Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Hoch flogen die Pläne der revolutionären Ornithologen

In der Sowjetunion fehlte die Berner Ortschaft Zimmerwald auf keiner Landkarte. Nun beschäftigt sich ein schweizerisch-russisches Theaterprojekt mit der Konferenz an diesem Ort im Jahr 1915, an der auch Lenin teilnahm.

Von Thomas Bürgisser

99 Jahre nach der legendären Konferenz: «Alle Vögel sind schon da» mit Marco Morelli, Mona Petri und Simon Ho am Klavier. Foto: Rob Lewis

2015 wird in der Schweiz als Jubiläumsjahr der Superlative angekündigt. 700 Jahre Schlacht am Morgarten, 500 Jahre Schlacht von Marignano, 200 Jahre Wiener Kongress, auf dem die Neutralität der Eidgenossenschaft von den europäischen Mächten anerkannt wurde. Was bedeuten diese historischen Ereignisse für die moderne Schweiz? Können sie uns helfen, die Probleme der Gegenwart anzupacken? Die Schlacht um die Deutungshoheit dieser mythischen Meilensteine vaterländischer Geschichte ist jedenfalls schon in vollem Gang.

Das von Matto Kämpf und Ariane von Graffenried verfasste Theaterstück «Alle Vögel sind schon da», das letzte Woche im Schlachthaus-Theater Bern Premiere feierte (vgl. «Nichts ist, wie es scheint» im Anschluss an diesen Text), erinnert an einen anderen Jahrestag, der 2015 ansteht. Dieser greift über das nationale Korsett hinaus. Er steht unter dem Zeichen von Weltkrieg und Weltrevolution.

Ort des historischen Ereignisses ist das Dorf Zimmerwald bei Bern. Im September 1915 trafen sich hier 38 Delegierte sozialistischer Parteien aus zwölf Ländern zu einer internationalen Konferenz. Seit über einem Jahr war in Europa der Erste Weltkrieg im Gang. Bei Kriegsausbruch war die sozialistische Internationale auseinandergebrochen. Die sozialistischen Parteien hatten sich hinter die Kriegspolitik ihrer nationalen Regierungen gestellt. Alle Friedensappelle waren vergessen, die viel beschworene internationale Solidarität der europäischen Arbeiterbewegung lag in Scherben.

Dem umtriebigen SP-Nationalrat Robert Grimm war es nun aber gelungen, prominente KriegsgegnerInnen aus Deutschland, Frankreich, Italien und Russland in der neutralen Schweiz an einen Tisch zu bringen, darunter der hier im Exil lebende Wladimir Lenin und Leo Trotzki. Ziel der Zimmerwalder Konferenz war es, ein Zeichen gegen den Krieg zu setzen und die Internationale neu zu organisieren. Das von den Delegierten verabschiedete Zimmerwalder Manifest kritisierte den Burgfrieden scharf, den die SozialistInnen mit den Regierungen geschlossen hatten, und rief zur Einigkeit im Kampf für den Frieden auf. Am Ende des Appells heisst es: «Über die Grenzen, über die dampfenden Schlachtfelder, über die zerstörten Städte und Dörfer hinweg, Proletarier aller Länder, vereinigt euch!»

Post ans Lenin-Museum

«Alle Vögel sind schon da»: Der Titel des Theaterstücks rührt daher, dass die GenossInnen im Hotel Beau Séjour inkognito abstiegen, getarnt als «ornithologische Gesellschaft», als VogelkundlerInnen. Hoch flogen in Zimmerwald die Gedanken Lenins, der für sein Konzept des revolutionären Kriegs warb. Der «imperialistische Krieg zwischen den Völkern» sollte in einen Bürgerkrieg «der unterdrückten Klassen gegen ihre Unterdrücker» umgewandelt werden «mit dem Ziel der Expropriation der Kapitalistenklasse, der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, der Verwirklichung des Sozialismus». In Zimmerwald konnte Lenin nur eine Minderheit der Delegierten, die sogenannte «Zimmerwalder Linke», für seine radikalen Ideen gewinnen. Der Konflikt zwischen dem revolutionären Flügel um Lenin und der reformorientierten Mehrheit sollte sich in den kommenden Jahren weiter akzentuieren und schliesslich zur Spaltung der Arbeiterbewegung in KommunistInnen und SozialdemokratInnen führen.

