Theaterstück «Die Liste der Unerwünschten» : Ein Idol wird vom Sockel geholt

Nr.  48 –

Hans Robert Jauss war ein angesehener Romanist an der Universität Konstanz. Ein Bühnenstück von Gerd Zahner beschäftigte sich nun mit seiner Nazivergangenheit – eine längst überfällige Aufarbeitung.

Am Mittwoch letzter Woche war das Audimax der Universität Konstanz so gut besucht wie sonst wohl nur bei ganz besonderen Vorlesungen. Bühnenautor Gerd Zahner, im Hauptberuf Rechtsanwalt, stellte sein neues Stück, «Die Liste der Unerwünschten», vor, ein höchst brisantes Werk, das sich mit Hans Robert Jauss (1921–1997) beschäftigt. Jauss war ein weltweit angesehener Romanist und Literaturtheoretiker, dazu Mitbegründer der einflussreichen Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik. Ab 1966 lehrte er an der neu gegründeten Universität Konstanz. Sein Name ist eng verbunden mit der Rezeptionsästhetik, die das Verhältnis zwischen LeserIn und Werk in den Mittelpunkt stellt und die Literatur nicht isoliert betrachtet – ein für damalige Zeiten revolutionärer Ansatz, der Jauss den literaturwissenschaftlichen Durchbruch und internationale Anerkennung bescherte. Seine SchülerInnen verehrten ihn, sein Ruf strahlte weit über die Region hinaus.

Auf Spurensuche

Erst in den neunziger Jahren erschienen in überregionalen Medien Berichte, die sich mit Jauss’ Nazivergangenheit beschäftigten und nachwiesen, dass dieser bereits als 24-Jähriger den hohen Rang eines Hauptsturmführers bei der Waffen-SS innehatte. Der Konstanzer «Südkurier» verteidigte ihn gegen alle Kritik von aussen und schrieb 1996 anlässlich von Jauss’ 75. Geburtstag: «Es fehlte dabei nicht an Versuchen, den ehemaligen Obersturmführer der Waffen-SS, der für persönliche Tapferkeit unter anderem mit dem Deutschen Kreuz in Gold ausgezeichnet worden war, über den Vorwurf einer vermeintlichen nationalsozialistischen Vergangenheit hinaus auch in seiner wissenschaftlichen Reputation anzugreifen.»

Gerd Zahner trieb das Thema schon lange um. Er begab sich auf Spurensuche und fand heraus, «dass Jauss als Chef einer Inspektion an einer Junkerschule unterrichtet hat, die damals nichts anderes tat, als in rascher Zeit SS-Offiziere ideologisch und waffentechnisch für den Krieg vorzubereiten». Für den Autor ein ganz wichtiger Punkt: «Schule als Waffe, die Universität als Waffe. Somit haben wir den Bogenschlag zur Gegenwart, und daraus erwächst meines Erachtens die Aufgabe für die Universität Konstanz, diese Problematik aufzuarbeiten.»

Jauss, das brachten die Nachforschungen ebenfalls zutage, war auch federführend bei der Ausbildung französischer und wallonischer Freiwilliger, die in die Waffen-SS integriert wurden. Im Militärarchiv in Freiburg im Breisgau stiess Zahner dann auf die Liste der «Unerwünschten»: Mehr als hundert Freiwillige, so Zahners Recherche, «wurden als nicht tragbar für die SS festgestellt. Darunter Homosexuelle, Juden oder sogenannte Defätisten. Sie wurden 1944 als Gefangene in das Konzentrationslager Stutthof überstellt, eines der schlimmsten Lager jener Zeit.»

Kurze Stille, dann grosser Applaus

Zahner machte sich an die Arbeit und schrieb sein Stück. Regie führte Didi Danquart, Jauss’ Rolle übernahm der Schauspieler Luc Feit, der Freiburger Komponist Cornelius Schwehr lieferte die Musik. Und so kam es letzte Woche zu einer etwas anderen Antrittsvorlesung als jener, die der wirkliche Hans Robert Jauss 1967 an gleicher Stätte gehalten hatte. Der Titel damals: «Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft». Der Titel heute: «Die Liste der Unerwünschten».

Der von Feit verkörperte Jauss blickt zurück auf seine Zeit als hochdekorierter Naziideologe, rechtfertigt und relativiert sie: «Von den Judenverfolgungen habe ich später nur im Radio gehört.» Fröstelnd durfte man erleben, wie sich da einer kurz nach dem Zusammenbruch des NS-Terrors seiner Haut entledigte, sie abstreifte wie ein durchgeschwitztes Hemd und fast nahtlos den Übergang hin zu einer wissenschaftlichen Karriere schaffte. Der symbolisch Klage erhob, dass man ihn, die Galionsfigur der Konstanzer Universität, Jahrzehnte später mit einer Sache belästige, die doch schon so lange her sei.

Nach rund einer Stunde war der letzte beklemmende Satz gelesen. Kurze Stille, dann grosser Applaus. Reihum aber auch betroffene Gesichter, beredtes Schweigen, vor allem bei ehemaligen StudentInnen, die einst an Jauss’ Lippen hingen und auch heute noch nicht glauben wollen oder können, dass ihr Idol vom Sockel geholt wird.

Ein Kriegsverbrecher?

Bei der anschliessenden Diskussion kam auch der Historiker Jens Westemeier zu Wort. Ihn hat die Universität Konstanz beauftragt, eine wissenschaftliche Biografie für den Zeitabschnitt 1939 bis 1945 zu erstellen, die Jauss’ ideologischen Unterbau beleuchtet. Mit seinem Gutachten ist im Frühjahr 2015 zu rechnen. Westemeier lobte Zahners Stück, wollte aber seiner Endbeurteilung nicht vorgreifen. Nur so viel: «Jauss wurde als Angehöriger einer verbrecherischen Organisation verurteilt, aber nicht als Kriegsverbrecher.» Dann der Zusatz: «Was aber nicht heisst, dass er keiner war.» Den Schlusssatz formulierte ein Zuhörer, der sogar aus Frankreich angereist war, weil er erfahren hatte, dass das Stück nur einmal aufgeführt werden sollte. Er habe Jauss als Student erlebt und ihn damals bewundert. Nun aber habe ihm die Lesung die Augen geöffnet. Dafür sei er dankbar: «Der weite Weg hat sich gelohnt.»