Nr. 07/2019 vom 14.02.2019

Ein grosser Poet in einem Nest von Skorpionen

Der guatemaltekische Mayadichter Humberto Ak’abal war eine der bedeutendsten Figuren der indigenen Literatur Amerikas. Weltweit erfuhr er Anerkennung – nur die intellektuelle Elite seines Landes behandelte ihn wie einen Aussätzigen. Eine Würdigung seines Übersetzers.

Von Erich Hackl

Humberto Ak’abal war Hirte, Weber, Wanderverkäufer von Decken und Ponchos. Nach dem frühen Tod des Vaters ging er in die Hauptstadt, um als Hilfsarbeiter seine Mutter und seine jüngeren Geschwister daheim in Momostenango, einer Ortschaft im Altiplano von Guatemala, durchzubringen.

Schon vorher hatte Humberto alles gelesen, was an bedrucktem Papier aufzutreiben war: lose Zeitungsblätter, zerfledderte Bücher, die er auf Müllhalden fand, Romane von Zola, Tolstoi, O. Henry, die aus unerfindlichen Gründen in den Besitz seines Grossvaters gelangt und in einem Winkel unter dem Dach versteckt worden waren, aus Angst, die Buchstaben könnten jeden verhexen, der sich bemühte, sie zu entziffern. Lachend erzählte Humberto einmal, wie er sich mit einem Betrunkenen geprügelt hatte, der ihm einen Gedichtband entrissen hatte, für den er sich das Geld vom Mund abgespart hatte.

Präzise Sprache, genauer Blick

Er fing an, selber Gedichte zu schreiben, auf Maya-K’iche’, in der Sprache der grössten indigenen Gemeinschaft Guatemalas, die von der herrschenden Minderheit der Weissen und Ladinos bis heute verachtet wird. Sein erstes Buch, «El animalero» (1990), durfte nur auf Spanisch erscheinen. Schon darin findet sich alles, was seine Poesie bestimmt hat: die schlichte, zugleich präzise Sprache; der genaue Blick auf Menschen, Gegenstände, Tätigkeiten; die Liebe zur Natur; die Freude an rätselhaften Erscheinungen; der Sinn für Komik; das Vermögen, Mitleid für die Armen und Geschundenen aufzubringen. Und das feine Gehör für Gesänge, Klänge, Vogelstimmen, die er in lautmalerischen Versen festhielt.

Von den Schriftstellern seines Landes wurde er die längste Zeit wie ein Aussätziger behandelt. Man nahm ihm sein indianisches Aussehen übel, die Mayatracht, in der er sich kleidete, seine Armut – und dass er ausserhalb Guatemalas, bis hin nach Japan, Österreich und Israel, als Dichter wahrgenommen wurde. Dass er Erfolg hatte, obwohl er in einer Sprache schrieb, die ungeachtet ihres kulturellen Reichtums – man denke nur an das Popol Vuh, das heilige Buch der Mayas – für literaturuntauglich angesehen wurde. Erst die Anerkennung im Ausland ermöglichte es ihm, bescheiden zwar, aber ausschliesslich von seiner literarischen Arbeit zu leben. Für die Diskriminierung durch Guatemalas intellektuelle Elite – dieses «Nest von Skorpionen», wie er mir einmal schrieb – wurde er durch die Achtung entschädigt, die ihm die indigene Bevölkerung entgegenbrachte.

Lesung für die Toten

Einmal las er seine Gedichte auf dem Atitlán-See, in einem Boot, fünf Stunden lang vor einem vielhundertköpfigen Publikum, das am Uferhang des Vulkans lagerte. Ein anderes Mal trug er sie auf einem Friedhof in Chiapas vor, an Allerheiligen, und die ZuhörerInnen klappten die Grabdeckel auf, damit ihn auch ihre verstorbenen Angehörigen hören konnten. Dass der Ältestenrat von Momostenango den Berg Panclom nach ihm benannte, rief aufs Neue seine Feinde auf den Plan, die ein solches Unterfangen für Blasphemie hielten.

