Nr. 37/2014 vom 11.09.2014

Beim Einschlafen hört sie das Drehen des Schlüssels noch heute

Die Haftbedingungen in Schweizer Untersuchungsgefängnissen machen krank, körperlich wie seelisch. Die Auswirkungen sind auch Jahre später noch zu spüren, wie die Geschichte von Gabriela zeigt.

Von Noëmi Landolt

Gabriela* lebt von der IV und wohnt mit ihren zwei Hunden allein in einer Wohnung in Zürich. Sie schätzt es, ihre Haustür selbst öffnen und schliessen zu können. In der Wohnung selbst stehen alle Türen offen. Immer, auch wenn sie schläft, wenn sie duscht, auf die Toilette geht. «Ich muss immer sehen, dass ich eigentlich frei bin. Doch wirklich frei kannst du nicht mehr sein, wenn du einmal in Haft warst. Du kannst nicht mehr die sein, die du warst.»

Beim Einschlafen hört sie das Geräusch des Schlüssels in der Tür, auch nach fünf Jahren noch. Sie erträgt es nicht, wenn sie jemand am Handgelenk berührt. Alte Freundschaften sind zerbrochen. Ihre Phobien machen das Zusammensein mit anderen schwierig. Die 27-Jährige hat Angst, das Haus zu verlassen. Für den Gang auf die IV-Stelle oder Begegnungen mit anderen Menschen benötigt sie mehrere Tage Vorbereitung. Sie hat Angst vor der Polizei. Immer wieder wird sie kontrolliert auf der Strasse. Keine Zufälle, sagt sie. Manchmal hört sie ihre eigene Stimme doppelt am Telefon. Dann glaubt sie zu wissen, dass sie abgehört wird. Seit ihrer Entlassung geht sie zu einem Psychiater. Und sie sucht eine neue Wohnung. Links und rechts von ihr wohnen andere Leute – sie fühlt sich wieder eingeschlossen.

Man will zunächst nicht recht glauben, dass die junge Frau, die so offen und entwaffnend Auskunft gibt, selbstbewusst spricht und einem dabei direkt in die Augen blickt, von solchen Dämonen geplagt wird. Und doch lassen die Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit ihrer Erzählung nichts anderes zu: «Die drei Monate U-Haft haben mein ganzes Leben verändert. Sie haben mir drei Jahre meines Lebens geraubt.»

Ein Telefonat in drei Monaten

Verhaftet wurde Gabriela vor fünf Jahren, um 11 Uhr morgens am Flughafen Kloten. Sie kam zurück aus den Ferien in der Dominikanischen Republik. Unter ihrer dicken Daunenjacke trug sie ein weites Schwangerschaftshemd, darunter zwei Kilo Kokain um den Bauch gebunden. Sie verbrachte den Rest des Tages in einer Zelle am Flughafen, durfte einmal telefonieren, aber nicht mit der Mutter, da diese nur Spanisch spricht. Also rief sie ihre Schwester an, die hängte nach wenigen Sätzen den Hörer auf. Gabriela weinte. Der Staatsanwalt hatte Mitleid und schrieb einen Brief an eine Anwältin, die mit ihrer Mutter befreundet war. Um 19 Uhr wurde sie abgeholt, in die Kaserne in Zürich gebracht und nach einigen Tagen ins Bezirksgefängnis verlegt. Gabriela war damals 22 Jahre alt.

«Anfangs teilte ich mir die Zelle mit einer anderen Frau. Privatsphäre hast du da keine. Vor der Toilette hing nur ein dünner Vorhang. Oft gab es Streit zwischen Nichtraucherinnen und Raucherinnen. Als mich die andere Frau bedrohte und verlangte, dass meine Mutter ihr Sachen in den Knast bringe, wurde ich in eine Einzelzelle verlegt. Da war es besser. Ich hatte Raum für mich. Raum zum Nachdenken. Ich fing jeweils bei meiner frühsten Erinnerung an, meinem ersten Geburtstag, dann ging ich mein Leben durch – was gut war, was schlecht. Und ich realisierte, dass es so nicht weitergehen konnte. Das war vielleicht das Gute an der U-Haft. Aber ich möchte es nie wieder erleben. Für kein Geld der Welt. Ich hatte ja schon, bevor ich den Transport gemacht habe, alles verloren. Kein Zuhause, kein Geld. Deshalb hatte ich überhaupt zugestimmt, den Transport zu machen. Aber die Haft hat mir das Allerletzte geraubt, das ich noch hatte. Meine Freiheit. Die Freiheit, selbst über mich entscheiden zu können.»

