Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Das Klicken der Curlingsteine

In der Neuen Musik bewegt sich die jüngste Generation von KomponistInnen jenseits der Stilgrenzen – und entdeckt auch das politische Engagement wieder.

Von Cécile Olshausen

Es tut sich was in der zeitgenössischen Musik, der sogenannten Neuen Musik mit grossem N: ausverkaufte Festivals, heisse Diskussionen auf Facebook und Twitter, interdisziplinäre Projekte, Kooperationen über Kontinente hinweg, neue Studiengänge an den Hochschulen – vor allem aber eine neue Generation von KomponistInnen, die Tabus bricht und die ästhetischen Positionen der Väter- und Grossvätergeneration hinterfragt. Die Neue Musik ist endlich im 21. Jahrhundert angekommen.

Dabei ist der mit dem Begriff «Neue Musik» verbundene musikalische Stil mittlerweile schon fast historisch. Mit vielen Dissonanzen und raffinierten Klangfarben, mit ausgetüftelten Geräuschen und ohne periodisierte Rhythmik, mit atonaler Harmonik und komplexen Partituren bietet diese Form von Neuer Musik – trotz grandioser Werke – seit ihren Anfängen in der Nachkriegsavantgarde Angriffsflächen für unterschiedlichste Kritik. Man wirft ihr Ignoranz gegenüber Jazz, Pop und nicht europäischer Musik vor, und bis heute steckt man sie gerne in die Schublade der «akademischen Avantgarde» – ein Abgrenzungsdiskurs, der sich ab den späten 1980er Jahren aus der frei improvisierten Szene herausbildete, deren ProtagonistInnen sich selbst als VertreterInnen einer befreiten Musik verstanden.

Radikal andere Kontexte

Allerdings muten diese Diskussionen inzwischen selbst akademisch verstaubt an. Denn die jüngste Generation von KomponistInnen bewegt sich ganz selbstverständlich in mehreren Musikkulturen gleichzeitig. Dabei kann man vermehrt wieder ein gesellschaftliches und politisches Engagement feststellen.

So heuerte der deutsche Komponist Johannes Kreidler (geboren 1980) für sein Werk «Fremdarbeit» (2009) Komponisten aus den Billiglohnländern China und Indien an, die seinen Stil plagiieren sollten, und zwar für viel weniger Geld, als er selber bekam. Er machte also dasselbe, was wir heute mit jedem T-Shirt tun. Zugleich stellte er die Kategorie des Autors, des Werks, des sogenannt eigenen Stils gründlich infrage und thematisierte die täglichen Ausbeutungsprozesse der globalen Weltwirtschaft. Das ist politische Musik der neuen Art!

Aber auch persönliche Alltagserfahrungen werden ohne Scheu zur kompositorischen Vorlage verwertet. Die Kanadierin Annesley Black (geboren 1979) verwendet in «Jenny’s Last Rock» (2012) neben live gespielter Musik auch Youtube-Videos und konkretes Klangmaterial von Curlingspielen, dem kanadischen Volkssport, und stellt musikalisch dar, wie der letzte Stein eines Turniers gesetzt wird. Neue Musik wird in radikal andere Kontexte gestellt und mit Medientrash, Massenevents oder mit Eintragungen aus der eigenen Agenda kombiniert.

Vielfältige Identitäten

Zwei neue Bereiche erleben ausserdem einen Aufschwung: Die Musik- und Medienkunst einerseits arbeitet oft interdisziplinär und setzt den Computer als Gestaltungsmittel ein. Hier bringt die in der Schweiz lebende holländisch-belgische Doppelbürgerin Cathy van Eck (geboren 1979) neue Impulse: In ihrer Klangkunst wird der eigene Körper zum Instrument, der öffentliche Raum zur Bühne, der Computer greift komponierend ins Geschehen ein, Videos und andere Requisiten werden zu mitspielenden Partnern.

Andererseits bietet das Musiktheater eine Spielwiese für visionäre MusikerInnen wie den Schweizer Hornisten Samuel Stoll (geboren 1979), der sein Instrument derart weiterentwickelt hat, dass er darauf Achteltöne spielen kann. In seinen musiktheatralischen Interventionen baut Stoll fantastische Klangräume, weitab der herkömmlichen Theaterbühne.

Der demografische Wandel und die Migrationsbewegungen der letzten Jahrzehnte führen dazu, dass sich heute in den Kompositionsklassen der Hochschulen viele Studierende mit komplexen kulturellen und musikalischen Identitäten einfinden. Sie werden zu interkulturellen BrückenbauerInnen, die eine eigene Musiksprache jenseits der traditionellen Regeln der europäischen Neuen Musik entwickeln und aus dem vielfältigen musikalischen Material ihrer Biografien schöpfen.

Schwierig bleibt es, diese Entwicklungen breiter zu vermitteln. Was das heutige aufgeschlossene Publikum mit seiner Präsenz und Offenheit entkräftet hat, steckt noch immer in den Köpfen vieler VermittlerInnen, Medienleuten und Mitglieder von Fördergremien, nämlich das Klischee von der «akademischen Avantgarde» im Elfenbeinturm, die mit der Welt nichts zu tun haben will.

Währenddessen neckt die gut vernetzte jüngste Generation mit neuen Entwürfen. Diese sind zwar längst nicht alle ausgegoren, aber sie regen an, die eigenen ästhetischen Positionen neu zu befragen.

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