Nr. 33/2019 vom 15.08.2019

Alte Helden neben der Spur

Selbstbezogen und nostalgisch wirken die neuen Werke der beiden Stars der Neunziger: Quentin Tarantino und Bret Easton Ellis. Sie reisen in die Vergangenheit – und entkommen doch der Gegenwart nicht.

Von Daniela Janser

Ab und zu blitzt ein selbstironischer Witz auf, als Gegengift zum Selbstmitleid: Brad Pitt und Leonardo DiCaprio in «Once Upon a Time in … Hollywood». STILL: SONY PICTURES

1969 war das Jahr der Mondlandung, des Woodstock-Festivals, des feministischen «Bitch Manifesto» und des queeren Stonewall-Aufstands. Richard Nixon wurde als Präsident der USA vereidigt, das FBI erklärte die Black Panther Party offiziell zum Feind der US-Regierung, und Mitglieder des Charles-Manson-Clans ermordeten Sharon Tate, die hochschwangere Ehefrau des Filmregisseurs Roman Polanski, und weitere VillenbewohnerInnen in den Hügeln Hollywoods. «Ungern erinnere ich mich, dass niemand überrascht war» – so umreisst die US-Essayistin Joan Didion die Reaktionen auf die Bluttat in «The White Album», ihrem messerscharfen Text über die Jahre 1967 bis 1969.

Unsachlich und dünnhäutig

Für Quentin Tarantino ist 1969 in seinem neuen Film das Jahr, als ein abgehalfterter Schauspieler (Leonardo DiCaprio) sich von seinem Stuntdouble (Brad Pitt) durch die Stadt und zum nächsten Set chauffieren lässt: immer auf der verzweifelten Suche nach einer zweiten Chance für seine serbelnde Karriere. In «Once upon a Time in … Hollywood» verkapseln sich die beiden Männer in Autos, Alkohol und in ihrem Spott über Hippies und Mexikaner – in dem also, was auf Amerikanisch beschönigend «camaraderie» heisst. Derweil Tarantinos Idee von Sharon Tate (Margot Robbie) endlos ihre nackten oder bestiefelten Füsse räkelt und im Nachmittagskino beim Betrachten ihres eigenen Films ihr Glück kaum fassen kann.

Tarantino nennt Sharon Tate – die «zufällig» auch die Nachbarin des ramponierten Schauspielers ist – den «Herzschlag» seiner Geschichte. Robbie beschreibt die Figur als «Lichtstrahl». Doch wo Licht ist, lauern Schatten: Nach der Uraufführung des knapp dreistündigen Films in Cannes wurde auf der Pressekonferenz die Frage laut, warum die tolle Schauspielerin Margot Robbie etwas unterfordert wirke und ob ihre knapp bemessene Sprechzeit womöglich gar Absicht sei. Tarantino antwortete der Journalistin sichtlich verärgert: «Ich weise Ihre Hypothesen zurück.»

In den vielen begeisterten Rezensionen zum sehr handlungsarmen Film werden noch ganz andere Hypothesen aufgestellt: etwa dass «Once upon a Time» ein feministischer Film sei, eine «Hinterfragung von Leinwandmännlichkeit» und vielleicht Tarantinos bisheriges Meisterstück. Andere KritikerInnen monieren dagegen, der Filmnerd Tarantino sei nun anscheinend zum Trump-Sympathisanten geworden: «Once upon a Time» zelebriere eine (fast) heile weisse Männerwelt in Hollywood und sei eine bestürzend rückwärtsgewandte Vision der sechziger Jahre. Und sind in der Vergangenheit angesiedelte Geschichten nicht immer auch ein Kommentar auf das Heute? Wäre also von Tarantino, der Harvey Weinstein seine Karriere zu verdanken hat, nicht ein anderes Statement zu #MeToo fällig gewesen als ein filmlanges Schwelgen in seinem altbekannten Frauenfussfetischismus?

Zusätzlich befeuert wird die Debatte, weil ein prominenter Fürsprecher von «Once upon a Time» der US-Schriftsteller Bret Easton Ellis ist, der Tarantino auch schon mehrfach interviewt hat. Ellis legte Anfang des Jahrs selbst ein kontroverses Buch vor: Auch er reist in die Vergangenheit und in seine Kindheit, um dort eine Welt vorzufinden, die ihm dezidiert besser zu passen scheint als die heutige.

