Nr. 37/2014 vom 11.09.2014

Die Bar als Erinnerungsraum?

Warum René und Rosemarie Triponez eines Tages beschlossen, die Seite zu wechseln. Wie aus einer leicht frivolen Damenoberbekleidungsboutique ein explosives Pressecafé wird. Und weshalb im Bieler «Atomic Café» auch verstorbene Gäste mit von der Partie sind.

Von Adrian RiklinMail an AutorIn (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Rosemarie Triponez: «Und René war ja schon immer ein habitué des troquets, ein passionierter Beizengänger.» – René Triponez: «Übertreib mal nicht!»

WOZ: Madame Triponez, was bedeuten all die eingerahmten Fotos an der Wand und die leer getrunkenen Gläser auf dem Regal beim Gang zur Toilette?
Rosemarie Triponez: Das ist unsere Ahnengalerie.

René Triponez: Galerie des ancêtres. Alles verstorbene Gäste. So leisten sie uns noch ein wenig Gesellschaft.

Rosemarie: Unsere Bar ist auch ein Gedenkort. Es werden auch Gäste verewigt, die von Anfang an bei uns verkehrten, depuis le début.

Seit dem 20. August 1996 also, als Sie das «Atomic» eröffneten. Wie kam es dazu?
Rosemarie: Ich arbeitete die Jahre zuvor in verschiedenen Büros. Und René hat 25 Jahre bei der Migros gearbeitet.

René: Mais ce n’est pas le cas aujourd’hui!

Rosemarie: En tout cas, c’est la réalité!

René: Dann halt. Nach meiner Lehre als Fotolaborant arbeitete ich in einem Labor in Bern. Nachher habe ich bei M-Electronic in Biel viele Jahre als Verkäufer gearbeitet. Als Familienvater musste ich ja Geld verdienen. Parallel dazu bin ich ab den frühen Sechzigern aber immer schon als Musiker aufgetreten. Wir waren eine der ersten Bands in Biel. Les Vampires zum Beispiel. Seit 2001 bin ich Sänger und Schnuregiigeler von Ze Shnabr.

Ze Shnabr?
René: Lärm. Auf Welsch, extra falsch geschrieben. Man könnte auch sagen: schräg, wild, furieux. Rhythm ’n’ Blues halt. Und Rock ’n’ Roll.

Ein älterer Herr will sich gerade ans Tischchen nebenan setzen.

René: Fais attention, Hervé! Le Röschtigraben!

Und wie habt ihr euch kennengelernt?
René: Anfang der siebziger Jahre, in der Altstadt.

Rosemarie: Ich habe damals bei General Motors meine KV-Stifti gemacht. Meinen ersten Lehrtag hatte ich 1968 exakt an meinen Geburtstag.

René: Du hattest doch dort im Büro ein Plakat mit Che Guevara an der Wand aufgehängt.

Rosemarie: Ja, die Amerikaner haben sich dann ein wenig aufgeregt, als sie auf Besuch waren.

Gab es Probleme?
Rosemarie: Ich hatte einen guten Chef. Herr Klug hat mich verteidigt. Ich durfte es hängen lassen …

Hervé (vom Nebentischchen): Die Arbeiterstadt Biel hatte schon immer eine Tradition der Toleranz.

Rosemarie: Und ab den späten Sechzigern gab es in Biel auch einen veritablen kulturellen Aufbruch. Das AJZ im Gaschessu zum Beispiel ist das älteste autonome Jugendzentrum in der Schweiz.

Und politisch?
Rosemarie: … war ich Poch-Sympathisantin. In Biel aber waren damals vor allem die Ligue marxiste révolutionnaire, die Sozialistische Arbeiterpartei und auch die jurassische Parti socialiste autonome präsent.

Nochmals ins Jahr 1996, zur Geburt des «Atomic» …
Rosemarie: Die Inspiration dazu ist uns auf unseren Exkursionen durch Bars in europäischen Grossstädten gekommen. René war ja schon immer ein habitué des troquets, ein passionierter Beizengänger.

René: Übertreib mal nicht! Der wahre Grund für unsere Reisen nach Amsterdam, Berlin oder Budapest waren Auftritte unserer damaligen Bluesband G and the Swing-Machine.

Rosemarie: Zusammen mit Freunden und Fans tourten wir in einem grossen Car durch Europa.

René: Junge, Pensionierte, Punks, Freaks, gestandene Geschäftsherren … Eine ziemlich bunte Reisegesellschaft.

Rosemarie: Und du bekamst damals oft Post von der Suisa, weisch no? Da wurdest du immer mit «Herrn Kapellmeister» angeschrieben.

Und der Herr Kapellmeister entschloss sich eines Tages, auf die andere Seite der Theke zu stehen?
René: Ich mochte einfach nicht mehr bei der Migros schaffen. Immer das Gschtürm! Wobei ich schon vor dem «Atomic» eine Zeit lang das «Sputnik» führte, im oberen Stock der Genossenschaftsbeiz St. Gervais. Das war mir aber zu wenig autonom. Und eines Tages haben wir dann diesen Raum entdeckt.

Rosemarie: Vorher war da eine spezielle Damenoberbekleidungsboutique. Ziemlich charmant. Um nicht zu sagen frivol.

Warum dann dieser explosive Name?
René: Ich sagte: «Wir müssen einen Namen haben, der mit A beginnt. Wegen dem Telefonbuch.» Und dann hatte Rosemarie die Idee mit «The Atomic Café».

Ausgerechnet dieser Film aus dem Jahr 1982, in dem Ausschnitte aus US-Propagandafilmen zu einer Realsatire montiert wurden?
Rosemarie: Weil ich schon als Kind diese Angst vor der Atombombe hatte. Sie war für mich wie ein Gespenst. Immer schaute ich in den Himmel und dachte: Irgendwann kommt sie, die Atombombe. Übrigens: Die Beiz ein paar Schritte weiter Richtung Uraniaplatz hiess damals «Urania».

René: Da haben wir gefunden: Atomic und Urania – pas mal.

René «Guitol» Triponez (71) und Rosemarie Triponez-Wachs (62) haben im Putzkasten ihres «Atomic», achtzehn Kilometer vom AKW Mühleberg entfernt, zehn Schachteln mit Jodtabletten aufbewahrt. Stammgast Hervé Treu (82) sitzt seit Kurzem als SP-Vertreter 
im Bieler Stadtparlament.

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