Nr. 39/2014 vom 25.09.2014

Eros in den Datenbergen

Der Datensatz eines Onlinehändlers verspricht unverstellte Blicke in unsere Intimsphäre. Wie ordnet sich die jüngste Studie in die wechselvolle Geschichte der Sexualwissenschaft ein?

Von Roland Fischer

Neunzig Prozent der kleinen Kondome werden von Männern gekauft – von den grossen Kondomen kaufen dagegen Frauen fast jedes dritte. Jeder fünfte Heteromann hat schon mal einen Analdildo gekauft, verglichen mit rund einem Drittel der schwulen Männer.

Man braucht Erkenntnisse solcher Art nicht unbedingt als grosse Einsichten anzusehen und schon gar nicht als wissenschaftlich relevant; viel Aufmerksamkeit generieren sie trotzdem. Vielleicht liegt das daran, dass sie einerseits von der grossen Unvernunft – nämlich dem Sex – handeln und andererseits im Kleid der Objektivität, also der Wissenschaftlichkeit, daherkommen. Der Blogger und selbst ernannte «Ideendetektiv» Jon Millward hat sie auf Einladung des britischen Online-Erotikversands Lovehoney aus den Daten von einer Million Bestellungen zutage gefördert. Seine vor rund zwei Wochen erschienene und mit hübschen Infografiken angereicherte Analyse «Down the Rabbit-Hole» wurde in der digitalen Newswelt gern weitergereicht.

Das Urdilemma

«Data Mining» nennt sich dieses Wühlen in grossen Datenbergen im Englischen – wie passend in diesem Fall: das Bohren im Untergrund unserer Begierden, um auf ein paar anekdotische Juwelen zu stossen. Interessant ist Millwards Analyse unserer Lüste anhand von Accessoires, die sie befeuern sollen, nicht unbedingt der Resultate oder der Methode wegen, sondern weil sie das Urdilemma der Sexualwissenschaft, dieser vielleicht seltsamsten aller Forschungsrichtungen, die vor ziemlich genau hundert Jahren begonnen hat, sich unsere Lüste als «objets du désir» vorzunehmen, um ein Kapitel weiterschreibt: wertfrei oder weltverbessernd, nüchtern analysierend oder sozial engagiert?

Das allererste Mal taucht der Begriff «sexology» vor bald 150 Jahren bei einer US-amerikanischen Autorin auf (was umso mehr erstaunt, als die Frauen auch in der Sexualwissenschaft erschreckend untervertreten sind): Elizabeth Osgood Goodrich Willard versuchte 1867, eine «Sexology as the philosophy of life» zu begründen. Dass das Sexuelle immer auch das Soziale mitmeint, war da schon explizit – dass es nicht selten als Hebel für das grosse reformistische Ganze herhalten soll, auch: Willard strebt die «Revolution und Reform der Gesellschaft» an, mit allerdings ziemlich kruden christlich-fundamentalistischen Mitteln.

Zur Jahrhundertwende war für weite Teile von Wissenschaft und Politik dann nicht mehr zu übersehen, dass die sexuelle mit der sozialen Frage, mit der Frage nach dem Sinn des Lebens, nach Glück und Leidenschaft zusammenfiel. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau wurde zum Dreh- und Angelpunkt. Dass man dabei zuallererst an Biologie dachte, mag aus heutiger Sicht erstaunen. 1914 verkündete Max Marcuse, vielleicht so etwas wie ein Albert Einstein der Sexualwissenschaft, was seine Umtriebigkeit und seinen Legendenstatus angeht: «Die sexuelle Frage verlangt und ermöglicht eine Lösung nur durch die Wissenschaft.» Und im gleichen Jahr gaben sich die Herausgeber der einflussreichen «Zeitschrift für Sexualwissenschaft» in der Vorbemerkung des ersten Hefts «fest davon überzeugt, dass auch auf sexualwissenschaftlichem Gebiet sich nicht der Naturforscher dem Nationalökonomen und Theologen unterordnen soll, sondern dass nun endlich die Zeit gekommen ist, in der die Biologie den unbestreitbaren Primat erlangt hat». Nur so könne man «vorurteilslos und voraussetzungslos Wissenschaft treiben, niemandem zuliebe und niemandem zuleide».

Ein gutes Jahrhundert später ist man dann kulturtheoretisch ernüchtert – der deutsche Doyen des Fachs, Volkmar Sigusch, stellte vor ein paar Jahren in seiner grossen «Geschichte der Sexualwissenschaft» kategorisch fest, jede Sexualforschung sei subjektiv. «Sie kann nicht einmal mit Statistiken über Vorkommen und Häufigkeiten sexueller Verhaltensweisen rational verfahren. Wie der Psychoanalytiker ist der Sexualforscher zugleich sein eigenes Behandlungs- und Beobachtungsinstrument.» Und dann kommt 2014 ein bloggender Selfmadestatistiker daher und verspricht frisch-fröhlich die lautere Wahrheit der Daten.

