Nr. 40/2019 vom 03.10.2019

Jedes Wort eine Parteinahme

Aysenur Korkmaz erforscht den Völkermord an den ArmenierInnen. Für eine türkische Historikerin ist das ein heikles Unterfangen.

Von Anina Ritscher (Text und Foto), Jerewan

Völkermordforscherin Aysenur Korkmaz wird ständig in eine von drei Schubladen gesteckt: Spionin, «gute Türkin» oder «Kryptoarmenierin».

Aysenur Korkmaz ist Muslimin, Türkin und Antinationalistin. Die Menschen, die sie für ihre Forschung interviewt, sind meist Männer, Christen, Armenier – und beinharte Nationalisten. Die Historikerin hat sich auf ein politisches Minenfeld begeben: Sie erforscht den Genozid an den ArmenierInnen.

In den Jahren 1915 bis 1917 ermordeten oder vertrieben die Herrscher des Osmanischen Reichs Hunderttausende ArmenierInnen. Der türkische Staat spricht heute vom «angeblichen Völkermord an den Armeniern», von «Menschen, die unter den Bedingungen des Ersten Weltkriegs starben». Das Verhältnis zwischen den Ländern ist kühl, die Grenze dicht, es bestehen keine diplomatischen Beziehungen. Vor zehn Jahren trafen sich die Aussenminister beider Länder in Zürich, um ein Friedensabkommen zu unterzeichnen. Keiner der beiden Staaten ratifizierte es.

Ein gefährliches Thema

Aysenur Korkmaz bestellt ihre Omelette auf Armenisch. «Ich erforsche den Genozid», sagt sie. Das ist nicht ohne Risiko. Schriftsteller und Wissenschaftlerinnen, die sich öffentlich zur Existenz des Völkermords bekannten, wurden wegen «Beleidigung der türkischen Nation» verhaftet. Wenn Korkmaz von ihrer Arbeit erzählt, überlegt sie genau, welche Worte sie wählt. Manchmal hält sie inne und sucht nach dem passenden Ausdruck.

Korkmaz interviewt Menschen, die sich «WestarmenierInnen» nennen. «Westarmenien» ist heute Teil der Türkei und heisst dort «Ostanatolien». Vor 1915, im Osmanischen Reich, wohnten in diesem Gebiet ArmenierInnen. Jene, die flüchten konnten, wurden BürgerInnen der Sowjetunion und konnten nie zurückkehren. Korkmaz nennt diese Menschen ex-osmanische ArmenierInnen. Das sei neutral.

Die Nachkommen der Vertriebenen fühlen sich als rechtmässige BesitzerInnen dieses Landstrichs jenseits der Grenze. Einige fordern eine Rückgabe an den armenischen Staat. Korkmaz wälzt Archive, um die Begebenheiten nachzuvollziehen, und sie interviewt die ex-osmanischen ArmenierInnen zu ihren Familiengeschichten, um den Konflikt zu verstehen. Nationalistische InterviewpartnerInnen zeigen ihr dann selbstgemalte Stammbäume. Einige gehen auf «Pilgerreise» in ihre Herkunftsorte, die heute in der Türkei liegen.

Die Begriffe für die Ereignisse von 1915 gibt es immer zweifach: Westarmenien oder Ostanatolien? Genozid oder angeblicher Genozid? «Yeghern» (die Katastrophe) oder «1915 olaylari» (die Ereignisse von 1915)? Jedes Wort eine Parteinahme. In jedem Wort die Gefahr, die wissenschaftliche Neutralität zu verlieren. Korkmaz sagt: «Ich möchte kein Sprachrohr sein, weder für die Verleugnung des Genozids in der Türkei noch für den Besitzanspruch armenischer Nationalisten. Ich möchte einfach wissen, was passiert ist.»

Korkmaz interessiert sich für die Identität der ArmenierInnen – und wird dabei auf ihre eigene zurückgeworfen. Ihre InterviewpartnerInnen stecken Korkmaz in eine von drei Schubladen: Die meisten halten sie für eine Kryptoarmenierin. So werden ArmenierInnen genannt, die im Osmanischen Reich zum Islam konvertierten, um nicht vertrieben zu werden. Sie sagen ihr dann: «Du hast armenische Augen.» Oder sie sehen in Korkmaz eine «gute Türkin», dann sagen sie, dass in ihrem Nachbardorf TürkInnen lebten, die den ArmenierInnen geholfen hätten. Und bestimmt sei Korkmaz Nachkommin solcher «guter Türken». Die dritte Schublade ist jene der «Spionin». Was sie sich kaum vorstellen können: dass diese Frau aus wissenschaftlichem Interesse mit ihnen spricht.

«Westliche Forscher sind für viele in Armenien und der Türkei die objektiven Augen. Man zeigt auf sie und sagt: ‹Schaut! Ein Westler hat es gesagt, dann muss es ja stimmen!›», sagt Korkmaz. Deswegen werde sie in beiden Ländern als voreingenommene Person betrachtet. In Europa höre sie oft: «Wie mutig, dass du als Türkin dich damit beschäftigst.» Die Fragen zu ihrer Arbeit drehten sich stets um ihre eigene Herkunft. «Ein Däne, der zu dem Thema forscht, würde das nicht gefragt», sagt sie.

Im Exil in Amsterdam

«Ich habe Angst davor, Menschen in der Türkei mit dem Völkermord zu konfrontieren. Es ist einfacher, mit der Gesellschaft der Opfer zu sprechen als mit jener der Täter.» Ehe sie an die Uni kam, hatte Korkmaz nie etwas vom Völkermord gehört. In den Schulen wird er verschwiegen. In ihrer Familie auch. Erst im Studium an einer US-amerikanischen Privatuni erfuhr sie davon. Heute kehrt Korkmaz nur einmal im Jahr in die Türkei zurück. Sie lebt mit ihrem Mann in Amsterdam und promoviert an der Universiteit van Amsterdam. Die Türkei verliess sie, bevor es für regierungskritische AkademikerInnen gefährlich wurde.

Anfangs hatte Korkmaz Hoffnung, die AKP könnte die erste Regierung sein, die den Völkermord anerkennt. Heute glaubt sie, die Partei hätte damit zu viele der nationalistischen und religiösen WählerInnen vergrault: «Wenn es eine Sache gibt, bei der sich fast alle in der Türkei einig sind, dann ist es, dass der Völkermord nicht passiert ist.»

Die Rückeroberungsfantasien mancher WestarmenierInnen gibt es erst seit den Neunzigern. Für Korkmaz passt diese Blut-und-Boden-Rhetorik in die weltweite Entwicklung: «Überall suchen Menschen ihre Wurzeln, eine geografische Verortung ihrer Herkunft.» Die Forscherin Aysenur Korkmaz dagegen versucht, sich endlich von ihrer Herkunft frei zu machen.

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