Nr. 23/2019 vom 06.06.2019

«Mit Habermas wurde die Kritische Theorie auf den Boden einer Wissenschaft unter anderen zurückgeholt»

Für Max Horkheimer war er als junger Philosoph zu marxistisch, Peter Sloterdijk diffamierte ihn als «Starnberger Ajatollah», und in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» gehörten die Tiraden gegen ihn zum guten Ton. So einflussreich der Philosoph Jürgen Habermas ist, so intensiv arbeiten sich seine rechten und linken Feinde an ihm ab. Eine Verteidigung zu seinem 90. Geburtstag.

Von Rudolf Walther

Von links mit Adorno-Metaphern beworfen, von rechts des Opportunismus bezichtigt: Jürgen Habermas am Fenster seines Hauses im bayerischen Starnberg. FOTO: GORKA LEJARCEGI , «EL PAÍS»

Der Philosoph und Intellektuelle Jürgen Habermas, der am 18. Juni neunzig Jahre alt wird, mag Interviews nicht, weil er «zeitlebens von der Überlegenheit des geschriebenen Wortes überzeugt war». Auftritte in Talk- und Personalityshows sind für Habermas schlicht undenkbar, weil diese Öffentlichkeit zur Inszenierung von Imagepirouetten pervertieren, in denen Öffentliches und Privates ununterscheidbar werden. Der leidenschaftliche Diskutant Habermas schätzt die alltagssprachliche Kommunikation sehr – «ich kenne keinen Menschen, dem das Reden und Argumentieren so viel Spass macht wie ihm», sagte der Sozialphilosoph Oskar Negt über ihn. Doch Habermas hält solche Kommunikation auch für naiv im Vergleich zum professionellen philosophischen Diskurs, der sich im Raum von Argumenten und Gründen bewege, um Geltungsansprüche überprüfbar zu formulieren, das heisst, um dem «zwanglosen Zwang des besseren Arguments» den Weg zu bahnen.

Das ist keine professorale Marotte, sondern hat neben theoretischen auch lebensgeschichtliche Wurzeln. Als Habermas 2004 den Kyoto-Preis, eine Art Nebennobelpreis, erhielt, forderte ihn Kazuo Inamori, Gründer des Konzerns Kyocea und von dessen Stiftung, auf: «Bitte, sprechen Sie über sich selber!» Habermas ging auf das für einen Philosophen eher befremdliche Ansinnen ein und erläuterte vier lebensgeschichtliche Wurzeln seines Denkens.

Zwei dieser lebensgeschichtlichen Wurzeln seines Denkens haben mit seiner Sprechbehinderung zu tun, wie Habermas in seiner Dankesrede erläuterte. Direkt nach seiner Geburt wurde er einer Gaumenoperation unterzogen, mit fünf Jahren erfolgte ein zweiter Eingriff. Unmittelbar als Kommunikationsproblem erfuhr Habermas seine Behinderung als Schüler,  weil man ihn wegen seiner nasalen Diktion und seiner Artikulation nicht oder schlecht verstand und ihn das in Form von Beleidigungen und Kränkungen spüren liess. Natürlich lassen sich zwischen diesen frühen Prägungen und dem wissenschaftlichen Werk keine geraden Verbindungen ziehen, aber die Bedeutung gescheiterter Kommunikation und daraus resultierende Kränkungen sind verständlich.

Eine Frankfurter Skurrilität in der Zeit um 1968 zeugt davon. Es gab da Auftritte des Clowns Hans Imhoff, der sich als Aktionskünstler verstand und den Universitätsbetrieb durch Störungen verspottete. In Feuilletons werden Imhoffs Aktionen bis heute überschätzt und zu «Szenen eines höheren Lustspiels» («Frankfurter Allgemeine Zeitung», 1998) hochgeschrieben. Imhoff fiel jedoch nicht mehr ein, als Habermas’ Sprechbehinderung nachzuäffen. Die wurstige Zumutung eines Journalisten, die Begegnung mit Imhoff dreissig Jahre danach zu kommentieren, beschied Habermas bündig mit einem einzigen Satz: «In jenen Tagen, als die Eier und Knallkörper im Hörsaal herumflogen, habe ich mich nur ein einziges Mal verletzt gefühlt: als Herr Imhoff unter die Gürtellinie schlug.»

