt. Und ich bin inmitten von Sprache aufgewachsen: Ich bin ein Einzelkind und war ein völliger Bücherwurm. Ich habe meine Kindheit in der Bibliothek verbracht und alles gelesen, was mir in die Finger kam, auch viel russische und französische Literatur. Drittens habe ich bereits in Kalkutta Französisch studiert – es ist also schon lange Teil meines Lebens. Ich und die französische Sprache, das ist eine grosse Liebesgeschichte, unsere Beziehung ist sehr leidenschaftlich, fast schon körperlich.

Ihr Buch ist teilweise auch in einer sehr erotischen und körperbetonten Sprache geschrieben. Schreiben Sie auf Französisch anders, als wenn Sie auf Bengali schreiben würden?
Auf jeden Fall. Auf Französisch habe ich eine Freiheit, die mir fehlt, wenn ich in meiner Muttersprache schreibe. Denn ich komme aus einem Land, in dem Frauen unterdrückt werden, und das manifestiert sich auch in den Gedanken und in der Sprache. Es gibt Wörter, Gedanken und Sätze, die ich in Bengali nicht zu bilden wage. Ich denke die Liebe in Französisch. In meinem Buch benutze ich Wörter, die ich in Bengali noch nie in den Mund genommen habe. Es ist eine Zensur, die man im Kopf hat. Und das Schreiben auf Französisch hat mich sowohl als Frau wie auch als weibliche Autorin von dieser Zensur befreit.

Ihr Buch ist in Frankreich bereits vor vier Jahren erschienen. Seither ist viel passiert. Würden Sie das Buch heute nochmals so schreiben?
Nein! Ich wäre gebremst und gehemmt durch all die Ereignisse: das Attentat auf «Charlie Hebdo», den Krieg in Syrien, die Attentate in Paris am 13. November. Ausserdem bin ich heute bekannter als vor vier Jahren, das macht das Schreiben auch nicht einfacher: Als ich «Erschlagt die Armen!» schrieb, dachte ich an nichts und niemanden, die Reaktionen der Leute waren mir egal. Heute merke ich, dass ich nicht mehr nur für mich selber schreibe. Ich überlege manchmal, wie die Reaktionen sein könnten, wenn ich dieses oder jenes schreibe. Diese Schere im Kopf ist gar nicht gut, man muss versuchen, sie zu überwinden.

Welche Konsequenzen hatten die Attentate in Paris vom 13. November auf Ihren Alltag?
Nach den Attentaten habe ich meine Wohnung zwei Tage lang nicht verlassen. Nicht aus Angst, aber ich wurde von einer körperlichen Lethargie befallen. Ich konnte mich nicht dazu bewegen, die Tür zu öffnen. Um mich zu schützen und abzulenken, schaute ich schliesslich Serien wie «Sex and the City» – und erst dann bin ich rausgegangen.

Spüren Sie ein grösseres Misstrauen in den Strassen von Paris als zuvor?
Ich fühlte das sehr stark nach dem Attentat auf «Charlie Hebdo», viel stärker als jetzt. Drei Tage nach dem Attentat auf «Charlie Hebdo» war ich im Quartier unterwegs, wo ich wohne, vor mir liefen drei junge, blonde französische Teenager. Plötzlich stiessen sie einen Schrei aus. Ich drehte mich um, weil ich dachte, es sei etwas Schlimmes hinter mir, aber da war nichts und niemand. Da merkte ich, dass sie Angst vor mir hatten, weil ich fremd aussehe.

Diese Angst gegenüber allen Fremden dominiert zurzeit den politischen Diskurs, nicht nur in Frankreich, in ganz Europa. Am liebsten würden die Länder keine Flüchtlinge mehr hereinlassen.
Die ganze Thematik ist sehr komplex: Vielleicht ist unter den Flüchtlingen aus Syrien ein Terrorist dabei. Aber der Punkt ist ja, dass diejenigen, die sich dem Terrorismus zuwenden, hier in Frankreich geboren sind. Sie sind offiziell Franzosen. Und das Problem ist, dass man Religion und soziale Herkunft vermischt. Ich sage: Was momentan stattfindet, ist nicht die Radikalisierung des Islam, sondern die Islamisierung eines bestimmten Radikalismus.

Können Sie das genauer ausführen?
Die Menschen aus Algerien und anderen afrikanischen Ländern, die in den sechziger und siebziger Jahren hierhergekommen sind, haben hart gearbeitet, um sich hier eine bessere Existenz aufzubauen. Ihre Kinder, die hier geboren sind, scheren sich einen Dreck darum. Bei ihnen herrscht eine riesige ökonomische Frustration. Und auch eine Frustration, dass sie nicht wirklich als Teil der französischen Gesellschaft akzeptiert sind. In meinem Quartier arbeitet eine junge afrikanische Fischverkäuferin. Sie hat einen Bachelor in Kommunikation, aber sie wurde noch nie zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen, weil sie einen muslimischen Namen hat. Es gibt eine starke gesellschaftliche Segregation hier in Frankreich und in Paris. Seit ich in Paris lebe, bin ich schon zehnmal umgezogen. Und stets war der Hauswart ein Portugiese. Warum? Warum sind die Hilfsköche stets aus Sri Lanka? Und warum die Putzfrauen stets aus einem afrikanischem Land? Was ist das für eine Welt? Warum ist der Arbeitsmarkt an eine Nationalität gebunden?

