Nr. 37/2014 vom 11.09.2014

Von einer stetigen Reizbarkeit

Zum 85. Geburtstag von Jürgen Habermas hat Stefan Müller-Doohm eine umfassende Biografie verfasst, die zeitgeschichtlich sensibel in Werk und Wirkung des Philosophen und Soziologen einführt.

Von Erich Keller

Jürgen Habermas hatte im Juni 1967 den Kongress in Hannover, auf dem Tausende StudentInnen über Hochschule, Demokratie und Widerstand diskutierten, gerade verlassen und sich ins Auto gesetzt. Da entschloss er sich, von den Diskussionen immer noch aufgewühlt, ins Auditorium zurückzukehren. Wenige Tage zuvor hatte in Berlin ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg während einer Demonstration erschossen; damit war die studentische Protestwelle von 1967 ins Rollen gekommen.

Angesichts der Ereignisse riefen selbst zurückhaltende Stimmen zum Widerstand gegen einen Staat auf, der seine – wie sie dachten – faschistische Fratze gezeigt hatte. Aufgeregt kehrte Habermas also noch einmal ans Mikrofon zurück und sprach das Wort aus, das er später bereute und das von den Medien in Windeseile verbreitet wurde: Er nannte die sich immer stärker radikalisierende, zusehends auf «Action» versessene Ideologie der StudentInnen einen «linken Faschismus». An diesem Punkt wendete sich, so sieht das der Biograf Stefan Müller-Doohm, das Blatt: Die studentische Opposition, die zuvor die Nähe des ehemaligen Assistenten von Theodor W. Adorno gesucht hatte, ging auf Distanz zu ihm.

Identifikation mit der Demokratie

Schon fünfzehn Jahre zuvor hatte sich das «polemische Talent» (Müller-Doohm) Habermas’ gezeigt, als er als junger Journalist den philosophischen Grossmeister Martin Heidegger öffentlich kritisierte – für dessen von Willfährigkeit geprägtes Verhältnis zu den nationalsozialistischen Machteliten genauso wie für sein anhaltendes Schweigen über die Schoah. In solchen Debatten, so Müller-Doohm, sei die junge Demokratie erwachsen geworden.

Müller-Doohm spinnt diesen Faden weiter. Im späteren Zusammenprall zwischen studentischer Unruhe und professoraler Zurückhaltung habe sich vor allem ein Generationenkonflikt gezeigt: Hier ein «45er», dort die, wie sie später heissen werden, «68er». Diese «45er», in den frühen zwanziger Jahren geboren, hatten in ihrer Kindheit den Nationalsozialismus als Normalität erfahren – den Krieg und die Trümmerlandschaften deutscher Grossstädte aber als die Katastrophe, die sie waren.

Dies prägte auch Jürgen Habermas, der aus einer mittelständisch-protestantischen Familie stammt, Mitglied der Hitlerjugend war und als Fünfzehnjähriger kurz vor Kriegsende in den Fronthelferdienst eingezogen wurde; zu jung, um Täter, und doch alt genug, um Teil des Nazitotalitarismus zu sein. Die militärische Niederlage Deutschlands erlebte Habermas aber als Befreiung. Diese Erfahrung und das Entsetzen über den zivilisatorischen Zusammenbruch befeuern ihn ein Leben lang – und führten zu seiner «rückhaltlosen Identifikation mit der Idee der Demokratie».

Kein Wunder, prallten in den späten sechziger Jahren grundsätzlich verschiedene Vorstellungen innerhalb der Linken aufeinander. Habermas kritisierte den Voluntarismus der Radikalen als unhistorisch, konnte weit und breit keine revolutionäre Situation erkennen und sah sich selbst in der Rolle des öffentlichen Intellektuellen, der die parlamentarische Demokratie verteidigte. Nur diese könne für Gleichheit und Sicherheit sorgen. Wo der Rechtsstaat darin versage, sei er zu kritisieren und zu verbessern.

Auch eine Milieustudie

Diese Linien im Werk des Philosophen werden von Müller-Doohm detail- und kenntnisreich herausgearbeitet. Habermas wird als streitbarer Philosoph gezeigt, von einer stetigen Reizbarkeit, aus der heraus er sich bis heute immer wieder in Grundsatzdebatten einmischt. Anderes hätte man sich etwas vertiefter dargestellt gewünscht. Das gilt vor allem für die Themen Öffentlichkeit, Medien und Macht, mit denen sich Habermas bereits 1962 in «Strukturwandel der Öffentlichkeit» beschäftigte. Was bleibt eigentlich übrig vom politischen Räsonnement in einer medialen Öffentlichkeit, in der die Grenzen zwischen Privatem und Politischem endgültig verwischt sind? Damals kritisierte Habermas die fehlenden Mitsprachemöglichkeiten eines staatsbürgerlichen Publikums, das in die Rolle von MedienkonsumentInnen gedrängt sei. Die Medienwelt sah er als durchfeudalisierten, weitestgehend monopolisierten Betrieb, in dem sich PR-Abteilungen so eng an die Politik geschmiegt hätten, dass sie kaum mehr voneinander zu unterscheiden seien.

Doch wie sieht das heute aus, wo mit dem Internet ein Medium verfügbar ist, wie es zugänglicher kaum sein könnte? Immerhin zeigt sich täglich neu, dass die tiefe Zugangsschranke nicht automatisch Demokratie im öffentlichen Raum produziert. Und lässt sich überhaupt noch von einem öffentlichen Raum sprechen, wenn dieser scham- und grenzenlos und in seiner Dauerpräsenz totalitär geworden ist?

Die Privatsphäre von Habermas wird indes von Müller-Doohm nicht angetastet. Die «verweigerte Biografie» (Müller-Doohm) gerät so zu einer Einführung in Werk und Wirkung, die eine kritische Mindestdistanz nicht immer einhält, es aber dennoch schafft, ein Milieu der intellektuellen politischen Debatten nachzuzeichnen, das heute verschwunden scheint.

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