Nr. 36/2014 vom 04.09.2014

Wie bilingue ist Biel/Bienne?

Seit 1996 betreiben Rosemarie und René «Guitol» Triponez beim Bieler Bahnhof eine «bar universel». Im «Atomic Café» treffen sich nicht nur pensionierte jurassische Arbeiter, Weltenbummlerinnen oder rote Stadträte – auch Ausserirdische sind jederzeit gern gesehen.

Von Adrian RiklinMail an Autor:in (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

René Triponez: «Es kommen ganz verschiedene Leute zu uns – vom Millionär bis zum Hilfsarbeiter.» Rosemarie Triponez: «Hast du schon mal einen Millionär bei uns gesehen?»

Das kosmopolitische Flair offenbart sich schon beim Eingang im Zeitungsständer: Die «Libération» neben der «Süddeutschen», «Tages-Anzeiger» neben «Le Matin», «Le Canard enchaîné» neben der «Herald Tribune», die WOZ neben dem «Quotidien Jurassien» et cetera.

In der Bar, einer «salle minuscule» im Art-déco-Stil, öffnet sich der Blick rechts auf eine lange Bank mit vier Tischchen. Links, hinter der Theke, stehen Rosemarie und René Triponez, die das Lokal 1996 eröffnet haben. An der Bar sitzt auch Tristan, ihr Sohn.

WOZ: Monsieur Triponez, was ist das, eine «bar universel»?
René Triponez: Eine universelle Bar ist eine Bar, die für alle offen ist. Das heisst: Auch Ausserirdische sind bei uns bienvenus. Ganz allgemein kommen ganz verschiedene Leute zu uns: vom Millionär bis zum Hilfsarbeiter. Rosemarie Triponez: Mais non! Hast du schon mal einen Millionär bei uns gesehen?

Stimmt es, dass im «Atomic» der Bilingue-Geist von Biel besonders lebt?
René: Es gibt Leute, die sagen, das «Atomic» sei mehr welsch. Rosemarie: Und andere sagen, es sei mehr deutsch. René: Tendenziell stehen die Welschen mehr an der Bar. Rosemarie: Und die Deutschschweizer sitzen mehr auf der Bank.

René: Wir gehen davon aus, dass der Röstigraben exactement durch das «Atomic» geht. Tristan: Es ist eine unsichtbare Linie, die zwischen den Barhockern und den Tischchen verläuft. René: Wobei man problemlos darüber hinweggehen kann. Rosemarie: Und manchmal ist der Graben auch ganz verschwunden, disparu. Zum Beispiel, wenn wir Fussballspiele übertragen.

Mischen sich Französisch und Deutsch in Biel gar nicht so sehr, wie viele behaupten?
René: Ça dépend. Effectivement gibt es in Biel auch heute noch viele Welsche, die kaum Deutsch, und Deutschschweizer, die kaum Französisch sprechen.

Rosemarie: René und ich sind bilingue. Ich bin im Berner Seeland aufgewachsen und habe erst mit sechzehn mit Französischsprechen angefangen, als ich in Biel meine KV-Lehre bei General Motors anfing. René: Und ich bin in La Chaux-de-Fonds französischsprachig aufgewachsen. Als ich fünf Jahre alt war, zogen wir nach Biel. Mein Vater war ein Uhrengrübler, wie viele Jurassier, die nach Biel gezogen sind, um in der Uhrenindustrie zu arbeiten.

Und wie redet ihr zu Hause miteinander?
Tristan: Da reden wir mehr deutsch. Ich habe die deutschsprachigen Schulen gemacht, bin aber mehr oder weniger bilingue, da ich früh welsche Freunde hatte. Die Zweisprachigkeit ist in Biel schon mehr als nur ein Mythos.

René: Wenn Rosemarie und ich miteinander reden, ist es mi-allemand, halb welsch. Rosemarie: Wobei ich in emotionalen Momenten mehr französische Ausdrücke wähle … René: «Wüescht» sagt sie mir gern auf Französisch. Rosemarie: À la française tönt Fluchen irgendwie eleganter.

Was hat euch dazu bewogen, eine derart grosse Zeitungsauswahl anzubieten?
Rosemarie: Die Idee kam mir erstmals im Pressecafé beim Bahnhof Zoo in Berlin Anfang der neunziger Jahre. Da schwor ich mir: Wenn wir mal ein eigenes Lokal haben sollten, dann mit einer ähnlich internationalen und vielsprachigen Zeitungsauswahl.

Tristan: Das «Atomic» liegt ja auch am Bahnhof. Es ist eine Bar, in die Leute von überallher kommen, de toute provenance. Die Zeitungsauswahl würdigt aber auch den bilinguen und multikulturellen Charakter von Biel. Bis vor einigen Jahren hatten wir auch noch «La Repubblica» und «El País». René: Nachdem immer weniger Italiener und Spanier ins «Atomic» gekommen waren, bestellten wir sie ab. Wir können uns nicht alle Titel leisten, die wir unseren Gästen anbieten wollen.

Welche Zeitungen werden besonders gern gelesen?
Rosemarie: «Bieler Tagblatt», «Le Matin», regionale Blätter, aber auch «Die Süddeutsche», «Libération» … René: Und nicht zu vergessen: «Le Quotidien Jurassien». Es kommen immer noch viele Jurassiens ins «Atomic». Vor allem pensionierte Arbeiter. Rosemarie: Bis in die späten Neunziger trafen sich hier noch viel mehr Jurassier. Viele arbeiteten damals gegenüber auf der Post, für die Päcklipost und im Verteilzentrum. René: Seit dort fast nur noch Büro- und Schalterleute arbeiten, kommen nur noch wenige. Rosemarie: Viele, die noch aufkreuzen, kommen wegen der Todesanzeigen im «Quotidien Jurassien». (Schaut auf die Uhr.) Oh, schon 21 Uhr.

Die letzten Gäste werden gebeten, das Lokal zu verlassen. Für René und Rosemarie Triponez ist aber noch lange nicht Feierabend. Sie beginnen, das Lokal zu reinigen.

Rosemarie: Bonne nuit. Gute Heimfahrt. René: À la prochaine!

René «Guitol» Triponez (71) ist in La Chaux-de-Fonds geboren. Der gelernte Fotolaborant, bekannt auch als Leadsänger der Bieler Blues-, Beat- und Rock-’n’-Roll-Band Ze Shnabr, 
arbeitete über 25 Jahre als Fotofach- und Elektronikverkäufer bei der Migros. Rosemarie Triponez-Wachs (62), in Locarno geboren, arbeitete als Büroangestellte in verschiedenen Betrieben. Seit dem 20. August 1996 
betreiben sie das «Atomic Café» beim Bieler Hauptbahnhof. Ihr Sohn Tristan (41) lebt 
und arbeitet als Berater und Spezialist für 
digitale Archivierung in Biel.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch