Nr. 44/2014 vom 30.10.2014

Edle Wilde im Klimawandel

Von Susan Boos

Es ist schön in Tuvalu, es ist schön in Thule. Blauer Himmel, weisse Strände respektive weisse Berge. Die beiden Orte zusammenzubringen, um zu erzählen, was der Klimawandel den Menschen antut, war eine brillante Idee. Eine, die JournalistInnen wie FilmemacherInnen mögen, weil es ihnen erlaubt, an exotische Orte zu fliegen: Thule, weit oben in Grönland, wo die Männer noch mit Hundeschlitten auf die Jagd gehen – und Tuvalu im Pazifik, das Paradies auf Erden, wo man sich nicht viel aus Geld macht, weil einfach wächst, was man zum Leben braucht. Der Schweizer Dokumentarfilmer Matthias von Gunten hat «ThuleTuvalu» gedreht. Der Film kommt dieser Tage in die Kinos und hat schon viel Lob geerntet.

«Während in Thule das Eis schmilzt, droht Tuvalu im Pazifik zu versinken … und an beiden Orten verändert sich das Leben der Menschen für immer», steht auf dem Plakat zum Film. Und das ist in der Tat denn auch schon die ganze Story. «ThuleTuvalu» ist ein einfach gestrickter Film, der sich auf zwei Familien konzentriert. Die Hauptprotagonisten sind Männer, die Jäger mit ihren Gewehren und Harpunen und die Fischer mit ihren Netzen und Kanus. Frauen kommen kaum zu Wort.

Das Publikum kann in einer insinuierten Tragik schwelgen. Aber irgendwann nervt, dass die relevanten Fragen mit schönen Bildern übertüncht werden. Das Leben in Thule hat sich schon lange geändert. Anfang der 1950er Jahre errichteten die USA in Thule eine Militärbasis. Menschen, die dort gelebt hatten, wurden nach Qaanaaq zwangsumgesiedelt. Zudem hat Grönland vor einem Jahr das Förderverbot für Uran aufgehoben, weil man – dank des Klimawandels – einfacher an die reichen Rohstoffvorkommen herankommt. Von alldem erfährt man nichts, man folgt nur edlen Wilden auf der Jagd.

In Tuvalu sieht es ein bisschen anders aus. Das kleine Idyll säuft wirklich ab. Den Inseln geht das Trinkwasser aus, weil der Regen ausbleibt. Es wird immer schwieriger, noch etwas anzubauen. Der Kinder wegen wollen die meisten weg, doch fehlt ihnen das Geld. Das sind die wenigen Momente, wo der Film berührt. Ansonsten wird er Erfolg haben, weil er so schön harmlos ist.

Ab 30. Oktober 2014 in den Kinos.

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