Millward zeigt sich damit als unverhoffter Wiedergänger der Marcuse-Fraktion: Fragt man nach, gibt er sich fasziniert von «Pornografie und Prostitution», weil die beiden Themen viel zu lange im Dunkeln gelegen hätten, «stigmatisiert und marginalisiert» von den Mainstreammedien und der Öffentlichkeit. Ganz aufklärerisch findet er, man solle diese Themen nicht länger verdrängen, sondern angehen, und zwar vorzugsweise auf eine «nicht verurteilende Art» – «und es gibt nichts Objektiveres und Unvoreingenommeneres als kalte, harte Daten».

Insofern steht Millward stellvertretend für das durch Big Data wiedergefundene Vertrauen in die «harte Wahrheit». Nach der Demütigung durch die Sozialwissenschaft, die aufgezeigt hat, dass auch die Naturwissenschaften nur relative Wahrheiten finden – beziehungsweise eben richtiger: konstruieren – können, glauben die DatenexegetInnen wieder, sich dank des Computers aus der Rechnung «Mensch im Verhältnis zur Welt» herausdividieren zu können. Es ist so etwas wie die Wiederauferstehung des Positivismus, der philosophischen Strömung aus dem 19. Jahrhundert, die, euphorisiert von den Erfolgen von Physik und Chemie, jede Erkenntnis allein auf experimentell belegbare Grundlagen stellen wollte.

Aufklärerisch oder verurteilend

Und so taugt die Sexualwissenschaft wunderbar als Beispiel für das anschliessende Ringen der Moderne um diesen letzten, eigentlichen Kern, um das unwiderlegbar Wahre – oder, und da wird es dann begrifflich schon diffiziler: «Natürliche». Denn die Sexualwissenschaft bewegte sich von Anfang an in heikler Nähe zum Moralischen, sei es nun in aufklärerischer oder in verurteilender Position.

Einfach gesagt, riefen sich die engagierten ExponentInnen der Gesellschaft mit immer wieder neuen Parolen entweder ein reformistisches «Seid frei!» (beziehungsweise ein emanzipatorisches «Seid gleich!») oder aber ein dekadenzwitterndes «Tut das nicht!» zu. Dass die beiden Extreme vielleicht in eins zusammenfallen, ist für Sigusch ein weiteres Wesensmerkmal seines Fachs: «Diese Paradoxie, etwas zugleich hervorzuheben und zu verschweigen, zu dem anzustiften, was verpönt wird, das zu propagieren, was verschwinden soll, selbst zu veröffentlichen, was selbstindiziert ist», diese Paradoxie halte bis heute an. Sigusch nennt es unumwunden eine «Besessenheit», die der sexuellen Sphäre «permanente Aufmerksamkeit und unstillbare Konflikthaftigkeit» garantiere.

Das weiss auch Jon Millward, und er bedient in seiner Arbeit gleich noch ein anderes Spannungsfeld: Eros–Thanatos, Liebe und Tod. Auch er findet, wir seien «besessen» von Sex, allein schon deshalb sei es für ihn «eines der interessantesten Themen». Und natürlich konnte er (als Datenerotiker) der Versuchung nicht widerstehen, für ein wenig Lovehoney-Gratiswerbung zu sorgen, als Gegenleistung für den grosszügig gewährten Zugang zu den Datenschätzen des Handelshauses. Denn was der PR-Abteilung von Lovehoney schon von Berufs wegen klar ist, weiss auch Millward: «Es gibt einen unleugbaren Appetit nach neuen Untersuchungen von Tabuthemen.» Zumindest solange sie ihren Tabustatus bewahren können.

Zwischen den Extremen

SexualwissenschaftlerInnen kommen einem in ihrer Obsession für das Besondere, für des Noch-nicht-Entdeckte mitunter ein wenig vor wie InsektenforscherInnen: Sie sammeln gewissermassen Perversionen, die normalen Exemplare interessieren sie weniger. Einer der Berühmtesten des Fachs, der US-Amerikaner Alfred Kinsey, hatte seine Wissenschaftslaufbahn tatsächlich auf diesem Feld begonnen. Kinsey war übrigens, nach der verheerenden Zäsur in der deutschen und zu einem grossen Teil jüdischen Sexualforschung durch die Nazis, für das Wiederaufblühen der Sexualforschung jenseits des Atlantiks mitverantwortlich. Gerade sein wohl wichtigstes Vermächtnis, die Analyse der bisexuellen Neigung junger AmerikanerInnen, erinnert allerdings so gar nicht an dieses Kategorisieren und Aufspiessen des Insektensammlers – ist dafür aber methodologisch umso aufschlussreicher. Er ersetzte die simplen Kategorien «homo», «hetero» und «bi» durch eine Skala, die ein Kontinuum aufspannte, und zeigte (oder konstruierte?) so, dass sich die meisten Befragten irgendwo zwischen den Extremen situierten: Plötzlich war fast die gesamte US-amerikanische Gesellschaft bisexuell.

