Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Ohne Tempo kein Tanz

Der südafrikanische Musikproduzent Nozinja hat die traditionelle Musik seines Volks radikal entkernt, elektrifiziert und beschleunigt. Das Ergebnis Shangaan Electro verbreitete sich über digitale Kanäle weltweit.

Von Florian Sievers

Der Auftritt sieht aus, als stellte eine Gruppe aufgeputschter Bauarbeiter Cartoonfilme der sechziger Jahre nach. Vorn auf der Bühne: zwei Tänzer in orangen Overalls und mit Clownperücken auf dem Kopf. Bauch und Hinterteil mit Kissen ausgestopft, schlackern sie synchron mit ihren Gliedmassen, als hätten sie keine Knochen. Dahinter thront zwischen einer Batterie Keyboards und Computern ein korpulenter Afrikaner mit Physiklehrerbart und breitem Grinsen. Er trägt eine kreischend bunte Mischung aus Sporttrikot und Unterhemd, auf dem Kopf eine undefinierbare Pelzkreation und hat sich gefärbte Straussenfedern links und rechts an die Oberarme geklebt. So sieht er aus wie der Botschafter einer selbstbewussten Afrobricolage, die Klischees gleichermassen bestätigt wie überdreht.

Nach dem Konzert sind zwar die beiden Tänzer ausser Atem. Richard Mthethwa jedoch, der füllige Federmann hinter den Keyboards, hat nur sein Oberteil durchgeschwitzt und zeigt weiter sein joviales Grinsen, in dem die Lücke eines fehlenden Schneidezahns klafft. Der Südafrikaner ist zufrieden. Mit dem Auftritt. Mit der Welt. Mit sich. Unter dem Namen Nozinja arbeitet er für eine ganze Handvoll von Musikprojekten als Komponist, Produzent, Marketingmanager, Plattenfirmenboss. Er dreht seine eigenen Videoclips, singt sogar selber und fährt bei Bedarf auch noch die MusikerInnen durch die Gegend. Mit seiner Hyperaktivität hat er binnen weniger Jahre ein komplettes Musikgenre aus dem Boden gestampft: Shangaan Electro.

Der Name ist zu verstehen als «elektrifizierte Shangaan-Musik». Er stammt von der Ethnie der Shangaan, die in Südafrika offiziell Tsonga heissen. Deren Heimat ist die heisse Provinz Limpopo im Nordosten des Landes, an der Grenze zu Moçambique und Simbabwe. Hier liegt auch Giyani, ein Städtchen von 26 000 EinwohnerInnen und Richard Mthethwas Geburtsort. Wie viele Tsonga ging er irgendwann in die ferne Grossstadt Johannesburg, um Arbeit zu finden. In der Stadt zog der umtriebige Mthethwa zunächst eine Reihe von erfolgreichen Handyreparaturläden auf, bevor er 2004 seine Geschäfte an den jüngeren Bruder vermachte und aufs 
Musikproduzieren umsattelte. «Meine Brüder dachten, ich sei verrückt geworden», erinnert er sich.

Im Hinterhof seines Backsteinhäuschens, das im Stadtteil Chiawelo der Grosssiedlung Soweto steht, richtete er ein Heimstudio ein. Hier entstand im Lauf der Jahre ein umfangreicher Katalog aus Kassetten, DVDs und selbst gebrannten CDs mit Aufnahmen von ihm als Xitsonga Dance oder Zinja Hlungwani sowie von seinen Projekten Tshetsha Boys, Tiyiselani Vomaseve oder BBC («Beautiful Black Culture»). Mit Erfolg: Der Mittvierziger verkauft heute nach eigenen Angaben Zehntausende Tonträger pro Jahr.

Upload auf gut Glück

Irgendwann entdeckte Mthethwa dann auch die Websites Soundcloud und Youtube als Verbreitungskanäle. «Ich habe einfach ein paar Stücke und Clips hochgeladen und mir gedacht, ich probiere mal mein Glück», sagt er. Bald darauf meldete sich bei ihm völlig begeistert der New Yorker Journalist Wills Glasspiegel, der die Uploads gehört hatte und Mthethwa mit dem britischen Label Honest Jon’s in Verbindung setzte. Dieses veröffentlichte 2010 schliesslich weltweit die Compilation «Shangaan Electro», die den einigermassen blödsinnigen Untertitel «New Wave Dance Music from South Africa» trug. Denn mit dem synthesizerlastigen Punknachfolger New Wave hat diese Musik nicht viel zu tun.