1917 fegten in Russland Aufstände, Streiks und Meutereien das Zarenregime hinweg. Im berühmten plombierten Eisenbahnwaggon fuhr Lenin aus seinem Zürcher Exil ins brodelnde Petrograd, wo die Bolschewiki das Konzept des revolutionären Kriegs in die Tat umsetzten und mit Gewalt nach der Macht griffen. Die Oktoberrevolution und der Sieg im Bürgerkrieg machten Russland zum «ersten sozialistischen Staat der Welt».

Die Rolle, die Zimmerwald in der Entwicklung hin zur «Grossen Sozialistischen Oktoberrevolution» einnahm, führte dazu, dass das kleine Berner Dorf in der UdSSR als Erinnerungsort einen beachtlichen Stellenwert genoss. In Zimmerwald «schlummerte der Gründungsmythos der Sowjetunion», schreibt die Basler Historikerin Julia Richers. In der Sowjetunion seien Europakarten gedruckt worden, auf denen in der Schweiz als einzige Ortschaft Zimmerwald eingetragen war.

Im Gemeindearchiv von Zimmerwald hat Richers eine Flut von Briefen und Postkarten ausgegraben. Die SowjetbürgerInnen, die sie seit den 1950er Jahren geschrieben hatten, übertrugen dabei den Kult, der in ihrer Heimat um Lenin gemacht wurde, auf das Berner Dorf. So finden sich im Zimmerwalder Archiv etwa Zuschriften an den «Direktor des Lenin-Museums», deren VerfasserInnen annahmen, der Aufenthalt des legendären Revolutionsführers werde auch im kapitalistischen Ausland gebührend gewürdigt. «Wir möchten wissen, wie in Ihrer Stadt die Erinnerung an diesen grossen Menschen weiterlebt», wollte das Arbeiterkollektiv eines Salzbergwerks in der Ostukraine wissen, und Menschen aus dem heutigen St. Petersburg schickten Grüsse aus dem «sowjetischen in das schweizerische Leningrad». Zimmerwald war ein fester Bestandteil in der Meistererzählung der Parteigeschichte, wie sie Generationen von SchülerInnen vermittelt wurde: «Jedes sowjetische Kind kannte Zimmerwald», weiss Richers.

Die Revolution aus der Stille

Dem rund vierzigjährigen Schauspieler Sergei Mardar und seinen KollegInnen Swetlana Smirnowa, Natalja Ponomarjowa und Artjom Schilow – alle Ende zwanzig – war Zimmerwald allerdings, trotz Sozialisierung in der späten Sowjetunion, kein Begriff, bevor sie sich beim Theaterprojekt engagierten. Die vier gehören zum Theater der Generationen in St. Petersburg. Die Mitglieder des russischen Ensembles stellen zusammen mit den schweizerischen SchauspielerInnen Mona Petri, Tatjana Werik und Marco Morelli das Bühnenpersonal des fulminanten Theaterstücks, das unter der Regie von Eberhard Köhler auch in Zürich und Chur inszeniert wird.

Um sich auf ihr Sujet einzustimmen, organisierte die Truppe vor einigen Wochen eine Exkursion an den Ort des Geschehens. Dort erinnert allerdings nichts an die geschichtsträchtige Konferenz. Die sowjetischen Schwärmereien stiessen bei der Dorfbevölkerung auf wenig Gegenliebe. Mitten im Kalten Krieg wollte man nicht in den Ruf eines kommunistischen Wallfahrtsorts kommen. Gegenüber SRF sagte Gemeindepräsident Fritz Brönnimann kürzlich, im Baureglement sei festgehalten worden, dass keine Gedenktafeln angebracht werden dürften. Historikerin Richers spricht von einem eigentlichen «Erinnerungsverbot». Das «Beau Séjour» wurde abgerissen und musste einer Bushaltestelle weichen. Dort, wo Lenin einst nächtigte, steht heute eine Filiale der Ersparniskasse Rüeggisberg.

Das Dorf auf dem Längenberg und seine friedlich weidenden Kühe hinterliessen bei den SchauspielerInnen dennoch einen bleibenden Eindruck. Ihn habe der Kontrast verblüfft, sagt Sergei Mardar, die Tatsache, dass die Revolution, die den Lauf der Weltgeschichte veränderte, an einem so malerischen und ruhigen Ort ihren Ursprung habe: «Stille Wasser gründen tief», so Mardar, und Swetlana Smirnowa ergänzt, es sei so ruhig gewesen, dass man schreien wollte, um zu hören, wie es klingt. Im Gespräch mit der WOZ kristallisiert sich heraus, dass das Stück, dessen Handlung zwischen 1915 und heute oszilliert, für die vier RussInnen einen grossen Aktualitätsbezug aufweist. «Damals wie heute war Krieg», stellt Ponomarjowa trocken fest.

