Nr. 47/2014 vom 20.11.2014

Sprengdispositiv 75

Susi Stühlinger über Brückenpfeiler und Goldreserven

Von Susi Stühlinger

Goldene Blätter schwebten von den Bäumen herab und raschelten behaglich unter den Füssen der PassantInnen. Anlässlich ihrer traditionellen Herbstwanderung besichtigte die Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz, kurz Auns, heuer eine denkmalgeschützte Holzbrücke, die vom Aargau über den Rhein ins benachbarte Ausland reichte. Angeführt wurde die kleine Truppe von Generalstabsoffizier lic. phil. hist. Gerhard Wyss, Reiseleiter der Schweizerischen Gesellschaft für militärische Studienreisen.

Grade eben erläuterte der Militärhistoriker, wo genau in den Brückenpfeilern sich die Ladungen des Sprengdispositivs 75 befunden hatten, die die Schweizer Armee zu Zeiten des Kalten Kriegs zwecks Abwehr der Sowjets installiert hatte. Unglücklicherweise war der Sprengstoff kürzlich entfernt worden. «Bedauerlich», kommentierte Wyss, genauso wie er es Tage später auch gegenüber dem «Blick» verlauten lassen würde: «Das war eines der wenigen Gebiete, auf denen die Schweizer Armee Spitze war.» – Bedauerlich, nickten die Auns-Mitglieder, war es doch gut möglich, dass eine Zerstörung der Brücken zum Ausland sich vielleicht bald als notwendig erweisen würde. Wenn nämlich die Goldinitiative abgelehnt würde, müsste anderweitig verhindert werden, dass die Nationalbankbosse die Goldvorräte heimlich ausser Landes schafften.

Von den Besuchern unbemerkt, kauerte unter einem Brückenpfeiler ein Wesen und beobachtete die Gruppe mit grossem Wohlwollen: «Also der Lukas Reimann! So ein Goldschatz! Mit seinem goldigen Gemüt und seinem goldenen Haar!» So goldige Wesen gab es zu wenige. Gold gab es definitiv zu wenig. Aber das wollte in diesen Zeiten einfach niemand mehr wahrhaben. Da beschimpfte ein Mensch namens Rudolf Strahm diesen guten, schönen Lukas Reimann doch tatsächlich als «goldsüchtigen Zwerg». Dabei war die Behauptung ganz offensichtlich falsch, der Strahm hatte doch keine Ahnung von Zwergen, im Gegensatz zu ihm, ja, es hatte Ahnung von Zwergen genug.

Lukas Reimann hatte zum Glück Gelegenheit gehabt, die Vorwürfe in «20 Minuten» zurückzuweisen: «Wenn die Gegner mit Begriffen wie ‹Zwerg› argumentieren müssen, spricht dies für unsere Seite. Es fehlen offensichtlich sachliche Argumente.» Das war ja immer das Problem, dass die Gegner der Auns, von Lukas Reimann sowie seiner Partei, der SVP, auf sachliche Argumente mit nacktem Populismus konterten. Nein, der Goldschatz der Schweiz durfte keinesfalls verloren gehen, denn es würde dann übel ausgehen, wusste das Wesen aus eigener Erfahrung. Da man sich dessen trotz millionenschwerer Unterstützung der Goldindustrie nie sicher sein konnte, beschloss es, seinen Teil dazu beizutragen, und griff zum Telefon.

Als der diensthabende «Blick»-Redaktor den Hörer abnahm, drangen keuchende Würgelaute an sein Ohr, und es dauerte eine Weile, bis er verstand, was man ihm vom anderen Ende der Leitung her mitzuteilen suchte: «Wir wollen ihn! Wir brauchen ihn! Wir müssen ihn haben, den Schatzzzz! Garstige kleine Hobbitse! Gollum! Gollum!»

Susi Stühlinger mag «Herr der Ringe» eigentlich nicht sonderlich.

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