Nr. 42/2014 vom 16.10.2014

«Mein Film versucht, das grosse alte Kino atmen zu lassen»

In seinem neuen Film «The Cut» erzählt Fatih Akin den Genozid am armenischen Volk als episches Roadmovie. Auf den Vorwurf, sein Film sei nicht politisch genug, reagiert er ungehalten.

Interview: Florian KellerMail an AutorIn

«Der türkische Zuschauer bangt zweieinhalb Stunden mit einem Armenier»: Nazaret (Tahar Rahim, links) überlebt ein Massaker, später sucht er seine Töchter. Foto: Gordon Mühle, Pandora Film

WOZ: Herr Akin, Sie hatten erwartet, dass Sie in der Türkei für Ihren neuen Film «The Cut» auf die Mütze bekommen. Jetzt gibts Verrisse in der internationalen Presse und viel Zustimmung aus der Türkei. Fragt man sich da: Was habe ich falsch gemacht?
Fatih Akin: Nein. Ich wollte ja in der Türkei nicht provozieren, das war nicht meine Absicht. Wir als Türken – ich schliesse mich da mal mit ein – müssen den Völkermord an den Armeniern aufarbeiten. Und darum war mein Traum immer, dass der Film in der Türkei läuft, und zwar nicht nur in zwei, drei Kinos, auf irgendeinem Festival mit vielen Problemen und so. Der Film kommt übrigens auch in Armenien gut an.

Glauben Sie, dass man im Westen einfach auch ganz andere Erwartungen an diesen Film verknüpft als in der Türkei?
Ich habe eine Vermutung. Erstens: Wenn man im Westen «Völkermord» sagt, dann hat man schon bestimmte Bilder im Kopf. Zunächst durch den Holocaust, der ein ganz anderer Völkermord ist. Wenn man dann, sage ich jetzt mal, als Kritiker reingeht und diese Bilder nicht findet, die man im Kopf hat, dann attackiert man den Film. Das finde ich ein bisschen verantwortungslos, denn man attackiert eigentlich sein eigenes Unwissen. Das ist die erste Theorie, warum das jetzt so gelaufen ist, bei allen technischen Fehlern, die der Film hat oder nicht hat.

Und die zweite Vermutung?
Vielleicht hat man erwartet, dass türkische Zuschauer nach fünfzehn Minuten wutentbrannt das Kinos verlassen oder dass der Film den Hass zwischen Türken und Armeniern nur verstärkt und die Diskussion überhaupt nicht weiterbringt. Dass dieser Reflex jetzt nicht eintritt, sorgt vielleicht auch für Verwirrung. Der Völkermord wird ja bei gewissen politischen Entscheidungen als Währung und als Spielkarte benutzt. Zum Beispiel, dass man die USA damit erpresst: «Wenn ihr das Wort ‹Völkermord› benutzt, dann könnt ihr uns als Nato-Partner vergessen.»

Fatih Akin, Regisseur

Mein Film bemüht sich, eine Brücke der Empathie zu schlagen. Türken und Armenier, das ist ja wie Israelis und Palästinenser, das ist so verhärtet! Ein Film, aus dem beide Gruppen etwas für sich herausziehen können – das ist ein ganz schmaler Grat. Und vielleicht zahle ich dafür einen Preis, und der Preis ist eben die ausbleibende Provokation – und dass das westliche Hochfeuilleton irritiert ist. Aber das beruht auf Gegenseitigkeit: Die haben einen anderen Film von mir erwartet, und ich habe eine andere Reaktion erwartet.

Nun ist «The Cut» mehr Abenteuerfilm als historisches Lehrstück, mehr ein Roadmovie über die Diaspora als ein Drama über den Genozid. Waren diese dramaturgischen Entscheidungen auch ein Zugeständnis an das Klima in der Türkei?
Nein. Die Entscheidung, die Diaspora auch mit zu erzählen, kommt daher, dass ich in meinen Recherchen um den Völkermord immer wieder die Überlebensgeschichten und die Geschichten der Diaspora mitentdeckt habe. Ich habe das als sehr filmisch empfunden. Ich mag halt Roadmovies und Reisefilme sehr gerne. Und ich konnte diese Dramaturgie als Schmugglerprinzip benutzen. Das heisst, ich will, dass der türkische Zuschauer in seiner Empathie für diesen Armenier irgendwann den Völkermord vergisst. Und nach dem Film merkt er, dass er zweieinhalb Stunden mit einem Armenier gebangt hat. Das ist natürlich ein Schmugglerstück, so sind während der Kommunistenjagd unter Senator Joseph McCarthy Western gedreht worden.

