Nr. 47/2011 vom 24.11.2011

Hammer und Gipfeli

Einen Samstag lang in einer Turnhalle über Marxismus und Psychoanalyse diskutieren: Kann das guttun?

Von Stefan Howald

Peter Niggli weiss immer etwas Gescheites zu sagen, und er sagt es immer eingängig. Am Samstag skizzierte er in der Zürcher Kanzleiturnhalle in zehn Minuten, wie sich weltweit sich als revolutionär verstehende Bewegungen des Aufbruchs um 1968 unter konkreten Bedingungen unterschiedlich gewandelt hatten, an welcher Schwelle der Kapitalismus gegenwärtig steht – und wir mit ihm. Und warum die hilflose Linke eine alternative Konzeption einer hoch arbeitsteiligen Wirtschaft entwerfen müsste.

Niggli weiss, wovon er spricht. Seit 1998 ist er Geschäftsleiter der entwicklungspolitischen Organisation Alliance Sud. Davor war er 1968 als 18-Jähriger ein rebellischer Mittelschüler, danach bei der Revolutionären Aufbauorganisation Zürich (Raz), Mitglied einer kollektiven Druckerei, Journalist, grüner Gemeinderat.

Auch Hannes Lindenmeyer weiss, nach jahrzehntelanger Tätigkeit in der Sozial- und Quartierarbeit, wovon er spricht. Engagiert schilderte er, warum er nach dreissig Jahren ausserhalb der Kirche vor vier Jahren wegen deren sozialen Engagements wieder in die Kirchgemeinde St. Jakob in Zürich eingetreten sei und wie er dazu beigetragen habe, dass die Occupy-Bewegung dort dieser Tage Gastrecht erhielt.

Man kann das zwei Märsche durch die Institutionen nennen, ohne radikales Denken oder soziales Engagement aufzugeben – erfolgreiche Gegenbeispiele zum Ausverkauf, für den andere dieser Generation berüchtigt sind.

Kaleidoskop

Niggli und Lindenmeyer nahmen teil an der Veranstaltung «Jenseits der Illusion. 50 Jahre Marxismus und Psychoanalyse», die einen ganzen Samstag das Kanzlei in Beschlag nahm. Sie war eine Ehrung zum siebzigsten Geburtstag von Emilio Modena, einem Urgestein der Zürcher und Schweizer Linken. Modena kam 1948 mit sieben Jahren als italienisches Emigrantenkind in die Schweiz, wurde durch den kommunistischen Stiefvater Marcel Brun alias Jean Villain bald Mitglied der kommunistischen Freien Jugend, dann von der Polizei als einer der «Drahtzieher» der 68er-Bewegung ausgemacht. Nach einer Ausbildung zum Psychoanalytiker war er an vielen Brennpunkten der linken Bewegung beteiligt, theoretisch und praktisch. So gründete Modena die Stiftung für Psychotherapie und Psychoanalyse und wirkte beim Psychoanalytischen Seminar Zürich mit, immer mit gesellschaftsveränderndem Anspruch.

Modena hatte den Tag selbst konzipiert und wollte viel zeigen: Fünfzig Jahre. Marxismus. Psychoanalyse. Rund achtzig Leute folgten seinem Aufruf und Angebot, überwiegend WeggefährtInnen gesetzteren Alters, aber auch ein paar versprengte Jüngere, vor allem aus dem psychoanalytischen Umfeld.

Sechs Blöcke mit rund zwanzig GesprächsteilnehmerInnen: Ein ganzes Leben und ein halbes Jahrhundert an einem Samstag von neun Uhr morgens bis sieben Uhr abends darstellen zu wollen war natürlich zu viel und zu breit. Es wurde eine Auslegeordnung von Ideen und Positionen, Biografien und Haltungen. Ein Kaleidoskop, zuweilen prächtig schillernd, zuweilen surreal verzerrt. Die historische Aufarbeitung schrammte an der Theoriearbeit vorbei; Nostalgie und aktueller Anspruch krachten ineinander. Diskussionen keimten schüchtern auf und verkümmerten gleich wieder. Es gab elegante, wohl formulierte Einleitungen und erstaunlich hölzerne Gesprächsmoderationen.

Unterhaltung

Manches war informativ. Gregor Busslinger beschrieb eine interkulturelle Analysearbeit. Nicole Burgermeister und Olaf Knellesen diskutierten über die jüngste Entwicklung am Psychoanalytischen Seminar Zürich zwischen Integration und Widerstand. Der Soziologe Johann Schülein beharrte gegenüber allzu vorschnellen Generalisierungen oder apokalyptischen Entwürfen auf Differenzierungen.

Gelegentlich hatte die Veranstaltung Unterhaltungswert. Etwa in der Diskussion um «Freiräume – Kultur und Anarchie». Filmemacher Samir warf Gastronom und Gastgeber Koni Frei vor, er sei einfach nur blöd, wenn er alle Errungenschaften gleichberechtigter Arbeit über Bord werfen wolle; nachher vertrugen sich die beiden natürlich wieder. Edy Stöckli, noch vor 1968 Pionier der Clubszene, dann Pornokinobesitzer und Liegenschaftenunternehmer, liess gelassen das leicht voyeuristische Interesse an seinen Sexgeschäften über sich ergehen und outete sich dann selbstironisch als Kulturmäzen hinter den Kulissen. Ralf Binswanger, der nicht an einem Podium zum Thema «Parteiaufbau» hatte teilnehmen wollen, erklärte, von der Podiumsleiterin herausgefordert, der Revolutionäre Aufbau plane keine neue Partei, aber man gewinne immer wieder junge Leute, und so könne man doch einigermassen optimistisch sein. Für den von der Avantgarde geführten Hammer der Revolution, muss man wohl anfügen.

Splitter

Eines der Konzepte, das gelegentlich als vorbildhaft genannt wurde, war Paul Parins Ethnopsychoanalyse. Die Veranstaltung bot selbst ein paar ethnopsychologische Splitter: So besteht auch bei PsychoanalytikerInnen eine Scham, die ersten Stuhlreihen zu belegen. In fünfzig Jahren geschult, lässt man Frontalunterricht und dozierende Podiumsgespräche geduldig über sich ergehen. Die Debattierfreude hat sich entschieden abgeschwächt, dafür werden weiterhin selbstgewiss Steckenpferde ins Feld geführt. Der tendenzielle Fall der Profitrate wird gelegentlich immer noch als Hauptschlüssel zum Weltverständnis dargeboten.

Vor allem war der Tag gezeichnet durch Ungleichheiten. Ums Kanzlei herum wimmelten Menschen auf dem multikulturellen Flohmarkt umher. Zweihundert Meter entfernt steht die Zeltstadt der Occupy-Bewegung. Die war abwesend und anwesend zugleich. Zuweilen wurde sie euphorisch an die Brust gedrückt, zuweilen eher misstrauisch als mögliche Rettung für die ratlose Linke beäugt. Jenseits der Illusion anzulangen, ist nicht einfach.

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