Die Mumins : Eine sehr kluge Anleitung zum Glücklichsein

Nr.  41 –

Die Mumins gewinnen selbst Überschwemmungen, Kometeneinschlägen und andern Umweltkatastrophen eine positive Seite ab und teilen ihre Habseligkeiten freudig mit garstigen Wesen. Hut ab!

Es ist selten, dass Bücher einem nicht nur Worte und Bilder schenken, sondern einfach pures Glück. Genau das ist aber das Geheimnis der «Mumin»-Reihe, diesem neunbändigen «Entwicklungsroman» rund um die nilpferdartige Familie der Mumin-Trolle, bestehend aus Vater, Mutter und Sohn, die – ganz in der Tradition fantastischer Kinderliteratur – flankiert sind von einer bunten Truppe skurriler Wesen, die ihren ganz eigenen Gesetzmässigkeiten folgen. So etwa von der geheimnisvollen Morra, die jeden Ort, den sie betritt, sogleich gefrieren lässt, den absolut unflexiblen, neurotisch-lehrerhaften Hemulen oder den Hatifnatten, madenförmigen, elektrisch geladenen, stummen Wesen, deren einziges Interesse darin besteht, von einem fremden Ort zum nächsten unterwegs zu sein.

Die Autorin der «Mumin»-Reihe, die Finnlandschwedin Tove Jansson (1914–2001), begann mit den ersten Geschichten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Sie erschuf sich an ihrem Schreibtisch eine tröstende Gegenwelt, in die sie jederzeit flüchten konnte. Das erste Buch stiess zwar noch nicht auf grosse Resonanz. Doch bereits Anfang der fünfziger Jahre wurden die «Mumins» auch in Britannien und den USA gelesen. Die englische Zeitung «Evening News» gab einen Comicstrip in Auftrag, der ab 1954 21 Jahre lang täglich erschien und von zahlreichen Zeitungen übernommen wurde – ein Welterfolg, in dessen Zuge auch die Bücher immer mehr Aufmerksamkeit erfuhren. Inzwischen sind die Mumin-Geschichten in über vierzig Sprachen übersetzt, und Jansson gilt neben Astrid Lindgren und Selma Lagerlöf als bekannteste Kinderbuchautorin Skandinaviens.

Wunderbar gelassen

Dies hat viele Gründe. Einer davon: Die Mumin-Bücher sind nicht im klassischen Sinne pädagogisch. Sie wollen nicht Kinder, sondern vielmehr Erwachsene erziehen. Und dabei sind sie vor allem eins: eine (sehr kluge) Anleitung zum Glücklichsein. Jansson selbst drückte es einmal so aus: «Die Muminfamilie, die ich zu beschreiben versuchte, ist schlichtweg glücklich, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie gewähren sich gegenseitig volle Freiheit: die Freiheit, allein zu sein, die Freiheit, auf eigene Art zu denken und zu fühlen und eigene Geheimnisse zu haben bis zu dem Moment, an dem sie bereit sind, sie zu teilen.»

Natürlich haben die Trollwesen noch zahlreiche weitere Eigenschaften, die ihrer Freude am Leben förderlich sind – die Gleichgültigkeit gegenüber Materiellem etwa. Und diese brauchen sie fürwahr, denn Katastrophen sind allgegenwärtig im Mumintal: Vulkane brechen aus, Kometen schlagen ein, Unwetter schwemmen Haus und Hausrat weg. Immer wieder verlieren die Mumins folglich alles, was sie besassen, oder treffen es zumindest stark versehrt wieder an. Sie tragen das aber mit Fassung. Und meist zeigt sich nach einer Weile sogar, dass das Neue noch viel schöner ist als das Alte, wenn man es nur richtig betrachtet. So heisst es nach einer schrecklichen Überschwemmung des Mumintals: «Nun konnte die Muminmutter ihre Küche zum ersten Mal von oben betrachten. Wie verzaubert starrte sie in ein schwach beleuchtetes hellgrünes Aquarium hinunter.» Es geht Jansson also um die Einstellung zur Welt. Diese ist nämlich ganz von selbst schön. Man muss nur den Blick für sie haben. Zu besitzen braucht man dafür nichts.

Folglich lieben die Mumins alles Schöne – allerdings nicht aufgrund seines möglichen Werts, sondern ganz um seiner selbst willen. Wenn sie Goldklumpen finden, verzieren sie damit ihre Blumenbeete. Schmuck bewahren sie am liebsten im Wasser auf, da er dort so schön glitzert. Und wie herrlich kann es sein, einfach den Schneeflocken beim Fallen zuzusehen oder im Garten zu liegen und in den Himmel zu starren – umgeben vom Duft des Walds, während einen ein Grashalm kitzelt und ein Vogel ruft. Das ist Glück am Dasein in seiner reinsten Form.