Die Anlehnung an den Western ist offensichtlich in «The Cut», auch im Panoramablick auf die Landschaften.
Der elitäre Festivaltrend, der sich beim Publikum aber nicht durchsetzt, ist jetzt der Minimalismus. Dieser Film ist nicht Minimalismus, im Gegenteil, er ist Maximalismus. Er ist gegen den Trend, deswegen wird er auch angegriffen. Ich will damit eine Brücke schlagen zu jenem Kino, mit dem ich gross geworden bin: «Once Upon a Time in America» von Sergio Leone, bestimmte Sachen von Terrence Malick oder Bernardo Bertolucci, bestimmte frühe Sachen von Clint Eastwood. Mein Film versucht, dieses grosse alte Kino atmen zu lassen. Ich habe den Minimalismus ja auch schon ausprobiert, in einem Film wie «Auf der anderen Seite». Ich weiss, wie das geht.

Aber es ist schon auffällig: Formal ist «The Cut» von einer altmodischen Opulenz, die man bislang gar nicht von Ihnen kennt.
Um jetzt nochmals von Armeniern und Türken zu sprechen, also vom Zuschauer, der sowieso emotional total bei der ganzen Thematik herausgefordert ist: Da wollte ich ihn nicht auch noch kinematografisch herausfordern. Als Drehbuchautor denke ich aber schon, dass ich da was ausprobiere. Sagen wir mal, der Völkermord in dem Film ist der erste Akt. Dann ist es ein sehr langer erster Akt. Das ist ein erzählerisches Risiko.

Und was Sie altmodisch nennen, findet man in der deutschsprachigen Literatur auch in den wichtigsten Büchern zum Völkermord. Nehmen Sie «Das Märchen vom letzten Gedanken» von Edgar Hilsenrath: Das ist, bei all seiner Brutalität, in einer kindlichen, märchenhaften Sprache gehalten. Oder «Die vierzig Tage von Musa Dagh» von Franz Werfel. Da denkt man an vierzig Tage Regen, wie bei Noah. Es ging darum, solche archaischen, märchenhaften Bilder mitzugestalten, weil die mich halt auch in der Annäherung an die Materie sozialisiert haben.

Verstehen Sie, wenn die Kritiker Ihnen deswegen vorhalten, der Film sei nicht politisch genug?
Das kann ich mir nur mit Unwissen erklären. Nach einem Interview in der armenisch-türkischen Zeitschrift «Agos» bekam ich eine Morddrohung, bevor irgendjemand den Film gesehen hat. Dabei gings darin nur um filmische Dinge, nicht um den Völkermord. Da sieht man mal, wie hysterisch aufgeladen die ganze Scheisse ist. Da muss ich mir von niemandem anhören, dass das ein apolitischer Film sei. Das finde ich ignorant und verantwortungslos, ja?

Wenn man sich den Film anguckt, kann man fragen: Zeigt er Massenermordungen? Ja, das tut er. Zeigt er Vergewaltigungen, Todesmärsche, die Todescamps? Ja, das tut er. Eine politische Botschaft muss nicht irgendwo im Film plakativ untergebracht sein. Die Diskussionen, die der Film auslöst, die Umstände, unter denen er entstanden ist – das kann schon politisch sein. Ausserdem sind da viele politische Botschaften drin, die der Unwissende gar nicht begreift.

Zum Beispiel?
Okay, warum beginnt der Film 1915 und endet 1923? Was ist da die politische Aussage dahinter? Da ernte ich bei vielen Fragezeichen. Aber 1915 war das Jahr des Völkermords, und 1923 war das Gründungsjahr der türkischen Republik. Das heisst, der Film erzählt eigentlich, dass der Völkermord unmittelbar mit dem Gründungsmythos der türkischen Republik verbunden ist. «The Cut» ist voll von solchen Dingen. Ich werde mir aber jetzt nicht die Mühe machen, die alle aufzuzählen. Mein Film hat nicht den Anspruch, alles über den Völkermord zu erklären. Aber wenn der Zuschauer nicht faul ist und sich dafür interessiert, was er sieht, dann informiert er sich darüber.