In den ganzen drei Monaten durfte sie nur einmal telefonieren: Als der Staatsanwalt anrief und nach dem PIN-Code ihrer SIM-Karte fragte. Die Mutter kam nach drei Wochen das erste Mal zu Besuch. Es war kalt im Besuchsraum, sie sassen sich gegenüber, zwischen ihnen die Trennscheibe, im Rücken den Blick des Aufsehers. Sie wurde jeweils in Handschellen in den Besuchsraum geführt, die Hände auf den Rücken gebunden. «Das war schlimm. Ich bin ja etwas mollig, da ist es extrem unangenehm, wenn dir die Hände auf den Rücken gebunden werden. Das ist reine Psychologie. Meine Hände schützen mich. Ich spreche mit meinen Händen. Nehmen sie dir die Hände, nehmen sie dir die Sicherheit. Sie entscheiden über dich. Sie sagen dir, wie du sein musst.» Sie musste ein Arztzeugnis einholen, das bestätigte, dass die Handschellen vorne anzubringen seien.

Die Mutter brachte ihr jeweils etwas Geld mit. Für Zigaretten, Lebensmittel, Zucker für den Kaffee, Shampoo, ein Radio. «Wenn du keine Familie hast und wenn du nicht arbeiten kannst, um etwas zu verdienen, bist du verloren im Knast.» Die Frauen halfen sich gegenseitig aus. Eine Stunde am Tag konnten sie ihre Zellen verlassen, trafen sich im Hof oder besuchten sich gegenseitig in ihren Zellen. Mit den Männern unterhielten sie sich über die Zellenfenster. Oder sie schrieben Zettel, die über die Küche geschmuggelt wurden. Es gab viele Wege zu kommunizieren. Doch 23 Stunden am Tag war sie allein.

Bügeln nach Vorschrift

Die Arbeit in der Wäscherei war ihre Rettung. Sie wusch und bügelte die Uniformen der BeamtInnen, legte die Falten nach ihren Wünschen. Nicht alle Frauen durften arbeiten. «Du musstest bei den Aufseherinnen arschkriechen, dass sie dich behalten. Ich war oft traurig und tat ihnen leid. Mich hatten sie gerne. Aber ich konnte ja auch mit ihnen sprechen. Ich sagte ihnen, wenn mir etwas nicht passte. Ich hatte damals einen spanischen Nachnamen, den meines Mannes. Solange sie noch dachten, dass ich kein Schweizerdeutsch spreche, behandelten sie mich anders, weniger freundlich.»

Einen Monat lang konnte Gabriela nicht schlafen. Wie die meisten Frauen im Gefängnis erhielt sie Beruhigungsmittel, Temesta oder Seresta – «die Geschwister, die niemand recht unterscheiden kann». Sie bekam überall Ausschläge. Irgendwann spürte sie ihre Beine nicht mehr, hatte Fieber. Sie wurde ins Unispital gebracht. In Handschellen, begleitet von vier PolizistInnen, ging sie durch den Gang. Vorbei an den Wartenden im Notfall, ihren Blicken ausgesetzt. Mit Handschellen wurde sie ans Bett gefesselt. Erst auf Aufforderung der Ärztin nahm man sie ihr ab. Die Ärztin sagte, es liege am Bewegungsmangel, dass sie in den Beinen kein Gefühl habe, das Fieber sei psychologisch bedingt. Als sie zu einer Nachkontrolle erneut ins Spital gefahren wurde, weinte sie im Kastenwagen. Diesmal musste sie keine Handschellen tragen. Die BeamtInnen gingen hinter ihr, für einen Moment konnte sie so tun, als wäre sie alleine dort. «Das war das einzige positive Erlebnis.»

Als ihr Ehemann verhaftet wurde, sagte sie gegen ihn aus – und wurde nach drei Monaten U-Haft entlassen. Sie liess ihr Radio im Gefängnis, verschenkte die Esswaren, die sie noch hatte. Verabschieden konnte sie sich nur von ihrer Zellennachbarin, durch die geschlossene Tür. Das Bezirksgefängnis ist sehr ringhörig. Zweieinhalb Jahre später wurde sie zu achtzehn Monaten bedingt verurteilt.

* Name von der Redaktion geändert.

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