Nr. 43/2016 vom 27.10.2016

«Das war genau, was uns gefehlt hatte»

Bloss nicht die Augen schliessen: Die belgischen Regisseure Jean-Pierre und Luc Dardenne über offene Türen und moralische Schlaflosigkeit in ihrem neuen Film «La Fille inconnue».

Interview: Mariama Balde

Die junge Ärztin Jenny (Adèle Haenel) fühlt sich schuldig, weil sie einer jungen Frau, die wenig später tot aufgefunden wird, die Tür zu ihrer Praxis nicht geöffnet hat. Als sie bei der Polizei erfährt, dass die Frau nicht identifiziert werden konnte, hat Jenny nur noch ein Ziel: Sie will den Namen der jungen Frau herausfinden.

Seit Jahrzehnten prangern die Gebrüder Jean-Pierre und Luc Dardenne («L’Enfant») mit ihrem Kino soziales Unrecht an. Auch in «La Fille inconnue» benutzen sie den Sozialkrimi als Vorwand, um ein Schlaglicht auf ein gewöhnliches Drama zu werfen, das sich buchstäblich vor der Haustür abspielt – und das jene, die den Mut haben, sich schuldig zu fühlen, auch nachts heimsucht.

WOZ: Jean-Pierre und Luc Dardenne, Sie haben früh angefangen, zusammen Filme zu drehen. Schon in jungen Jahren klopften Sie bei Ihrer Nachbarschaft an, damit die Leute Ihnen von erlittenem Unrecht berichteten.
Luc Dardenne: Ja, das war zu Beginn der siebziger Jahre. Wir hatten hart gearbeitet, um unsere erste Kamera zu kaufen. Die ersten Filme, die wir zusammen drehten, waren eigentlich Porträts von Leuten, die direkt in die Kamera von einem Unrecht erzählten, das ihnen widerfahren war. Das Wichtigste für uns war dabei, die Leute zusammenzubringen. Wir führten die Filme dann vor allen Beteiligten vor und hatten den Eindruck, dass dadurch da ein Gemeinsinn entstand, wo die Leute sonst kaum miteinander redeten.

Jean-Pierre Dardenne: Am stärksten haben mich damals die Porträts junger Frauen berührt. Viele von ihnen gingen nicht mal zur Schule, wurden sehr jung verheiratet. Das lastete schwer auf ihnen. Man spürte schon, dass ihr Schicksal stärker sein würde als ihr Wille.

Könnte man sagen, dass diese Gewalt gegen Frauen das zentrale Thema in Ihrem neuen Film «La Fille inconnue» ist?
Jean-Pierre Dardenne: Selbstverständlich. Und fast alle Männer im Film spielen ihnen übel mit.

Luc Dardenne: In einem geringeren Mass leidet auch die Ärztin Jenny unter dieser Gewalt. Sie wird wiederholt tätlich angegriffen, sogar von einem fünfzehnjährigen Jungen. Aber es gibt auch andere Formen von Gewalt, wie bei dem Burschen, der sich an einem Streik beteiligt hat und nicht die besten Arbeitsbedingungen bekommt, oder bei dem Jungen, der nicht zur Schule gehen kann.

Woher rührt eigentlich Ihr soziales Gewissen, das in all Ihren Filmen so greifbar ist?
Luc Dardenne: Unsere Begegnung und die Arbeit mit dem Regisseur Armand Gatti spielte da sicher eine wichtige Rolle.

Jean-Pierre Dardenne: Ja, Gatti war ein engagierter Mensch im eigentlichen Sinn des Wortes. Aber es hat auch mit unserer Erziehung zu tun. Eine kleine Anekdote: Als wir klein waren, standen jede Woche Vertreter vor unserer Tür, und ich erinnere mich besonders gut an einen Herrn, der jede Woche mit seiner Tasche vorbeikam. Dann, von einem Tag auf den anderen, war es nicht mehr er, der an unsere Tür klopfte, sondern sein Sohn von zwölf oder dreizehn Jahren. Eines Abends, als es furchtbar heiss war, haben unsere Eltern ihn ins Haus gebeten, damit er mit uns isst und duschen kann. Danach sagten sie uns, dass wir kein Recht hätten, uns zu beklagen: Wir waren zwar selber auch nicht privilegiert, aber wir mussten nicht arbeiten wie dieser Junge! Unser Haus war immer offen.