Obwohl er es vermied, seine Gedichte mit politischen Losungen zu belasten, tauchten sie immer wieder als Graffiti an öffentlichen Gebäuden der Hauptstadt auf. «Das zeigt, wie Poesie aufhört, ihrem Autor zu gehören, und sich in ein öffentliches Gut verwandelt», sagte er dazu. «Ich bin den anonymen Sprayern dankbar dafür, dass sie so höflich waren, meinen Namen unter die Gedichte zu setzen.»

Das Rauschen der Bäume

Von allen meinen Schriftstellerfreunden war Humberto derjenige, der mir das grösste Glück beschert hat: durch seine Gedichte, die ich übersetzen durfte, durch seine Treue, seine Gegenwart. Auch, weil ich an seinem Leben Anteil nehmen durfte: Als er mich Anfang der neunziger Jahre nach Momostenango mitnahm, lernte ich die Menschen und Dinge kennen, die Humbertos Verse und Geschichten bevölkern: den Grossvater, einen Mayapriester; die Mutter, die nicht lesen und schreiben konnte, aber das Rauschen der Bäume und das Knistern brennender Scheiter zu deuten wusste; die Mädchen, die am Fluss die Wäsche wuschen; den Kleinwüchsigen, der in der Dorfkapelle die grosse Trommel schlug; die Hühner, Hunde, Schildkröten, Steine, Schluchten, Pfade; sogar den einen oder anderen von den Geistern, deren übles oder schalkhaftes Wesen er immer wieder beschrieb.

Dort erwachte auch die Liebe zwischen ihm und einer jungen Bauerntochter aus Le Locle, Nicole Bieri, die den Mayanamen Mayulí annahm. Viele Jahre später, bei einer Lesung in St. Gallen, lernte ich auch ihren gemeinsamen Sohn Yannik kennen, Nakil auf K’iche’, einen aufgeweckten, geschichtshungrigen Jungen, der den Humor seines Vaters geerbt hat.

Stürmische und bittere Jahre

Zwischen der einen und der anderen Begegnung lagen stürmische und auch bittere Jahre: Als Humberto 2004 mit dem höchsten Literaturpreis Guatemalas, dem Premio Nacional Miguel Ángel Asturias, ausgezeichnet werden sollte, lehnte er den Preis wegen rassistischer Äusserungen des Namensgebers ab. Daraufhin erhielt er Morddrohungen, sodass er mit seiner Familie in der Schweiz Zuflucht suchen musste. Jahre nach ihrer Rückkehr wurde ihm die Entführung seines Sohnes angedroht. Bei Nacht und Nebel brachte er Nakil und Mayulí zum Flughafen von Guatemala-Stadt. Seit damals sah sich die Familie nur noch dann, wenn Humberto zu Lesungen oder Workshops in Europa eingeladen wurde. Er war zu nobel, um sich über die vielen unerwünschten BesucherInnen aus Europa zu beklagen, die auf ihren Fernreisen durch das Land des ewigen Frühlings – und der krassen sozialen Gegensätze – bei ihm anklopften, unangemeldet und ohne sich für ihre Neugier zu genieren.

Mit dem scheinbar kühnen Vorschlag des Schriftstellers Karl-Markus Gauss, den Nobelpreis für Literatur an Humberto Ak’abal zu vergeben, war ich völlig einverstanden: weil eine solche Auszeichnung gerecht gewesen wäre und weil ich meinem Freund zu diesem Anlass den Koffer nach Stockholm getragen hätte.

Eine seiner Liebhabereien war das Sammeln winziger Bücher, für die er in seinem Häuschen in Momostenango ein Regalbrett freigeräumt hatte. Er beschrieb mir das Entzücken seiner Mutter, jedes Mal, wenn sie diese kleinen Wunderwerke betrachtete. Ein Exemplar des kleinsten Buchs der Welt – jedenfalls wurde es vor Jahrzehnten als solches angepriesen – aus der Hinterlassenschaft meiner Mutter wartete darauf, in seinen Besitz überzugehen, bei unserem nächsten Treffen, zu dem es nie mehr kommen wird. Denn am Abend des 28. Januar ist Humberto Ak’abal in der Notaufnahme eines Krankenhauses der Stadt Guatemala verstorben, und ich weiss nicht, wie ich ohne ihn mit dieser Welt zurechtkommen werde.

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