Nr. 39/2012 vom 27.09.2012

Anti-Aging für die musikalische Avantgarde

Von Christoph Wagner

In der Öffentlichkeit gelten vor allem Namen wie Karlheinz Stockhausen oder John Cage (vgl. WOZ Nr. 35/12) als Chiffren für avantgardistische Tonkunst. Für KennerInnen kommt ein weiteres Wort dazu: Wergo. So heisst das Label, das sich seit den frühen sechziger Jahren unermüdlich für zeitgenössische E-Musik stark macht.

«Neu seit fünfzig Jahren!» lautet denn auch – nicht ohne Selbstironie – das Motto, mit dem das Unternehmen nun ein halbes Jahrhundert seines Bestehens feiert. Zum Geburtstag ist eine dicke CD-Box erschienen, die neben der «Sonata für zwei Pianos» (1924) von Igor Strawinsky (eingespielt im Gründungsjahr 1962) auch Schlüsselwerke von Stockhausen und Cage sowie Luigi Nono und Dieter Schnebel enthält – allesamt Wegmarken der Zeitgenössischen Musik des 20. Jahrhunderts.

1962 wurde das Label vom Baden-Badener Geschäftsmann Werner Goldschmidt gegründet. Der kunstsinnige Mäzen verband die beiden ersten Silben seines Vor- und Nachnamens zu «Wergo». Nach seinen Plänen sollte sich das Label ausschliesslich der anspruchsvollen Zeitgenössischen Musik widmen, die kaum zwei Jahrzehnte zuvor noch von den Nationalsozialisten als «entartet» verfolgt worden war. Doch auch in der Bundesrepublik des Wiederaufbaus stand sie nicht gerade hoch im Kurs. «Pierrot Lunaire» des Zwölftonerfinders Arnold Schönberg, der in der Zeit des Nationalsozialismus in die USA hatte fliehen müssen, machte den Auftakt. Das atonale Melodrama von 1912 war genau fünfzig Jahre vor der Labelgründung entstanden.

Klassiker der Moderne

Weitere bahnbrechende Werke der Moderne folgten. Die jungen Talente erhielten in der «Studio-Reihe Neuer Musik» ihre Chance. «Goldschmidt war in Deutschland jahrelang der Einzige, der moderne Musik systematisch auf Schallplatten herausgebracht hat», lobte der «Spiegel» und bescheinigte ihm für seine Pioniertat «eine Menge Mut».

1970 übernahm der Schott-Musikverlag in Mainz das Label und baute es bald zu einer der international führenden Marken aus. Zwei Jahre später, 1972, erschien das erste Werk einer Komponistin: «Our Lady of Late» von Meredith Monk. Die qualitativ hochstehenden Produktionen mit ausführlichen Informationen zu Werk, Komponisten und Interpretinnen legten die Latte hoch. Das prestigeträchtige US-amerikanische Nonesuch-Label lizensierte einzelne Wergo-Produktionen.

Wergo nahm sich aber nicht nur der VertreterInnen der klassischen Moderne oder der Zweiten Wiener Schule an, sondern veröffentlichte auch Schallplatten von damals noch jungen Radikalen wie dem Argentinier Mauricio Kagel oder dem Ungarn György Ligeti. Zufalls- und Reihenkompositionen fanden unter dem Wergo-Dach ebenso Platz wie elektronische Klänge oder avantgardistisches Musiktheater.

Das Label hatte den Finger oft am Puls der Zeit. Wobei es sich bis heute als nicht gerade leicht erweist, aus dem Elfenbeinturm der Neuen Musik auszubrechen und ein breiteres Publikum zu erreichen. Mit den Elektronikpionieren Gottfried Michael Koenig und Karlheinz Stockhausen im Katalog, die heute gerade auch bei jungen LaptopmusikerInnen wieder hoch im Kurs stehen, hätte sich eigentlich ein Remixprojekt angeboten.

Das Altern der Avantgarde

Auch in technischer Hinsicht ist das Label auf Höhe der Zeit geblieben und hat den Umbruch in der Musikbranche als kreative Herausforderung angenommen: So hat sich Wergo auch den digitalen Realitäten angepasst. Nach Vinylplatte und CD sind heute die meisten Aufnahmen (unter denen die Werke von Komponistinnen bis heute marginal geblieben sind) auch als Download erhältlich. Selbst Wiederveröffentlichungen aus dem über 600 Titel umfassenden Backkatalog kann man vermehrt auf den iPod laden. Hörbar wird auch dabei das Bemühen, dem Niedergang der Klangkultur durch das MP3-Format entgegenzuwirken und die Aufnahmen in einer höheren Tonqualität anzubieten.

Doch das Altern der Avantgarde bleibt weiterhin ein Problem. Gerade auch die zeitgenössische E-Musik ist vor einer gewissen akademischen Verknöcherung nicht gefeit. Stinknormale Neue Musik gibt es inzwischen zuhauf.

Im Geburtstagsjahr erschien neben Produktionen junger KomponistInnen wie Sarah Nemtsow oder Benjamin Schweitzer auch eine Veröffentlichung von Mike Svoboda, die in eine ganz andere Richtung weist: Der US-amerikanische Posaunenspezialist, der heute in Basel an der Musikhochschule unterrichtet, präsentiert darauf selbst die gewagtesten Avantgardekompositionen so sinnlich, unverkrampft und frisch, dass die Selbstironie im Jubiläumsslogan tatsächlich zum Understatement wird. «Neu seit fünfzig Jahren!» – hört man Svoboda, glaubt man das Wergo aufs Wort.

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