Warum aber sprechen alle Figuren im Film ihre eigene Sprache, nur die armen Armenier müssen Englisch mit Akzent reden?
Die Armenier sind recht dankbar für diese Entscheidung. Sie argumentieren, dass durch die Sprache eine armenische Figur eine weltweite Identifikation bietet.

Meine Absicht war viel profaner. Ich habe schon einmal einen Film in einer anderen Sprache inszeniert, deren ich nicht mächtig war, nämlich Italienisch. Das war bei «Solino», und das ist in die Hose gegangen. Weil ich nicht mehr kontrollieren konnte, was zwischen «Action» und «Cut», zwischen «Bitte» und «Danke» passierte. Ich war immer auf Dritte angewiesen. Da kommt dann der Dialogtrainer und sagt, die Sprache stimme nicht. Erstens kann ich nicht überprüfen, ob er recht hat, und zweitens verunsichere ich damit total den Schauspieler. Der Film gleitet mir aus den Händen.

Wann wird «The Cut» in der Türkei in die Kinos kommen?
Am 5. Dezember. Es kann aber sein, dass die Kinos ein paar Tage davor noch abspringen. Weil ihnen das doch zu heftig ist oder weil sie bedroht werden, ich weiss es nicht. Ich hoffe, das wird durchgezogen. Aber es ist die Türkei: Du weisst nie, was morgen ist. Ich glaube immer noch, dass ich Probleme bekommen werde. Wenn ich jetzt mit meinen Kindern in die Herbstferien gehe, dann fahre ich besser nicht in die Türkei. Auch wenn da vielleicht überhaupt nichts passiert.

Dass aber Anklage gegen mich erhoben wird wegen Paragraf 301, also wegen «Verunglimpfung des Türkentums», das glaube ich nicht. Seit der Ermordung des Journalisten Hrant Dink scheint die türkische Politik begriffen zu haben, dass die Strategie des Totschweigens und der aggressiven Haltung gegenüber jeder Diskussion gescheitert ist. Es gibt immer weniger Anklagen wegen Para-
graf 301. Und ich glaube, dass das hauptsächlich ein rechtsradikaler Mob ist, der sich mit mir anlegen will. Die Regierung wird versuchen, das so weit wie möglich zu ignorieren und runterzukochen.

Sie hoffen, dass sich auch die Drohungen militanter Gruppierungen, den Kinostart zu sabotieren, bis dann erledigt haben werden?
Es ist nur ein Mob. Mit dem komme ich schon klar, mit dem Mob.

«The Cut»

Gesäumt von Gewalt und Klischees

1915. In der Stadt Mardin im Südosten der Türkei wird der armenische Schmied Nazaret (Tahar Rahim) von türkischen Truppen verschleppt. Er überlebt Zwangsarbeit, Todesmärsche und ein Massaker an seinem Gefangenenzug, aber ein Schnitt in die Kehle bringt ihn zum Verstummen. Schliesslich findet er Asyl bei einem Seifenfabrikanten in Aleppo – und erfährt dort, dass seine beiden Töchter noch am Leben sind. Die Suche nach den Zwillingen führt ihn über Kuba und Florida bis an die kanadische Grenze.

Fatih Akin, türkischer Regisseur aus Hamburg («Gegen die Wand», «Soul Kitchen»), greift in seinem neuen Film «The Cut» den Genozid am armenischen Volk auf. Er tut das in der ausladenden Opulenz eines Western, die Landschaft ist weit und der Weg seines Helden gesäumt von Gewalt und Klischees, und nicht immer ist klar, was von beidem schlimmer ist. So hängen bei der armenischen Familie zu Beginn weisse Laken im Hof: Siehe, ein Inbild der Unschuld! Und auch die geraubte Stimme des Vaters ist vor allem das: ein Symbol mit Ausrufezeichen.

Im Breitwandpathos des Abenteuerfilms schrumpft der Völkermord so zum Einzelschicksal dieses Mannes, der sich auf der Suche nach seinen Töchtern bis ans andere Ende der Welt durchkämpft. Die Moral: Böse Menschen gibt es überall, gute aber auch.

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