Dem autobiografischen Essayband gab er den Titel «Weiss». Ellis wettert darin gegen Identitätspolitik – und operiert doch selbst mit denselben Kategorien, nicht nur im Titel. So sieht er in einem Film, der ihm missfällt, eine falsche «heterosexuelle Sensibilität am Werk» oder fragt theatralisch: «Wann ist die Opferperspektive zur Linse geworden, durch die wir alles zu betrachten begannen?» Und «Weiss» birgt weitere Widersprüche. Ellis schimpft, die Millennials hätten viel zu rasch Hitler-Vergleiche zur Hand – nachdem er die «Generation Weichei», wie er sie nennt, ein paar Seiten zuvor selbst als «faschistisch» taxiert hatte. Erregt mokiert er sich über die Erregungskultur auf Twitter, die er selbst doch gern bedient. Den Widerstand gegen Trump, den er nicht gewählt habe, wie er betont, kanzelt er als übertrieben ab. Unsachlich und dünnhäutig sind aber immer nur die anderen.

Betört von der eigenen Grösse

1969 wurde Ellis fünf, Tarantino sechs Jahre alt. Neben dem fast gleichen Jahrgang gibt es weitere Parallelen. Beide kamen in den neunziger Jahren zu Weltruhm: Tarantino mit «Reservoir Dogs» und «Pulp Fiction», Ellis mit «American Psycho» und «Glamorama», wortgewandten Satiren, die den Zeitgeist abholten, aber auch witzig persiflierten. Die beiden repräsentierten damals eine kühne, cool schillernde Avantgarde, und Tarantino bestach in seinen Folgefilmen auch durch herausragende Frauenfiguren – Pam Grier als «Jackie Brown» und Uma Thurman als «die Braut» in «Kill Bill» – und seine ebenso schlauen wie einfühlsamen Reflexionen über Rassismus und US-Geschichte in «Django Unchained» und «Hateful Eight».

Heute erscheinen beide trotzig – und etwas bräsig. Betört von der eigenen vergangenen Grösse und überholt von einem Zeitgeist, der sie zu verwirren und zu verstimmen scheint. Vielleicht stehen sie aber auch ganz absichtlich neben der Spur. Trotzdem gibt es einen entscheidenden Unterschied, der vor allem damit zu tun hat, dass Tarantino einen Spielfilm vorlegt, Ellis aber eine Art Sachbuch. Fiktionen haben den Vorsprung der Mehrdeutigkeit: Sie haben verborgene, oft unbeabsichtigte Bedeutungsschichten, die erst dank Interpretationen überhaupt ans Licht kommen.

Eigentlich wollte ja auch Ellis einen weiteren Roman schreiben, was ihm jedoch nicht gelang, wie er in «Weiss» erklärt. Stattdessen analysiert er nun seine alten Romane neu: so lange, bis man die komplexen Texte vor den eindimensionalen Lektüren ihres eigenen Autors in Schutz nehmen möchte.

Mit etwas gutem Willen könnte man nun also behaupten, Tarantino halte sich selbst und Ellis in «Once upon a Time» auch einen Spiegel vor mit seinem nah am Wasser gebauten, alternden Schauspieler. Ab und zu blitzt da ein selbstironischer Witz auf, effektives Gegengift zum Selbstmitleid. Denn dieser abgehalfterte Westernstar, der seinem vergangenen Ruhm nachjagt, ist trotz aller Heroisierung eine ziemlich lächerliche Figur.

Am Ende übertrumpft Tarantino die historische Ermordung von Sharon Tate einfach mit einer neuen Version. Er betont also wie schon in früheren Filmen die Macht der Fiktion. Bloss fragt man sich dann halt, warum er seine beiden liebevoll gezeichneten Heldensimpel – ein Prototyp, den wir aus vielen seiner Filme bereits sattsam kennen – nicht auch mal neu erfindet.

Das Scheitern des Fabulierers

Doch das Hauptproblem von «Once upon a Time» sind nicht der zweitklassige Schauspieler und sein Stuntman als hohle Verkörperungen männlicher Schönheit und Gewalt. Das Problem ist, dass Tarantino diese Kinogeburten in keine überzeugende Geschichte zu verwickeln weiss, sondern sich in ausufernden Film- und Selbstzitaten verliert. Was uns zurückführt zum ersten Satz von Joan Didions Essay über die späten Sechziger: «Wir erzählen Geschichten, um zu (über)leben.»

Zerstückelte Momentaufnahmen und verstörende Eindrücke können nur verständlich werden, indem sie in – immer neue, provisorische – Geschichten übersetzt werden. Trotz fünfzig Jahren Reflexionsabstand scheitert nun ausgerechnet Tarantino – eigentlich ein grosser Fabulierer – an seiner Erzählung zu 1969. Dieses Scheitern hat mit einer mutwilligen Perspektivenarmut und einem nostalgisch verengten Blick zu tun. Und das ist nicht nur ein politisches, sondern vor allem auch ein ästhetisches Manko.

«Once upon a Time in … Hollywood» läuft im Kino.

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