Nr. 39/2014 vom 25.09.2014

Trifft sich hier Old Fashion mit der Avantgarde?

Warum auch Nonnen immer wieder mal gern auf einen Tee ins «Atomic» kommen. Wie Émilie aus Montreal in Biel die Welt erkundete. Und was das «Atomic» speziell mit Europa verbindet.

Von Adrian RiklinMail an AutorIn (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Rosemarie Triponez: «Ich sehe sie heute noch vor mir: Émilie, wie sie in der Weltgeschichte herumsurft.» – René Triponez: «Fini pour aujourd’hui! Ins ‹Brésil›!»

Freitagabend. Feierabendstimmung im «Atomic». Tristan, der Sohn von Rosemarie und René Triponez, setzt sich an die Bar und bestellt sich einen Ramazotti.

WOZ: Madame Triponez, was macht eine gute Café-Bar aus?
Rosemarie Triponez: Guter Kaffee. René Triponez: Gute Musik, guter Wein, Bier … Tristan Triponez: … und gute Digestifs. Santé!

Santé! Monsieur Triponez, ist das «Atomic» altmodisch?
René: Ich würde eher sagen: atypique. Atypique comme l’«Atomic» … Mais bon: Wenn Savoir-vivre altmodisch ist – ja, dann sind wir altmodisch. Rosemarie: Wobei «bodenständig» der passendere Begriff wäre.

Tristan: Was Modernität ja nicht ausschliesst. Immerhin waren wir 1996 die Ersten in Biel mit Internet. In Biel gab es damals nur einen Provider: Mein Bruder Fabian und ich mussten bei denen persönlich im Büro einen Vertrag unterzeichnen. Ziemlich teuer …

René: Am Anfang wussten viele gar nicht, was das ist. Viele meinten, es sei ein Spiel. Rosemarie: Émilie, ein achtzehnjähriges Au-pair aus Montreal, war die grosse Ausnahme. Ich sehe sie heute noch vor mir: wie sie sich mit einer grossen Selbstverständlichkeit Tag für Tag vor den Bildschirm setzt und in der Weltgeschichte herumsurft.

René: Fabian produziert heute übrigens Videospiele. In «Rockstar Rampage» geht es um die Zerstörung von Hotelzimmern. Ich spiele den Hotelmanager …

Kann man sagen: Im «Atomic» verbindet sich das Altmodische mit Avantgarde?
René: En quelque sorte, oui. Wobei: Bei mir hat das Altmodische vielleicht auch mit meiner streng katholischen Erziehung zu tun. Meine achtzigjährige Schwester ist Nonne. Ab und zu kommt sie von Lausanne mit dem Zug auf einen Tee. Bei mir war mit dem Ende der Schule, Gott sei Dank, Feierabend mit katholisch.

Tristan: Wichtig ist uns Offenheit. Von daher sind wir eher zeitlos. René: Wir waren ja auch die Ersten in der Stadt mit Digitalradio. So haben wir von Anfang an zeitgenössischen Jazz, Hip-Hop und Elektromusik übertragen. Gute Musik. Und auch gute schlechte Musik.

Was ist gute schlechte Musik?
René: Zum Beispiel Schlager. Zwüschine. Oder Schräges vom Internetradio des Bieler Kassettenpapstes. Klassik hingegen vertragen viele unserer Leute nicht so gut …

Rosemarie: Durch das Internet und die progressive Musik kamen von Anfang an auch viele junge Leute ins «Atomic». Und Reisende. Vom Bahnhofskiosk schicken sie die Touristen, die nach einer Internetstation fragen, noch heute ins «Atomic».

Passt ja gut in die Neustadt mit der Architektur des Neuen Bauens aus den zwanziger Jahren.
Tristan: Ja, damals, mit dem neuen Bahnhofsviertel, war Biel die modernste Stadt der Schweiz. Rosemarie: Vielleicht ist es das, was Jörg Steiner meinte, als er sagte, Biel sei eine amerikanische Stadt. Übrigens: Das Haus hier heisst «Europa». Bevor wir uns für «Atomic» entschieden, geisterte «Europa» durch unsere Köpfe.

Biel war ja auch politisch fortschrittlich …
René: Für uns hier im «Atomic» ist ein gewisser Gemeinsinn so oder so eine Selbstverständlichkeit. Dazu gehört auch un bon voisinage. Nach der Arbeit gehen wir oft noch auf einen Schluck ins «Brésil». Und auf unserer Tafel draussen kündigten wir bis zu seinem Tod die Menüs unseres Kollegen Pepe vom «Bel Air» an. En retour brachte er seine spanischen Compañeros mit ins «Atomic».

Spricht da der jurassische Anarchokatholik?
René: En quelque sorte … Mais attention: Le respect et la tolérance, c’est la limite de l’ anarchisme! Tristan: Bei uns verkehren ja Leute mit ganz unterschiedlichen Weltanschauungen.

Rosemarie: Wobei das Publikum schon nicht mehr das gleiche ist. Aber eigentlich hat es schon 1996 angefangen: Das Milieu war nicht mehr so gemütlich, es gab immer mehr Konzeptgastronomie, von diesen Betriebsökonomen aus St. Gallen …

René: Es hat sich viel aufs Weekend verschoben. Und dann der ganze Take-away-Schmarren … Rosemarie: Auf einen Schwatz noch eins trinken zu gehen: Diese Apérokultur ist nicht mehr so verbreitet wie auch schon.

René: Jetzt trinken sie das Bier auf der Strasse. Aus Büchsen.

Und in zehn Jahren?
René: Wir leben heute – morn isch morn.

Rosemarie: Seit einigen Jahren befindet sich das Gastgewerbe allgemein in einer schwierigen Phase. René: Mit Betonung auf «Gastgewerbe». Gastronomie, c’est pour les gourmets. Wir hingegen sind ein Trinklokal. En quelque sorte leisten wir als Pressecafé aber auch einen öffentlichen Dienst, quasi als Bahnhofsbuffetersatz.

Rosemarie: Es gibt aber auch Gäste, die sich am «Atomic» beteiligen. Pierre Soltermann zum Beispiel, der uns das Abonnement für die welsche Kulturzeitschrift «La Couleur des jours» geschenkt hat.

René: Jetzt aber Schluss für heute! Fini pour aujourd’hui! Ins «Brésil»!

Am 20. August 2016 feiern René «Guitol» Triponez (71) und Rosemarie Triponez-Wachs (62) mit Tristan Triponez (42) den 20. Geburtstag des «Atomic» beim Bieler Hauptbahnhof. Vielleicht spielt dann neben Renés Zhe Shnabr auch eine von den Bands mit Gitarrist Tristan. Mehr zu den Bands auf Tristans Label www.langusta.ch.

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