In «La Fille inconnue» öffnet Jenny nicht, als eine junge Frau vor ihrer Praxis steht – mit dramatischen Konsequenzen.
Jean-Pierre Dardenne: Wie sie selber sagt: Wenn sie die Tür geöffnet hätte, wäre diese junge Frau vielleicht nicht gestorben. Der einzige Weg, sich von dieser Last zu befreien, ist, selber zu ermitteln: um den Leuten die Zunge zu lösen, um den Namen dieser Frau herauszufinden und um sie ins Gedächtnis aller zurückzuholen.

Luc Dardenne: Es ist auch die Geschichte einer Obsession. Jenny fühlt sich schuldig, verantwortlich und handelt dann. Sie widersetzt sich dem Schlaf und zieht in ihre Praxis ein, um wach zu bleiben. In gewissem Sinn weigert sie sich, die Augen zu schliessen vor dem Drama dieser unbekannten Frau. Man könnte das mit einer moralischen Schlaflosigkeit vergleichen.

Sie haben erklärt, dass Sie, wenn Sie einander nicht bei der Arbeit gefunden hätten, heute nicht Filmemacher wären …
Luc Dardenne: Ja, und ich will lieber gar nicht daran denken. (Lacht.)

Jean-Pierre Dardenne: Luc traf Gatti, als er achtzehn Jahre alt war, ich mit neunzehn Jahren. Dank ihm sind wir uns in der Arbeit begegnet. Sonst wäre ich Lehrer geworden, obwohl ich denke, dass das Kino auch eine Form von Übertragung ist.

Ihre Filme müssen von einer gemeinsamen Intuition ausgehen. An welchem Punkt einigen Sie sich jeweils auf dieses oder jenes Projekt?
Luc Dardenne: Wir beginnen mit vielen Diskussionen um Figuren und Situationen. Indem wir dieselbe Materie durchkneten, nähern wir uns unweigerlich einem gemeinsamen Projekt. Wir machen ja alles zusammen, vom Casting bis zur Ausstattung. Wir sind eine einzige Person, auch wenn wir die magische Fähigkeit haben, uns so aufzuteilen, dass einer hinter der Kamera steht und der andere davor, um die Darsteller zu führen.

Jean-Pierre Dardenne: Und wenn einer von uns mal zwei Tage krank ist, müssen wir die Dreharbeiten nicht unterbrechen. Praktisch, nicht? (Lacht.)

«La Fille inconnue» hat eine längere Entstehungszeit hinter sich. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?
Luc Dardenne: Wir waren beim Schreiben lange blockiert durch die Tatsache, dass wir uns die Hauptfigur zunächst als älteren Arzt vorgestellt hatten. In der Zwischenzeit drehten wir «Le Gamin au Vélo» und «Deux Jours, une Nuit». 2014 trafen wir dann Adèle Haenel, und dank ihr hat sich die Hauptfigur in eine junge Frau verwandelt. Schaut man ihr ins Gesicht, glaubt man, was man sieht. Sie hat nichts Falsches an sich. Das war, was uns gefehlt hatte, damit unser Drehbuch in die Gänge kam: diese Naivität, nicht im abwertenden Sinn, sondern als eine Offenheit des Charakters. Wir haben ihr damals nichts gesagt, aber wir machten uns an die Arbeit, und zwei, drei Monate später haben wir sie gefragt, ob sie bereit wäre.

Sie arbeiten immer nach eigenen Drehbüchern. Wird es jemals passieren, dass Sie ein Projekt verfilmen, das man an Sie heranträgt?
Luc Dardenne: Auf professioneller Ebene haben wir zu verstehen gegeben, dass wir unsere Drehbücher selber schreiben. Aber wir bekommen oft anonyme Briefe von Leuten, die uns ihr Leben erzählen. Das sind meist sehr unglückliche Geschichten, die sie gern verfilmt sähen.

Jean-Pierre Dardenne: Wir verschliessen uns vor keinem Vorschlag, aber man muss uns überzeugen.

Ab 3. November 2016 im Kino.

Mariama Balde (23) ist Filmstudentin an der École cantonale d’art in Lausanne und hat die diesjährige Critics Academy am Filmfestival in Locarno absolviert.

Aus dem Französischen von Florian Keller.

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