Dass ein Zuviel an Idylle aber zu Langeweile führt, das ist auch den Mumins klar. Sie sind denn auch keine genügsamen KleinbürgerInnen, sondern allesamt sehr unkonventionell, ja direkt exzentrisch und getrieben von einer ewigen Abenteuerlust. Immer wieder begeben sie sich freudig in Gefahr. Dadurch zeigen die Bücher, dass Freiheit und Geborgenheit keine Gegensätze sein müssen, im Gegenteil: Wer den anderen liebt, gewährt ihm auch immer wieder das Recht auf Selbstentfaltung, so wie die Muminmutter ihrem Mann und ihrem Kind.

Und gleichzeitig nehmen die Geschichten die Furcht vor Krisen und (vermeintlichen) Katastrophen. Denn die berühmte muminsche Gemütlichkeit – ein Haus mit Kachelofen, Schaukelstuhl und einer Kanne heissem Tee – und die Bedrohung bedingen sich gegenseitig. Letztlich ist es nämlich nicht die Muminmutter, die für das häusliche Aufgehobensein sorgt, sondern der Sturm, der die Stube in eine Insel der Behaglichkeit verwandelt. Ohne den Kontrast verkäme diese zur Selbstverständlichkeit, die man gar nicht mehr geniessen könnte.

Auch wer stänkert, wird akzeptiert

Ganz zentral ist aber auch: Das Muminhaus steht nicht nur Auserwählten zur Verfügung. Die Trolle nehmen – dies eine Art Plädoyer für die Patchworkfamilie, lange bevor diese gesellschaftlich akzeptiert war – bedingungslos alle auf, die kommen wollen: den griesgrämigen Bisam, der nur schmarotzt und nervtötende Weisheiten von sich gibt, genauso wie den verzogenen Nimmersatt Schnüferl oder die mies gelaunte kleine Mü, die pausenlos herumstänkert. Sie alle werden freundlichst beherbergt oder gar gleich adoptiert. Und zwar genau so, wie sie sind. Niemand will die anderen ändern. Denn die Mumins spüren auch hier intuitiv, dass die Welt von Gegensätzen lebt, die sie erst so reich und wundervoll macht.

Das Märchenhafte der ersten Bücher weicht dabei – parallel zum stetig voranschreitenden Alter des Muminsohns, der am Ende fast erwachsen ist (und zu jenem von Jansson: Die neun Bände sind während eines Zeitraums von fast zwanzig Jahren entstanden) – immer stärker den Ausprägungen eines Entwicklungsromans, wobei die psychologischen Probleme zunehmend komplexer werden. So greift die Autorin in kluger Weise Themen wie Geschwisterrivalität, Ablösungsprozesse zwischen Eltern und Kind, Narzissmus oder Midlife-Crisis, aber auch das Altwerden und Sterben auf; also Fragen, die Kinder – auch wenn sie es nicht immer so benennen könnten – oft genauso beschäftigen wie Erwachsene.

Bezaubernde Ironie

Das Beglückendste an den Mumin-Büchern aber ist die Sprache selbst. Zum einen glänzt sie mit einer ironischen Ebene, die sich nur Erwachsenen erschliesst – etwa in Form von Genreparodien oder Fussnoten zur Kleidungsgewohnheit der Hemule, die die Form von Wissenschaftsdiskursen persiflieren. Zum andern aber besticht Jansson vor allem durch die Art und Weise, Dinge auf den Punkt zu bringen. «Wer einen anderen zu sehr bewundert, wird nie richtig frei», heisst es da etwa, oder: «Eine gelungene Abfahrt ist genauso wichtig wie die ersten Zeilen in einem Buch. Sie entscheiden alles.»

Der pseudonaive Kinderblick, der alles umso deutlicher benennen kann, macht die Mumin-Bücher nicht nur für Kinder zu einer zauberhaften Lektüre, sondern ebenso für Erwachsene. Für jene vielleicht gar umso mehr, da sie Dinge zum Ausdruck bringt, die man immer schon so fühlte, selber aber nicht so schön hätte sagen können.

An der Frankfurter Buchmesse wird die neue Tove-Jansson-Biografie von Tuula Karjalainen vorgestellt; ausserdem finden mehrere Podiumsdiskussionen zum Leben und Werk Janssons sowie Mumin-Partys statt.