Nr. 48/2014 vom 27.11.2014

Letzte Ausfahrt vor Ecopop

Von Bettina Dyttrich

Worüber stimmen wir am Sonntag ab? Über eine rigide Zuwanderungsbeschränkung, die Arbeitende aus EU-Ländern, Flüchtlinge, ausländische Heiratspartnerinnen und Auslandschweizer gegeneinander ausspielt. Und über eine ebenso rigide Vorgabe im Entwicklungshilfebudget.

Aber längst geht es um etwas anderes. Um das Gefühl, dass der Boden unter den Füssen wankt. Die Gewissheit, dass die Schweiz für immer reich bleibt, hat zu bröckeln begonnen. Sie bröckelt auf hohem Niveau, aber das ist kein Argument gegen die Angst. Und dann noch die Baustellen überall.

«Ich will meinen Kindern keine zugebaute Schweiz hinterlassen», ist ein starkes Argument. Aber wer macht eigentlich die Raumplanungsgesetze in diesem Land, und wer setzt sie nicht um? Wer hat das dichteste Autobahnnetz der Welt geplant?

Die hohe Zustimmung zu Ecopop bei den Umfragen ist ein Ausdruck dafür, dass die SchweizerInnen die Wirtschaft, die sie reich macht, im Grunde hassen. Kein Wunder – der Reichtum ist nicht ohne Kampf zu haben: Konkurrenzkampf im Büro und im Strassenverkehr, ein Rattenrennen, das mehr als eine Million Menschen in diesem Land nur noch mit Psychopharmaka bewältigen können.

Ecopop ist der Versuch, das Rattenrennen zu verlassen und gleichzeitig den Wohlstand zu behalten. Aber das funktioniert nicht: Wer will, dass es wirklich schnell den Bach hinuntergeht mit der Schweiz, wählt Ecopop. Die Initiative schadet nicht nur «der Wirtschaft», sondern vor allem auch jenen Strukturen, die die Schweiz lebenswert machen: Wie soll eine gute Versorgung in Spitälern und Altersheimen möglich sein, wenn die Pflegenden nicht mehr einwandern dürfen? Wie geht es weiter mit der Bildung, wenn niemand mehr im Ausland studieren kann? Wie weiter mit der AHV? Wie sollen die Grenzregionen den Verkehr bewältigen, den die vielen GrenzgängerInnen verursachen werden?

Von der vom Initiativkomitee so viel beschworenen Lebensqualität bleibt da nicht viel. Nicht auszudenken, welcher Hass die Verteilungskämpfe um die raren Aufenthaltsbewilligungen begleiten wird. Sagt hier wirklich noch jemand, es gehe um Ökologie?

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