Studium in Zürich

Eine weitere lebensgeschichtliche Wurzel seines Werks ist das Jahr 1945, das der Heranwachsende als «weltgeschichtliche Zäsur» erlebte, auch wenn sich diese in der Kleinstadt Gummersbach, wo er aufwuchs, zunächst nur in einer Buchhandlung der Kommunistischen Partei manifestierte. Vollends klar wurde dem 21-Jährigen die Zäsur, als er im Sommersemester 1950 in Zürich studierte. Hier sah er zum ersten Mal eine intakte Stadt mit einem grossen kulturellen Angebot an Filmen, Theatern, Museen und Bibliotheken.

Als vierte Wurzel seines Denkens betrachtet Habermas die potenzielle Zerbrechlichkeit jeder Demokratie. Zwar habe es nach 1945 so etwas wie eine «Revolutionierung der Denkungsart im Ganzen» gegeben, aber an den Universitäten, im Justizwesen und in der Politik überlebten alte Eliten mit ihren nationalistisch imprägnierten Mentalitäten. Schon als 24-jähriger Student brach Habermas mit der «unseligen Verbindung von Nationalismus und bürgerlich-hoffähigem Antisemitismus», wie sie sich in Martin Heideggers «Einführung in die Metaphysik» aus dem Jahr 1935 zeigte. 1953 publizierte Heidegger diesen Text unverändert, liess also «die innere Wahrheit und Grösse» des Nationalsozialismus weiterleben, so als ob der «planmässige Mord an Millionen von Menschen» (Habermas) nicht stattgefunden hätte. Konservative reagierten auf Habermas’ Kritik so, wie es ihm noch oft widerfahren sollte – mit der Denunziation seiner Person als Marxist, der «den Geschäften der Herren im Osten Vorschub» leiste.

Wörtlich erhob diesen Vorwurf 1957 Max Horkheimer, der Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, wo Habermas als Assistent von Theodor W. Adorno tätig war. Unter dem Titel «Zur philosophischen Diskussion um Marx und den Marxismus» hatte Habermas eben einen Forschungsbericht veröffentlicht. Der missfiel Horkheimer so entschieden, dass er Adorno «die Aufhebung der bestehenden Lage» befahl, das heisst die Entlassung von Habermas. Adorno wehrte sich tapfer, konnte sich aber nicht durchsetzen. Habermas stand über Nacht mit Frau und Kind buchstäblich auf der Strasse. Wolfgang Abendroth, der «Partisanenprofessor im Lande der Mitläufer» (Habermas), sprang ein und habilitierte Habermas 1961 mit der Studie zum «Strukturwandel der Öffentlichkeit».

Attacken von rechts

Horkheimer, der zeitlebens nie allein mit Habermas gesprochen hat, attestierte diesem zwar «ungeheuren Scharfsinn», Begabung und «geistige Überlegenheit», aber traute ihm nur zu, «als Schriftsteller eine gute, ja glänzende Karriere» zu machen. Er unterstellte Habermas wegen seiner Arbeit über Marx, er sei mit den Machthabern in der Sowjetunion verbandelt und preise, «wenn auch ohne Absicht, die Diktatur». Horkheimer buchstabierte schlichte Ressentiments in der Preislage der konservativen Parole im Kalten Krieg durch, wonach «der Sozialismus in einem Land und der Nationalsozialismus (…) ohnehin eine tiefe Verwandtschaft» aufweisen würden.

Ungeachtet der weltweiten Anerkennung des Philosophen trafen Habermas in der BRD immer wieder scharfe Attacken von Konservativen und Rechten, obwohl er selbst nicht zu «salopp hingeworfenen Zeitdiagnosen» neige: «Ich gehöre nicht zu den Intellektuellen, die mal eben aus der Hüfte schiessen», bekannte er vor gut einem Jahr in der spanischen Zeitung «El País».

Vom Fernsehintellektuellen Peter Sloterdijk wird das niemand behaupten wollen. Im Handstreich erklärte Sloterdijk die Kritische Theorie im Herbst 1999 für tot und Habermas zum «Starnberger Ajatollah», der «Fatwas» (Urteile im islamischen Recht) ausspreche und dienstbare Büttel als intellektuelle Rufmörder durchs Land schicke. In Fahrt geraten, legte Sloterdijk nach: «Das ist das Schicksal der Söhne grosser Faschisten. Unter dem Nazismus hat der Vater von Habermas eine wirklich grosse Rolle gespielt, über die man öffentlich besser nicht redet.» Das konnte man gar nicht, denn Habermas’ Vater war ein Subalterner – Major der Wehrmacht (in Frankreich eingesetzt, also sehr gut erforscht) und im Zivilleben Leiter der Zweigstelle Gummersbach der Industrie- und Handelskammer Köln/Wuppertal. So kommen rechte Gurus mit der «Schlüsselattitüde des grossen Denkers, aber ohne empirische Kenntnis» (Habermas) daher.