Ja, warum?
Das Problem ist, dass Frankreich und vor allem Paris mittlerweile völlig ghettoisiert sind. Das geht so weit, dass die Leute in den Ghettos ihre eigenen Systeme installieren. Ich gebe Aushilfsunterricht an Schulen in solchen Quartieren. Das ist eine ziemlich erschöpfende und anstrengende Arbeit. Dort wurde mir von den Teenagern auch schon gesagt, ich solle eine Burka tragen. Hier, in Frankreich, wurde mir das gesagt! Das ist mir noch nicht einmal in Indien passiert, niemals! Wenn man in einem Quartier ist, wo das Bildungsniveau und das kulturelle Niveau hoch sind, spielt Religion keine Rolle, und man kann die Menschen auch nicht unterscheiden aufgrund ihrer Religion. In einem Quartier mit Menschen, die ausgebeutet werden und die keine gute Ausbildung haben, wird Religion automatisch ein Identifikations- oder Ausschlusskriterium. Und das ist gefährlich.

Es geht also auch hier eigentlich nicht um Religion, sondern um Klassenunterschiede.
Genau. Die Aufhebung von ausbeutender und ausgebeuteter Klasse ist der Schlüssel zu allem. Ich bin ja ein grosser Fan von Karl Marx, als Jugendliche in Kalkutta war ich militante Marxistin. Schon mein Vater war Marxist. Durch ihn und durch Bücher bin ich politisiert worden. Ausserdem bin ich nicht in einem mythischen, spirituellen Indien mit vielen Tempeln aufgewachsen. Das Indien, das ich kenne, ist ein progressives, marxistisches, intellektuelles Indien – Westbengalen hatte über dreissig Jahre eine kommunistische Regierung. An der Uni in Kalkutta habe ich mit meinen Freunden über Antonio Gramsci, Karl Marx, Noam Chomsky und Jacques Derrida diskutiert, meine Freunde waren alle politisch aktiv, auch ich war in der Gewerkschaft der Universität und später in der Kommunistischen Partei aktiv. Doch es kam der Moment, wo ich mich in der Politik nicht mehr frei fühlte. Ich fühlte mich wie ein Bonsaibaum, der nicht frei wachsen kann, und hatte das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Deshalb habe ich mich für die Literatur entschieden.

«Erschlagt die Armen!»

Zwischen den Fronten

«Erschöpft und mürbe sinke ich auf den feuchten Boden meiner Zelle und denke wieder an diese Leute, die wie ungeliebte Quallen die Meere befallen und sich an fremde Ufer geworfen haben.» So beginnt der Roman «Erschlagt die Armen!» von Shumona Sinha. Was folgt, ist ein furioser Monolog einer wütenden und erschöpften Frau, dem man sich als LeserIn nicht entziehen kann und der eineN erschüttert zurücklässt. Die namenlose Erzählerin ist in einer Zelle auf einem Pariser Polizeirevier gelandet, weil sie einem Migranten in der Metro eine volle Weinflasche über den Kopf geschlagen hat. Nun versucht sie, ihrem Befrager und vor allem sich selber zu erklären, wie es so weit kommen konnte.

Die aus Indien stammende namenlose Erzählerin arbeitet eigentlich als Dolmetscherin bei der Pariser Asylbehörde. Dort macht sie «Sprachengymnastik», wie sie selber die Übersetzungsarbeit nennt: Täglich hört sie in der «Lügenfabrik» den Geschichten bangladeschischer Männer zu, die in Frankreich Asyl beantragen. Scheinbar emotionslos übersetzt sie die Geschichten dieser «menschlichen Zugvögel», doch von Tag zu Tag wächst ihr Unmut über die Lügen, die die Männer erzählen. Noch grösser ist ihre Wut auf das System, das die Männer zum Lügen zwingt. Denn: «Es war im Übrigen untersagt, das Wort Elend auch nur in den Mund zu nehmen. Es brauchte einen edleren Grund, einen, der politisches Asyl rechtfertigt.»

Am grössten jedoch wird der Hass der Protagonistin auf sich selber: Als «Bindestrich» zwischen den Fronten wird sie von einem System absorbiert, das sie eigentlich verabscheut. Hinzu kommt, dass sie als Dolmetscherin quasi inexistent sein muss: «Alle meine Bemühungen richteten sich darauf, nicht vorzukommen.» Gleichzeitig spürt sie die Erwartungen der bangladeschischen Männer, die mit ihrer Solidarität rechnen und in ihr schliesslich eine Verräterin sehen, weil sie sich dem verweigert. Um sich von ihrem Alltag abzulenken, sucht sie schnellen Sex bei hellhäutigen Männern, doch mehr als einen kurzen Kick bringen diese Begegnungen nicht.

Sinha beschreibt in sehr bildhafter, fast sinnlich erfahrbarer Sprache den ganzen Irrsinn des französischen Asylsystems und der Ungerechtigkeit der Welt. Der immer atemloser werdende Monolog macht erschreckend heftig und schonungslos nachvollziehbar, wie in diesem kranken System die Menschen selber krank werden. Und Grund zur Hoffnung, dass sich etwas ändern würde, gibt es keinen.

Silvia Süess

Shumona Sinha: «Erschlagt die Armen!». Aus dem Französischen von Lena Müller. Hamburg 2015. Edition Nautilus. 127 Seiten. 25 Franken.

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