Nr. 46/2014 vom 13.11.2014

«Man fegt ein System nicht einfach in einem Tag weg»

Nach 27 Jahren ist Blaise Compaoré, Staatspräsident von Burkina Faso, wegen anhaltender Proteste zurückgetreten. Ildevert Méda, Autor und Theatermacher in Ouagadougou, über das Vakuum nach dem Umsturz.

Interview: Silvia SüessMail an AutorIn

Ildevert Méda

WOZ: Herr Méda, am 31. Oktober ist Staatspräsident Blaise Compaoré nach massiven Protesten zurückgetreten. Wie ist die Stimmung zurzeit in Ouagadougou?
Ildevert Méda: Die Stimmung hat sich nach seinem Rücktritt schnell wieder normalisiert. Schon am nächsten Tag gingen viele Menschen auf die Strasse, um die Stadt zu putzen und die Schäden vom Vorabend zu beheben.

Während der Demonstrationen fand das internationale Theaterfestival Les Récréâtrales statt, bei dem Sie als künstlerischer Berater wirken. Inwiefern haben die Proteste die Aufführungen tangiert?
Unser Festival wurde schon während der letzten Spieltage beeinträchtigt, die ganze Stadt war alarmiert wegen der geplanten Märsche der politischen Opposition und der Bevölkerung. Wir haben unser Programm neu zusammengestellt, damit es mit den Geschehnissen in der Stadt keine Konflikte gibt. Einige der Festivalteilnehmer sind an die Demonstrationen gegangen. Doch trotz allem, der wesentliche Teil unseres Programms konnte stattfinden.

Als Autor, Dramaturg und Regisseur stehen Sie für kritische Theaterstücke zu aktuellen Themen. Bedeutet Theatermachen für Sie zwingend eine politische Auseinandersetzung?
Wenn das Theater die Gesellschaft so reflektieren möchte, dass sich das Publikum wiedererkennt, muss es den Atem, die Frustrationen, die Kämpfe der Bevölkerung aufnehmen. Deshalb wird das Theater oft als warnender Spiegel gesehen, der voraussieht, was kommt. Aber das ist schon seit Jahrtausenden so. Nicht zuletzt in einem Land wie unserem, wo das Leben an und für sich nichts anderes ist als Überleben, kann die Kunst nicht einfach aus dem Nichts kommen. Sie muss ihre Substanz darin finden, was die Menschen leben und spüren.

Welche Bedeutung kann das Theaterschaffen in einer politischen Ausnahmesituation wie jetzt in Burkina Faso haben?
Der Ausnahmezustand, in dem wir uns befinden, ist relativ friedlich, er beeinträchtigt den Alltag der Menschen hier nicht gross. Aber das Leben und das Theater haben etwas abbekommen, weil wir uns doch in einer speziellen Situation befinden. Wir haben momentan auch weniger Publikum als früher. Denn wer von weiter her kommen will, könnte wegen der Ausgangssperre nicht mehr nach Hause zurück.

Gab es unter Compaoré Zensur für Künstler?
Nein, zumindest nicht, was das Theater betrifft. Aber es gab natürlich trotzdem Selbstzensur aus Angst vor Repressionen. Viele Künstler hielten sich zurück, bestimmte Dinge zu sagen, weil sie nicht wussten, wie die Reaktion vonseiten der Mächtigen ausfallen würde.

An den Demonstrationen nahmen vor allem junge Menschen teil. Sie skandierten den Namen des 1987 ermordeten sozialistischen Präsidenten Thomas Sankara. Warum ist er so wichtig für diese Jungen, die ihn gar nicht gekannt haben?
Gerade weil sie ihn nicht gekannt haben, haben viele junge Menschen Thomas Sankara nun heiliggesprochen. Das geschieht oft, wenn man jemanden tötet im Glauben, damit auch dessen Ideen zu töten. Sankara selber hat gesagt: «In den Tragödien der Völker offenbaren sich die grossen Männer, aber es sind die mittelmässigen, die die Tragödien verursachen.»

In einem Jahr sollen Neuwahlen stattfinden. Was sind Ihre Hoffnungen?
Ich hoffe mit meinem ganzen Herzen, dass der neue Präsident sein Volk lieben wird und Mitleid haben wird mit ihm für das, was es alles durchmachen musste. Und ich hoffe, dass er etwas aus der noch nicht lange zurückliegenden Geschichte unseres Landes gelernt hat.

Was wäre das Schlimmste, was nun passieren könnte?
Wenn Politik und Bevölkerung sich auf den Lorbeeren ausruhen würden, statt wachsam zu bleiben. Das Schlimmste wäre zu denken, dass Blaise Compaoré verschwunden ist mit seinem ganzen System, das er in den letzten dreissig Jahren aufgebaut hat – das Erwachen könnte brutal sein. Man fegt ein System, das in mehreren Jahrzehnten aufgebaut wurde, nicht einfach in einem Tag weg. Wachsamkeit ist angebracht.

Das Interview wurde per E-Mail geführt.

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