Für «FAZ»-Journalisten wurde Habermas-Bashing unter Mitherausgeber Frank Schirrmacher zur Aufstiegschance. Einem von ihnen fiel zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (2001) nur das Spielchen «Habermas für Kinder» ein, in dem der Philosoph der «guten Absichten» hämisch zum Ordnungshüter im «Kinderzimmer» wird. Rustikal langte auch der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer zu, der im Zuge der «nationalen Wiedergeburt» von 1989 auf «deutsche Nationalgeschichte» umsattelte und Habermas 2001 des «geschichtsfeindlichen Universalismus» bezichtigte, um seinen eigenen Jagdruf für nationalistische Kriege wenigstes am Stammtisch zu retten.

Spätestens damit war das Niveau nach unten offen. Der «Ex-FAZianer» Jürgen Busche verkaufte als Rentner 2006 dem rechten Blatt «Cicero» die vom «FAZ»-Journalisten Joachim Fest und anderen kolportierte, restlos erfundene Geschichte, Habermas habe ein mit vierzehn Jahren handschriftlich formuliertes «Bekenntnis zum Führer» als Erwachsener «verschluckt», um seine Spuren als Frühnazi zu vernichten. So schamlos agieren gutbürgerliche Konservative, wenn es gegen Links geht.

«Habermaus»

All das wurde noch unterboten. Einen Salto mortale ins Reich der ewig Peinlichen schlug der Satiriker Eckhard Henscheid. Satire, sagt man, dürfe alles, ausser sich über Eigennamen lustig machen, da diese jedem schuldlos zufallen. Das hinderte Henscheid nicht daran, Habermas als «Habi» und «Habermaus» zu verspotten. Ein «FAZ»-Artikel machte sich 1998 lustig über Habermas’ Sprechbehinderung. Sein Freund Alexander Kluge richtete dem Blatt im ersten Leserbrief seines Lebens mit einem Wort aus, was derlei sei: «infam».

Freilich gab es auch Habermas-Gegner von links. Die professoralen und freischaffenden «Adorninis» und «Adornauten» aller Kaliber bezichtigten Habermas – anstatt ihn zu lesen – lieber des «Verrats» an Adornos Erbe. Zum «Verräter» wurde ihnen Habermas, weil er sein eigenes Denken nicht abdichtete und in die Sackgasse der «Negativen Dialektik» mit ihrem «rabenschwarzen Totalitätsdenken» (Habermas) steuerte, sondern es offenhielt. Habermas verabschiedete sich auch von Teilen der «Dialektik der Aufklärung» und der aus dem historischen Kontext der Entstehung in dunkler Zeit (1944/1947) verständlichen, aber zu rigiden Vernunftkritik, da sie der Vernunft den Boden entziehe. Er verzichtete auch auf spekulativ aufgeladene Metaphern – vom «Nichtidentischen» bis zur «Versöhnung» –, mit denen Adornos Spätwerk für die Philosophie einen Rest von privilegiertem Status behauptete.

Mit Habermas wurde die Philosophie  beziehungsweise die Kritische Theorie von ihrer geschichtsphilosophischen Last sowie ihrem auratischen Sprachgestus befreit und auf den Boden einer Wissenschaft unter anderen zurückgeholt. Die Eleganz und Elastizität von Habermas’ Denken drechselten die KritikerInnen von rechts zum Vorwurf des Opportunismus, und jene von links verbunkerten sich hinter Adornos schillernden Begriffen und Metaphern, indem sie diesen ihren Zeitkern entzogen und sie dadurch zu Dogmen sterilisierten.

Habermas dagegen bestand auf der Situierung der Vernunft in einem historischen Kontext und auf deren Fähigkeit zu radikaler Selbstreflexion, mit der sie vermeintlich Verbürgtes und herkömmliche Wahrheitsansprüche diskursiv relativiere, also im Sinne Kants Wissen von blossem Glauben trenne. Die Selbstreflexion der Vernunft ist auf rationale Beschränkung, nicht auf spekulative Aufblähung gerichtet. Sie grenzt sich so von postmoderner Beliebigkeit ebenso ab wie von den zu dekorativen Girlanden geronnenen rhetorischen Beständen der älteren Kritischen Theorie.

