Nr. 43/2013 vom 24.10.2013

«Was sind das für Leute, die ans sichere Endlager glauben?»

Fünf Jahr lang hat Edgar Hagen den «sichersten Ort der Erde» gesucht – den Ort, wo man radioaktiven Abfall für Millionen Jahre versorgen kann. Sein grossartiger Dokumentarfilm zeigt, wie schwer sich die Demokratie mit der Endlagersuche tut.

Von Susan Boos

Hier könnte dereinst der Zugang zu einem Schweizer Endlager liegen: Dokumentarfilmer Edgar Hagen steigt über den Zaun einer Kiesgrube in Marthalen, Zürcher Weinland. Still aus dem Film

WOZ: Edgar Hagen, Ihr Film trägt den Titel «Reise zum sichersten Ort der Erde». Es geht dabei um die weltweite Suche nach Endlagern für hoch radioaktiven Abfall. Haben Sie den sichersten Ort gefunden?
Edgar Hagen: Bislang gibt es weltweit noch kein einziges hoch radioaktives Endlager. In Schweden ist man am weitesten – aber auch dort gibt es Kritik und Zweifel. Viele glauben, in Onkalo in Finnland sei man weiter, aber das stimmt nicht, auch dort haben sie noch keine Baubewilligung.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, einen Dokumentarfilm über Endlager zu drehen?
Ich hatte mich früher nie mit dem Thema beschäftigt. Selbst Tschernobyl ging eher an mir vorbei. Mein Produzent kam eines Tages mit einem Text zum Thema «Markierung von Endlagern». Dabei ging es um die Frage, wie man künftigen Generation noch in Tausenden von Jahren vermittelt, dass an einer bestimmten Stelle etwas Gefährliches vergraben ist. Ich hatte den Eindruck, dass das ein sehr idealisierter Zugang zu einem viel fundamentaleren Problem ist, und habe begonnen, alles über das Thema zu lesen. Zuerst hatte ich die Idee, einen Film über den gesamten Zyklus zu machen, vom Uranabbau bis zum Endlager.

Warum ist daraus nichts geworden?
Schnell habe ich gemerkt, dass das zu gross würde und ich mich aufs Ende konzentrieren muss. Bei der Entsorgung der hoch radioaktiven Abfälle geht es ja um die ganz grossen Zeiträume – das hat mich fasziniert. Ich wollte wissen, wie man damit umgeht: Was sind das für Leute, die daran arbeiten und daran glauben?

Edgar Hagen

Der Hauptprotagonist Ihres Films ist Charles McCombie, ein Brite, der jahrelang in führender Funktion für die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) in der Schweiz gearbeitet hat. Er redet zum Teil überraschend offen, kritisiert auch das Schweizer Vorgehen. Warum gerade er?
Ich stiess bei meinen Recherchen auf einen Artikel, in dem es auch um McCombies Pläne ging, eventuell in Russland ein internationales Endlager zu errichten. In dem Artikel stand noch, dass McCombie unter den AKW-Gegnern nur «McZombie» genannt werde. Die Person interessierte mich. Ich schrieb ein erstes Skript mit ihm als Hauptfigur, die den roten Faden durch den Film legt.

Mein Produzent wollte pitchen, also das Projekt vorstellen, um Geld dafür zu bekommen. McCombie wusste aber noch nichts von seinem Glück. Also rief ich ihn an. Er fand es sofort interessant und war bereit mitzumachen. Seine Motivation war es zu zeigen, dass man das Problem lösen kann. Mein Interesse war es zu zeigen, wie jemand funktioniert, der das glaubt.

McCombie glaubt an die Zukunft der AKWs und will deshalb ein Endlager finden. Sie sind ein AKW-Gegner. Ging das gut?
Wir hatten eine Art Abmachung, dass wir uns gegenseitig fair behandeln, nicht über den Tisch ziehen und einen möglichst offenen Diskurs führen. Charles ist ja nicht naiv und weiss, dass es ein kontroverses Thema ist – ein kontroverses Thema sein muss.

Es gab nie Krach?
Wenn es um AKWs allgemein ging, waren wir uns natürlich überhaupt nicht einig. Darüber haben wir aber nicht viel gesprochen. Ich mache unsere Differenz im Film auf Anhieb transparent. Ansonsten wollte ich der Zukunft der Atomenergie nicht die optimistische Ausrichtung geben, die sie für ihn hat. Ich wollte sie nüchterner darstellen. Abgesehen davon ist er eine sehr gewinnende Person. Ausserdem hat er mir als Türöffner geholfen, Kontakte herzustellen, die ich allein kaum geschafft hätte.

Zum Beispiel?
China. Dort bauen sie zurzeit zahlreiche neue Reaktoren und treiben gleichzeitig das Endlagerprogramm voran, sie glauben an die Technologie und wollen alles richtig machen. Wir sind mit dem Direktor des chinesischen Endlagerprogramms in die Wüste Gobi gefahren, um den möglichen Standort zu besichtigen. Ein dünn besiedeltes Gebiet, wo nur eine Handvoll Familien mit ihren Kamelen leben. Dieser chinesische Topexperte hat unverkrampft und offen geredet. Ohne Charles McCombie wäre diese Reise nie möglich gewesen. Auch in Carlsbad hätte ich vermutlich nie diese Gespräche führen können.

