Nr. 46/2014 vom 13.11.2014

Ob wir denn ohne Denken handeln können

Linke Theorie bleibt dringlich – auch wenn sie noch keine Praxis garantiert. Die neue Website Theoriekritik.ch will sie befördern helfen – Mitmachen erwünscht.

Von Stefan Howald

Theorie habe die Linke längst genug, sie solle doch endlich wieder politisch praktisch handeln: So argumentierte kürzlich beredt und wiederholt ein Mann aus dem Publikum an einer Diskussionsveranstaltung zum sperrigen Thema «kritisches Denken».

Die Forderung beruht auf einem Missverständnis. Denn ohne Theorie gibt es keine Praxis. Wer nicht weiss, was das ist und wie es funktioniert, wogegen er oder sie kämpft, kann nicht richtig kämpfen.

Der Umkehrschluss gilt freilich nicht. Theorie allein garantiert noch keine Praxis. So ist der antitheoretische Reflex verständlich.

Auf eine Spannung zwischen Theorie und Praxis weist ja schon das famose Marx-Wort hin: «Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.» Geht es dabei um eine radikale Absage an die Philosophie zugunsten der Politik? Um die Entwicklung einer neuen Art der Philosophie? Oder um die Überwindung der Trennung von Theorie und Praxis? Aber wie dies? Gib es so etwas wie ein Feld theoretischer Praxis als Grundlage fürs Handeln? Darüber lässt sich wiederum vortrefflich diskutieren. Und so weiter. Kurzum: Es besteht genügend theoretischer Diskussionsbedarf.

Vermitteln, vernetzen

Aus dieser Notwendigkeit ist das Projekt Theoriekritik.ch entstanden. Es handelt sich dabei um eine neue Website, eine Plattform, auf der, wie der Name sagt, Theorie und Kritik betrieben werden sollen.

Es gibt in der Schweiz linke Theoriepublikationen wie den «Widerspruch» oder das «Denknetz Jahrbuch». Theoriekritik.ch soll als Ergänzung dienen. Die Plattform will unter anderem bereits vorhandene, aber parallel oder getrennt existierende Diskussionsmilieus vernetzen, theoretische, historische und soziale Zusammenhänge herstellen.

Theoriekritik.ch ist eine Website. Zugegeben, eine spröde, ohne Videos oder Sound. An Bildern gibt es bislang ausschliesslich Buchcover. Hier steht noch immer das gedruckte Wort im Zentrum. Die Vorteile einer Website werden allerdings in zweierlei Hinsicht genutzt: Debatten, Interventionen können schneller organisiert werden als es eine in grösseren Zeiträumen erscheinende Zeitschrift vermag; und es werden die Möglichkeiten eines einfach und jederzeit verfügbaren Archivs geboten.

Die Website bedient vor allem drei Formen: Diskussionen, Rezensionen und eine «Theorie-Galerie». Erstens geht es darum, Debatten zu dokumentieren und zu lancieren. Ulrich Brand erläutert die Schwierigkeiten einer sozial-ökologischen Transformation. Franco Cavalli erwägt, ob Chinas gegenwärtiger Staatskapitalismus doch noch den Keim des wahren Kommunismus in sich birgt. Emilio Modena denkt unter dem schönen Titel «Das Regenbogenvolk» über unterschiedliche politische Kampfmittel nach.

Rezensionen sollen, zweitens, einen Pfad durch den Dschungel der aktuellen Buchproduktion schlagen. Wie sieht es denn mit Martin Heideggers «Schwarzen Heften» aus? Wie kann Maja Wicki-Vogt bei DenkerInnen der Moderne die Verbindung von Verstand und Gefühl rekonstruieren? Was verspricht David Harveys Kampf in den «rebellischen Städten»?

Ein besonderes Kernstück ist drittens die «Theorie-Galerie». Ein breites Spektrum von Schweizer Persönlichkeiten wurde angefragt, welches theoretische Buch sie in ihrem Leben und ihrer Arbeit beeinflusst habe. In diesen Texten wird die persönliche Lektüre theoriepolitisch bedeutsam. Die «Theorie-Galerie» soll laufend ergänzt werden und zu einem Fundus an theoretischem Bewusstsein und zu einem kollektiven Gedächtnis werden.

Der Vernetzung dienen zwei weitere Rubriken: Die Zeitschriftenschau dokumentiert, was in anderen Publikationen (oder auf anderen Websites) Interessantes passiert. Unter dem Stichwort «Termine» wird aufgelistet, wann und wo öffentliche Theoriediskussionen veranstaltet werden.

Komplexität ohne Einschüchterung

Theoriekritik.ch wird von einer kleinen Redaktion betrieben, unterstützt von einer Initiativgruppe. Verpflichtet ist sie der Anstrengung des Begriffs und der Komplexität, ohne sich hinter Gebärden der Einschüchterung und der theoretischen oder politischen Selbstgewissheit zu verschanzen.

«Theoriekritik» ist ein Kunstwort, und dahinter steckt eine kleine Anekdote aus dem kommerzialisierten Ideen- und Kommunikationsmarkt. Ursprünglich sollte die Website «theorie.kritik.ch» registriert werden, aber die Domain war schon vergeben, und der Besitzer, der sie spekulativ erworben hatte, wollte sie nur gegen ein nicht ganz unbeträchtliches Entgelt abtreten. Deshalb heisst es jetzt Theoriekritik.ch. Der aufklärerische und eingreifende Anspruch ist derselbe. Zur Mitarbeit wird heftig aufgerufen.

WOZ-Redaktor Stefan Howald gehört zur Initiativgruppe von www.theoriekritik.ch.

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