Auch Kinsey trat mit dem Anspruch an, empirisch «neutrale» Daten zu erheben – und wird gleichzeitig als derjenige gesehen, der die USA von der heuchlerischen und rigiden Nachkriegs-Liebesordnung befreit hat. Darauf angesprochen, freut sich Millward über den Vergleich mit dem Big-Data-Vorläufer – Kinsey trug immerhin rund 10 000 Datensätze zusammen, allerdings stellten sie kein repräsentatives Abbild der amerikanischen Gesellschaft dar. Seine Analyse zeige, wie viele Menschen tatsächlich im Schlafzimmer experimentierten, sei es allein oder zusammen, sagt Millward. «Das ist doch eine gute Sache, dieses Aufblühen unserer Lüste.» Das Resultat solcher Erkenntnisse könne bestimmt nur sein, dass mehr Menschen ihre sexuelle Befriedigung fänden.

So entpuppt sich also auch Millward als leiser Sexualreformer – umso erstaunlicher, als wir doch meinen, bereits in einer komplett enthemmten Gesellschaft zu leben. Noch so ein Datenpunkt, der aus seiner Analyse herauspurzelt: Jeder zehnte Mann, der eine Sexpuppe kauft, bestellt gleich noch Kondome mit dazu. Warum? Egal – das pure Staunen, das Entblössen, das leichte Schaudern waren schon immer Teil des sexualwissenschaftlichen Unterfangens.

Und vielleicht ist die Forschungsrichtung heute deshalb an ihrem Ende angekommen, wie Sigusch schreibt: «Das, was die frühe Sexuologie einst charakterisierte, wird längst von den Massenmedien effektiver praktiziert: das Aufklären und Brechen der Tabus, das Vorstellen der sexuellen Sonderbarkeiten, das Lüften ‹letzter› Geheimnisse, die Preisgabe und Selbstpreisgabe der Individuen.»

www.jonmillward.com

Aufklärung 

Sexuell, philosophisch, militärisch

Die Sexualwissenschaft schrieb sich immer wieder «aufklärerische» Ideale auf die Fahnen. Dass Aufklärung allerdings auch in einem ganz anderen Sinn verstanden werden kann, zeigt die Geschichte der israelischen Eliteeinheit 8200, deren geheimes Tun unlängst in die Schlagzeilen kam. 43 Soldaten wollen künftig nicht mehr an den Militäraktionen mitwirken – in einem offenen Brief an den Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu erklärten sie, warum.

Die Aufgabe der Soldaten bestand darin, im Leben von (auch unbescholtenen) Palästinensern gezielt Schwachstellen zu finden, die diese erpressbar machen könnten. «Jede Art von Information, die Erpressung ermöglichen könnte, wird für relevant gehalten. Es ist egal, ob es dabei um eine bestimmte sexuelle Orientierung geht, oder darum, ob jemand seine Frau betrügt oder dringend medizinische Behandlung braucht», zitierte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» einen Kommandeur.

Der Blogger Jon Millward betont, dass man wegen solcher Beispiele nicht das gesamte Feld von Big Data verteufeln dürfe. Seine Analyse der Lovehoney-Daten sei unproblematisch, da vollkommen anonym. Er übersieht allerdings, dass er sich durch das Aufspüren auffälliger Muster im Wust der Daten zum Steigbügelhalter heikler Analysen machen kann. Längst suchen Big-Data-Firmen statt nach expliziten persönlichen Informationen viel spezifischer nach Korrelationen in harmlosen Datenspuren, die statistische Rückschlüsse erlauben. So könnte sich eine homosexuelle Neigung leicht aus den Lovehoney-Daten herausrechnen lassen, ohne dass sie ausdrücklich genannt wurde.

Nicht umsonst war Facebook in der Lage, einer werdenden Mutter allein aufgrund ihres Onlineverhaltens Werbung für Babykleider zukommen zu lassen, noch bevor diese ihr persönliches Umfeld über die Neuigkeit informiert hatte.

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