Bumerang der Geschichte

Für Mardar, der in der Ukraine aufwuchs, ist die aktuelle Krise in seiner Heimat eng mit der Thematik verflochten. Es gehe um den «Bumerang der Geschichte», wie er sich ausdrückt: «Alles kommt zurück.» Der inhaltsleere Kult um Lenin, der als Leichnam im Mausoleum auf dem Roten Platz immer noch eine unheilvolle Präsenz ausstrahle, sei ein Symbol für das, was überwunden werden müsse, um Platz für neue «linke, fortschrittliche und humanitäre» Ideen zu schaffen. Schilow, der mit rasierter Halbglatze und Spitzbart im Stück den Lenin mimt, weiss, dass die Demystifizierung des ideologischen Ballasts für viele ältere RussInnen nach wie vor ein Sakrileg ist.

Ihre düstere Wahrnehmung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Russland scheint sich durch den Aufenthalt in der Schweiz verstärkt zu haben. Wenn sie den Schweizer KollegInnen erzähle, dass in Russland seit kurzem das Fluchen auf der Bühne gesetzlich verboten ist, ernte sie fassungslose Blicke, sagt Natalja Ponomarjowa. Im Gegensatz zu ihrer Heimat erscheint den vieren die Schweiz als eigentlicher Hort von Demokratie und Menschenrechten. Wenn es in der proletarischen Revolution darum gehe, dass das Volk an die Macht kommt, sagt Mardar nur halb im Scherz, dann sei in der Schweiz ja verwirklicht, was Lenin ursprünglich wollte.

«Alle Vögel sind schon da»

Nichts ist, wie es scheint

Den ersten Auftritt – nach einer kurzen Einführung des Regisseurs – hat ein Klavier. Verhüllt in ein rotes Tuch rollt es auf die Bühne. Als das Tuch weggenommen wird, kommt darunter kein echtes Klavier zum Vorschein, sondern eines aus Pappkarton. Doch unter dem Karton wiederum steckt ein richtiges Klavier.

Wie dem Klavier geht es auch den ProtagonistInnen im Theaterstück «Alle Vögel sind schon da. Eine Konferenz in Zimmerwald» von Ariane von Graffenried und Matto Kämpf: Keiner und keine ist, was er oder sie vorgibt zu sein. Da ist der Wirt Päppu Jäggi (grossartig: Sergei Mardar). Er führt in Zimmerwald das Hotel Zum schönen Aufenthalt, in dem sich eine OrnithologInnengruppe für eine Konferenz angemeldet hat. Doch der Päppu ist nicht bloss Wirt, sondern entpuppt sich als russische Hexe Baba Jaga, eine Untote, die in der Lage ist, Leben zu nehmen oder zu geben. Auch die beiden Ornithologinnen sind in Wirklichkeit eine russische und eine ukrainische Revolutionärin, die in Zimmerwald ein Manifest schreiben wollen – 99 Jahre nach dem Besuch von Lenin und Trotzki im Berner Dorf. Und sogar die von den beiden Frauen aus Russland mitgeschleppte Leiche ist nicht wirklich tot, zumindest zeitweise nicht, denn Päppu Jäggi lässt seine Gabe walten.

Nicht nur das Spiel des russisch-schweizerischen Ensembles begeistert, sondern auch die Musik von Simon Ho, die unterschiedliche Atmosphären schafft. Zudem verwandelt sich das Bühnenbild immer wieder originell – mal wird das Klavier zum Berg, mal zum Panzer, zur Lokomotive, zur Bar oder zum Hotelempfang.

Bloss ist das Stück mit seinen fast zweieinhalb Stunden etwas gar lang, und der Wechsel zwischen heute und damals ist zeitweise verwirrend. Darüber helfen auch die witzigen Dialoge zwischen den SchweizerInnen und den RussInnen nicht ganz hinweg – «Weisch, hie i de Schwiiz schtirbt me nid im Chrieg, hie hänkt me sich uf.»

«Alle Vögel sind schon da» im Schlachthaus Theater in Bern am 23., 24. und 25. Oktober 2014, 20.30 Uhr, und im Theater Winkelwiese in Zürich, ab 5. November 2014.

Silvia Süess

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