Nr. 44/2014 vom 30.10.2014

Sozialer Realismus bis zum entscheidenden Montagmorgen

Erst kommt der Bonus, dann die Moral? Im neuen Film der Gebrüder Dardenne appelliert Marion Cotillard als Arbeiterin an die Solidarität ihrer KollegInnen. Die ist unterschiedlich ausgeprägt.

Von Barbara Schweizerhof

Und für die sollen wir auf unseren Bonus verzichten? Sandra (Marion Cotillard, rechts) braucht die Unterstützung ihrer ArbeitskollegInnen, um ihren Job behalten zu können.

Arbeit, mithin das, worauf die meisten Menschen den Grossteil ihres Alltags verwenden, spielt im Kino eine grundsätzlich andere Rolle als im Leben. Sieht man von den Dramaberufen in Medizin, Kriminalistik und Jurisprudenz ab, beginnen Filme meist genau da, wo die Arbeit aufhört: in der Kaffeepause oder auf dem Weg nach Hause. Umgekehrt hat das dazu geführt, dass Arbeit – und wie sie dargestellt wird – als eine Art Gradmesser des Realismus verwendet wird. Wenn sich, wie im neusten Film der Gebrüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, die ganze Handlung um das Thema Arbeit dreht, ist meist von «sozialem Realismus» die Rede.

Mit «Deux Jours, une Nuit» begeben sich die belgischen Regisseure einmal mehr mitten ins Themenfeld der sozialen Wirklichkeit und ihrer ökonomischen Verhältnisse. Dorthin, wo es am meisten wehtut, wo der drohende Verlust der Arbeit die grösste Angst auslöst, weil letztlich alles durch sie definiert wird: Status, Wohlergehen, Wohnen. Die Ausgangslage des Films hat etwas Parabelhaftes: Sandra (Marion Cotillard) erfährt an einem Freitag, dass ihre Entlassung unmittelbar bevorsteht. Auf einer Versammlung wurden ihre KollegInnen vor die Wahl gestellt: Sie könnten Sandras Stelle sichern, wenn sie alle auf ihren Tausendeurobonus verzichten würden. Weil die Abstimmung durch einen Vorarbeiter unzulässig beeinflusst wird, soll sie am Montag wiederholt werden. So bleiben Sandra zwei Tage Zeit, um ihre KollegInnen zu ihren Gunsten umzustimmen.

Vor den Türen

Der dramaturgische Rahmen, den sich die Dardenne-Brüder hier setzen, ist denkbar eng. In ihrem bewährten Stil, bei dem die Kamera dicht an den Figuren bleibt, verfolgen die dardennes Sandras Wege an diesem Wochenende. Sie sucht der Reihe nach ihre KollegInnen auf, sei es im Eigenheim oder auf dem Sportplatz, beim Hobby oder bei der Familienfeier. Zwischendurch lässt sie sich von ihrem Mann (Fabrizio Rongione) Mut zusprechen, oder sie verzieht sich erschöpft und verzweifelt ins Schlafzimmer.

Die Begegnungen verlaufen erwartungsgemäss ganz unterschiedlich – und folgen dabei doch einem vorhersehbaren Spannungsbogen, der die Entscheidung am Montagmorgen bis zuletzt offenhält. Da gibt es die, die Sandra voll Wärme und Mitgefühl empfangen, und es gibt die, die vor ihr Tür und Tor verschliessen. Die einen reagieren hilflos, verschämt, die anderen mit Aggression. Eigenheim, Anschaffungen, Kredite – auf tausend Euro zu verzichten, fällt niemandem leicht, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Fast übertrieben repräsentativ erscheint das demografische Spektrum, das Sandras KollegInnen abdecken, und nicht ohne Klischee die jeweils vertretenen Haltungen: In der Tendenz sind es die Ärmeren und die Marginalisierten, denen das solidarische Handeln am leichtesten fällt. Auch wenn die Inszenierung gewissermassen alle gleich behandelt und auch die nicht ins Unrecht setzt, die gegen Sandra stimmen wollen, ist doch stets klar, wo mehr Menschlichkeit herrscht.

Verstärkt wird diese emotionale Aufladung des Plots durch Sandras Hintergrundgeschichte: Die junge Frau leidet an Depressionen und ist nach einer klinischen Behandlung gerade erst wieder gesundgeschrieben. In den Einzelverhandlungen mit den KollegInnen geht es also nicht nur um ihre berufliche Zukunft, sondern auch um ihre seelische Gesundheit. Jede Ablehnung birgt die Gefahr in sich, dass Sandra erneut ihren gesamten Lebensmut verliert. Und die Dardennes sind sich nicht zu schade, aus dieser Fragilität mit einem Notarzteinsatz dramatisches Potenzial zu schlagen.

Gefangen im Gleichnis

Spätestens da stellt sich die Frage, ob «Deux Jours, une Nuit» überhaupt noch in den Bereich des sozialen Realismus fällt, in dem die Filme der Dardennes wieder und wieder verortet wurden. Schon «Rosetta», die Hauptfigur des Films, mit dem sie 1999 ihre erste Goldene Palme in Cannes gewannen, musste ja um ihren Arbeitsplatz kämpfen. Die junge Obdachlose griff dabei zu Mitteln, die den Rahmen der Normalität sprengten – ihr Ausnahmeverhalten in einer Ausnahmesituation aber wirkte realistisch, gerade weil es nicht von dramaturgischen Vorgaben diktiert, sondern ganz aus ihrer Figur und ihren Umständen heraus entwickelt schien. Sandra in «Deux Jours, une Nuit» dagegen, zumal in der gekonnt zwischen Verletzlichkeit und Trotz angesiedelten Verkörperung durch Marion Cotillard, ist eine Figur, die deutlich auf einen emotionalisierenden Effekt hinzielt. Und damit das, was die Figuren in den Filmen der Dardenne-Brüder eigentlich noch nie waren: ein Konstrukt.

Womit nicht gesagt sein soll, dass «Deux Jours, une Nuit» das Terrain des Realismus ganz verlassen würde. Dem steht schon das sichtliche Engagement der Dardennes entgegen, reale Arbeitsbedingungen abzubilden. Der Film funktioniert trotzdem auf interessante Weise anders als das, was man von den Dardennes gewöhnt ist: gleichnishafter, abgezirkelter – und damit eben auch ein Stück berechenbarer.

Ab 30. Oktober 2014 in den Kinos.

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