«Ich wollte einfach mal etwas Neues ausprobieren», sagt Nozinja selber zu seinen Produktionen. Schon vor vierzig Jahren hatten Musiker wie General M. D. Shirinda, der einst auch bei Paul Simons umstrittenem Südafrika-Album «Graceland» (1986) mitwirkte, traditionelle Tsonga-Musik mit westlichen Instrumenten gekreuzt: Gitarren übernahmen die Melodieführung, Bass und Schlagzeug lieferten das tanzbare Fundament. Nozinja strich den Bass, bastelte die Beats aus stolpernden Tom Drums zusammen und ersetzte die Gitarren durch Marimbaklänge von einfachen Heimorgeln. Diese simulieren den warmen Klang der xylophonähnlichen Holzinstrumente mehr schlecht als recht. Zudem spielt Nozinja viele der komplexen Melodieläufe per Hand ein. Beides trägt zum wüst zusammengestoppelten Charakter der Musik bei.

Vor allem aber drehte der Produzent das Tempo der Stücke radikal nach oben. Traditionelle Shangaan-Musik bewegt sich mit 110 Beats pro Minute eher im gemässigt beschwingten Bereich. Nozinjas Produktionen dagegen sind mit teilweise mehr als 180 Beats pro Minute so halsbrecherisch schnell, dass sich eine Art rasender Stillstand ergibt: Die zahlreichen fein ziselierten Details verschwimmen zu einem euphorisch-aufputschenden Klangstrahl.

Kritik von den Altvorderen

Für den radikal neuen Ansatz hagelte es natürlich Kritik von den Altvorderen, die die Tsonga-Kultur von Respektlosigkeiten bedroht sahen. Doch die elektronischen Instrumente, mit denen Nozinja arbeitet, sind nun einmal preiswerter, als wenn er für jede Aufnahme und jeden Auftritt ein mehrköpfiges traditionelles Ensemble anheuern müsste. Zudem hat er so die Möglichkeit, seine Musik komplett selber zu gestalten. Aus denselben Gründen hatten Ende der siebziger Jahre schon US-Discoproduzenten begonnen, komplette Orchester durch Synthesizer zu ersetzen. Und ebenfalls deshalb transformieren heute überall in Afrika Musiker mit einfachen Computern und simplen Keyboards die Musik ihrer Eltern – von Balani Show in Mali, wo die traditionellen Balafongruppen durch Maschinen ersetzt wurden, bis zum Mchiriku in Tansania, wo Bands auf billigen Casio-Keyboards dudeln.

Nozinja zufolge entspricht die hohe Schlagzahl seiner Musik auch eher dem heutigen Lebensgefühl. «Geschwindigkeit zählt», sagt er, denn: «Ohne Tempo kein Tanz.» Und ohne Tanz ist es Nozinja zufolge kein Shangaan Electro: Die Musik funktioniere überhaupt nur zusammen mit TänzerInnen. Die zugehörigen Bewegungen beziehen sich dabei ebenso wie die Musik durchaus auf überlieferte Traditionen. So vermischen sie Elemente der traditionellen Tänze Makwaya (für Männer) und Xibelani (für Frauen) mit dem Johannesburger Pantsula, dessen Ententanzbewegungen in den achtziger Jahren unter den Gangstern der Stadt populär wurden.

In Europa und den USA kommen Nozinjas urban-elektrifizierte Adaptionen von ländlichen Traditionen ebenfalls gut an. «Ich hätte nie gedacht, dass meine Musik einmal so weit reichen würde», sagt Nozinja. Nach seiner Veröffentlichung bei Honest Jon’s sowie zwei EPs für Jiaolong, das Label des Elektronikmusikers Caribou/Daphni, arbeitet er gerade an einem Album für die renommierte britische Plattenfirma Warp. Darauf will er seine Erfolgsformel – Marimbasounds, Stolperbeats und rasendes Tempo – nun auch mal variieren. Um die Reichweite noch mehr zu vergrössern – und letzten Endes die alten Tsonga-Traditionen weiter dadurch zu bewahren, dass er sie ständig verändert.

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