Sie sprechen von Carlsbad in New Mexico, wo sich der Bürgermeister seit Jahren für ein Endlager starkmacht.
Genau. Dort haben sie bereits ein Endlager für schwach und mittel radioaktiven Abfall. Charles kennt die Leute, die dieses Projekt realisiert haben, seit langem. Mit einem von ihnen – dem eigentlichen Vater des Projekts – wollten wir in der Anlage ein Interview drehen. Das ging nicht, sie schickten uns weg. Wir hatten immerhin das Glück, dass wir filmen konnten, wie wir weggeschickt wurden. Das war überhaupt das grösste Problem: Wie zeigt man etwas, was man nicht filmen darf?

Man hat nicht zugelassen, dass Sie den strahlenden Abfall filmen?
Ja, das Problem hatten wir überall. Wir durften in der Schweiz nicht im Zwischenlager für radioaktive Abfälle filmen, das Bundesamt für Energie hat das verhindert. Wir durften 2010 im britischen Sellafield in der Wiederaufarbeitung während einer zweitägigen Recherche Aufnahmen machen. Nach der Katastrophe in Fukushima durften wir dann aber nicht mehr filmen und auch nicht in den USA.

Meistens lautete die Begründung, wir dürften wegen der Terrorgefahr nicht filmen. Zum Teil kann ich das sogar noch verstehen. In Sellafield stehen die Becken mit den abgebrannten Brennelementen teils unter freiem Himmel. In den USA stehen die Behälter mit den Abfällen neben den AKWs. Manchmal sind die AKWs auch schon längst abgerissen, und die Abfallbehälter stehen – ständig bewacht – einfach mitten in einem Wald.

Ist es wirklich nur das Terrorrisiko, weshalb nicht gefilmt werden darf?
Sicher nicht. Bei dem, was man nicht zeigen darf, geht es um Verdrängtes – und darüber müssen wir reden. Mein Film ist auch ein Stück Technikgeschichte. Man glaubte an die Machbarkeit, und dann kommt man mit dem Abfall an einen Punkt, wo es nicht mehr geht. Unser Film wurde zu einer Entdeckungsreise, aber es ist eine neue Kategorie der Entdeckungsreise, nicht wie im 18. oder 19. Jahrhundert, als man neue Gebiete erforschte. Diese Entdeckungsreise will den sichersten Ort aufspüren, damit man dort all das, was sich in den letzten fünfzig Jahren angesammelt hat, vergraben kann. Das ist aber nicht so einfach in einer Welt, die dicht besiedelt ist und in der jeder verfügbare Lebensraum mehr denn je benötigt wird.

Gibt es nirgends ein abgelegenes Stück Land, das perfekt wäre für ein Endlager?
Nachdem Charles McCombie die Nagra verlassen hatte, widmete er sich dem Pangea-Projekt. Dabei ging es darum, in Australien in geologisch ruhigem, kaum besiedeltem Gebiet ein internationales Endlager zu bauen. Das hat mich fasziniert: Eine Gruppe von Männern überlegt sich, wie man das Problem technisch lösen könnte – projiziert die Lösung abstrakt in eine Landschaft und versucht, sie konkret umzusetzen. Australien hat selber keine AKWs und ist sehr atomkraftkritisch. Als die Opposition vom Pangea-Projekt Wind bekam, gab es grossen Widerstand, und Pangea wurde beerdigt. Es ist ja auch verwegen zu glauben, man könne das Problem international lösen, wenn man es national nicht hinbekommt, ein Endlager zu finden.

Das ist eine der zentralen Frage in Ihrem Film: Selbst wenn Endlager technisch machbar wären – vertragen sie sich mit der Demokratie?
In der Schweiz hat man mit dem neuen Kernenergiegesetz dem betroffenen Kanton das Vetorecht zu einem Endlager weggenommen, weil es einfacher erschien, eines zu errichten, wenn der Standortkanton es nicht ablehnen kann. Jetzt diskutiert man, das Vetorecht wieder einzuführen, weil sonst der Widerstand zu gross wird. Auch Charles McCombie sagt, mit Vetorecht werde es einfacher. Je mehr demokratische Rechte, desto einfacher – weil man so den Gegnern den Wind aus den Segeln nimmt.

In Japan – das zeigen Sie in Ihrem Film – setzt man ganz auf Freiwilligkeit. Der Preis: Bislang ist keine einzige Gemeinde bereit mitzumachen. Also gibt es auch kein Endlager.
Das stimmt.

Und in der Schweiz?
Da haben wir die absurde Situation, dass Markus Fritschi von der Nagra an jeder Veranstaltung sagt: «Die Machbarkeit ist nachgewiesen.» Er darf gar nichts anderes sagen – egal ob es stimmt oder nicht. Die Betriebsbewilligungen der Atomkraftwerke beruhen letztlich auf diesem Satz. Würde Fritschi Zweifel anmelden und etwas anderes sagen, müsste er seinen Job an den Nagel hängen, und die AKWs müssten abgeschaltet werden (vgl. «Der Volkszorn ist programmiert»).

Nach fünf Jahren Recherche und vielen Reisen: Was würden Sie mit dem Abfall tun?
Das kann ich nicht sagen. Es ist zum Glück auch nicht meine Aufgabe, eine Lösung zu präsentieren. Unabhängig davon, ob man für oder gegen AKWs ist, muss man sich aber irgendwann die Frage stellen, was die Gesellschaft mit diesem Abfall macht. Ich kann nur versuchen, mit meinem Film die wichtigen Fragen aufzuwerfen, und hoffen, dass es zu einer breiten Debatte kommt.

Edgar Hagens Film «Reise an den sichersten 
Ort der Erde» läuft ab dem 31. Oktober 
2013 in den Kinos, Vorführungen mit anschliessender Podiumsdiskussion gibt es schon früher 
(vgl. Politour).

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