Habermas’ Vernunftverständnis ist skeptisch, aber nicht resignativ-pessimistisch – in Abgrenzung von post- oder hypermodernen Positionen. Seine sprach- und diskurstheoretische Wende der Kritischen Theorie bewegt sich im Rahmen von pragmatistischen Bedeutungs- und Handlungstheorien. Diese lassen sich nicht in Bezug auf das Subjekt begründen, sondern nur auf der Basis des Austauschs von Argumenten und Gegenargumenten in Sprachgemeinschaften. Habermas’ Denken beruht in diesem Sinne im Kern auf Öffentlichkeit, Diskurs und Vernunft – eine an Kant orientierte Zentrierung, die Habermas offen als seine «Obsession» bezeichnet hat.

Gegen nationale Ausschlussparolen

Habermas wandte sich immer gegen die Verschwisterung von Wissenschaft und akademisch drapiertem Nationalismus. Von seiner Hegel-Preis-Rede (1974) bis zu seiner Position im Historikerstreit (1986/87) und seinen Schriften zur «postnationalen Konstellation» (1998) zieht sich ein roter Faden: die Kritik an der «völkischen Auffassung der Nation» und «nationalen Identitäten» als quasinatürlichen Begebenheiten. In egalitär und demokratisch verfassten Staaten gehe es, so Habermas, nicht länger um dynastische Herkunftslegenden, ethnische Abstammungsgeschichten oder Herkunft und «Blut», sondern um Menschen- und Bürgerrechte, egalitären Zugang zu Nahrung, Gesundheit, Bildung, Arbeit und Wohnung sowie politische Partizipation.

Es gebe keine demokratisch akzeptable Begründung dafür, diese Rechte und den Zugang zu den Basisressourcen in einem multinational, multireligiös und multiethnisch bevölkerten Staat national, religiös oder ethnisch zu organisieren, ohne dass dabei grundrechtliche Minimalstandards unterlaufen werden. Habermas entfaltete im rechtsphilosophischen Werk «Faktizität und Geltung» (1992) starke Argumente dafür, warum auf national orchestrierte Ausschlussparolen, wie «Leitkultur» oder «nationale Identität», verzichtet werden muss. Damit will sich das im Halbdunkel gefangene Denken seiner konservativen und rechten Gegner nicht abfinden. Sie denunzierten Habermas’ Kritik schon seit zwei Jahrzehnten als opportunistisches «Dabeisein beim Dagegensein» («FAZ», 2001 und 2014).

Habermas verabschiedete sich längst  vom «vollmundigen Tenor», wie er es 1998 ausdrückte, mit dem er 1968 in «Erkenntnis und  Interesse» die Emanzipation als der Geschichte eingeschriebenes Ziel beschwor. Nach der Tilgung solcher geschichtsphilosophisch inspirierter Denkfiguren wird aber «die diskursive Verflüssigung» von fortexistierender Macht, Ungerechtigkeit und Gewalt durch Wissenschaft und Kritik nicht obsolet. Die Begründungsstrategie für das Interesse an Emanzipation hat Habermas in «Faktizität und Geltung» umgestellt auf Teilhabe und damit – gegen den konservativen Zeitgeist – an den «radikalen Gehalten des demokratischen Rechtsstaates» festgehalten. Erstens: Gleiches sei gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. Und zweitens müssten sich BürgerInnen als virtuelle AutorInnen von Recht verstehen, damit dieses zum richtigen Recht werde. Mit diesen Ansprüchen an Recht, Rechtsstaat und Demokratie provoziert Habermas alte konservative wie junge postmoderne Seilschaften.

Habermas findet weltweit hochverdiente Anerkennung. Das intellektuelle Niveau der Angriffe auf ihn ist in Deutschland in den letzten fünfzig Jahren hingegen ständig gesunken. In Südkorea, Japan, China, im Iran und vor allem im angelsächsischen Sprachraum wird über Habermas heute sachkundiger diskutiert als unter deutschen Konservativen und Rechten. Pünktlich zum 90. Geburtstag erschien das von Amy Allen und Eduardo Mendieta herausgegebene 850-seitige «Cambridge Habermas Lexicon». Habermas bedankte sich für die Ehre, als erster lebender Philosoph im renommierten Verlag mit einem Lexikon belohnt zu werden. Lächelnd merkte er an, auf der Rückreise zu prüfen, was mit seinen Arbeiten aus fast siebzig Jahren durch die Aufspaltung in 230 Lexikonartikel passiert sei.

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