Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

Goldminen in der Schublade

Wer sein Handy loswerden will, kann es bei der Swisscom für einen guten Zweck in eine braune Box werfen. Ein bewussterer Umgang mit alten Geräten wäre besser – auch für das betreffende Hilfswerk.

Von Daniel Stern*

Gutes Tun war nie so einfach. So suggeriert das zumindest die Swisscom, die grösste Handyverkäuferin der Schweiz. Man muss sein altes Mobiltelefon nur in eine braune Box in einem Swisscom-Shop werfen, und schon hilft man dabei, dass arme Kinder in Schulen und Heimen eine warme Mahlzeit bekommen. Denn die alten noch funktionstüchtigen Mobiltelefone werden «sorgfältig für den Wiederverkauf aufbereitet», verspricht die Swisscom, und der so entstandene Erlös der Stiftung SOS-Kinderdorf geschenkt. Schon rund 355 000 warme Mahlzeiten konnten dank der gespendeten Handys ausgegeben werden, ist auf der Swisscom-Homepage zu erfahren. Eine rundum gute Sache also?

Für die Swisscom ist die Aktion auf jeden Fall ein Gewinn. Vier Millionen Mobiltelefone werden in der Schweiz pro Jahr verkauft, davon 1,6 Millionen bei der Swisscom. Und der Boom scheint kein Ende zu nehmen. Denn im Durchschnitt kauft jemand in der Schweiz nach nur rund achtzehn Monaten wieder ein neues Gerät. Ein Kauf, der umso leichter fällt, wenn man weiss, dass das alte Handy noch einem guten Zweck dient.

Auf den chinesischen Gebrauchtmarkt

Die Swisscom lässt alle gespendeten Handys von der Genfer Sozialfirma Réalise auf Wiederverwertbarkeit prüfen. Von den letztes Jahr rund 150 000 gespendeten Telefonen wurde der grösste Teil allerdings als nicht mehr für den Verkauf geeignet eingestuft und an eine Recyclingfirma weitergegeben. Nur 20 bis 25 Prozent würden in den Wiederverkauf gehen, heisst es bei der Swisscom. Die Geräte werden von der französischen Firma Anovo angekauft, die sich auf den Handel mit gebrauchten Handys spezialisiert hat. Sie kauft dazu auch EndnutzerInnen direkt ihre alten Geräte ab, etwa über ihre Website www.money4mymobile.com. Anovo verkauft die von Swisscom bezogenen Handys «primär nach Hongkong», wie Swisscom-Pressesprecherin Annina Merk sagt. In China, wo die meisten neuen Handys produziert werden, gibt es einen gigantischen Markt für gebrauchte Exemplare.

Laut Markus Siegfried von der Aktion SOS-Kinderdorf bringt die Swisscom-Aktion dem Hilfswerk jährlich rund 200 000 Franken. Pro Handy, das in den Wiederverkauf geht, bleiben für SOS-Kinderdorf also nur etwa sechs Franken. Die Swisscom zahle zuvor mit dem Verkaufserlös auch die ganze Abwicklung der Spendenaktion, insbesondere die Aufwendungen der Sozialfirma Réalise, sagt Merk.

Handys, die es nicht in den Verkauf schaffen, werden von der Ostschweizer Recyclingfirma Solenthaler weiterbearbeitet. Die Firma zerlegt die Apparate in verschiedene Komponenten. Die Batterien gehen an die spezialisierte Batterienrecyclingfirma Batrec nach Wimmis. Der Metallschrot wird sortiert und an Hüttenwerke verkauft. Die Kunststoffe aus den Telefonen liefert Solenthaler an eine Firma nach Österreich, die diese einschmilzt und aufbereitet. Leiterplatten und andere edelmetallhaltige Komponenten gelangen zur deutschen Firma Aurubis. Dort werden die Handyreste in einem speziellen Hochofen eingeschmolzen, der es ermöglicht, an die wertvollen Metalle wie Gold, Platin und Palladium zu gelangen. Laut Heinz Böni von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa lässt sich aus einer Tonne Handyschrott mehr Gold herausholen als aus einer Tonne Gestein in einer südafrikanischen Goldmine.

Besser direkt selbst verkaufen

Allerdings sind Handys je neuer, desto schlechter zu recyceln. Weil sie immer dünner und leichter gebaut sind, lässt sich kaum etwas auseinanderschrauben, viele Teile sind miteinander verklebt. So lohnt es sich laut Böni etwa nicht, das seltene Metall Tantal zurückzugewinnen, das aus Coltan gewonnen wird, das zumeist aus dem Osten der Demokratischen Republik Kongo stammt. Die dortigen Coltanminen belasten nicht nur die Umwelt in der Gegend stark, sondern sind auch immer wieder Gegenstand kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen staatlichen und nicht staatlichen Akteuren.

Handys für das Recycling zurücknehmen muss die Swisscom wie jeder andere Händler sowieso. Auf allen verkauften Handys werden ab 2015 zehn Rappen für das Recycling draufgeschlagen. Jeder kann also seine alten Geräte jederzeit bei einem Handyhändler abgeben. Überwacht wird die Rückgabe von Swico, dem Wirtschaftsverband der IT-Industrie. Dort klagt man, dass die Rücklaufquote mit achtzehn Prozent noch sehr schwach sei. Zwar steigt die Zahl der abgegebenen Geräte jedes Jahr massiv an, aber vor allem, weil auch immer mehr Geräte verkauft werden. Die meisten alten Handys lagern noch immer in irgendwelchen Schubladen in Privathaushalten. Laut Böni werden dagegen nur wenige alte Mobiltelefone in den normalen Abfall geworfen.

Fazit: Wer eine altes, nicht mehr funktionstüchtiges Mobiltelefon hat, der kann es in jedem Handyshop zurückgeben – er hat ja bereits fürs Recycling bezahlt. Wer ein noch funktionstüchtiges Handy nicht mehr will und gleichzeitig etwas Gutes tun möchte, verkauft es am besten im Internet. Er weiss so, wie viel Erlös er wirklich herausgeholt hat, und kann den vollen Betrag der Aktion SOS-Kinderdorf (oder auch anderswo) spenden.

Noch besser: Weil die Produktion eines neuen Handys sehr viel Energie und Rohstoffe benötigt (die sich nur teilweise zurückgewinnen lassen), empfiehlt es sich, sein Handy so lange wie möglich zu gebrauchen: Damit lässt sich noch mehr Geld sparen, das dann gespendet werden kann.

* Wunsch von 
Fabienne Meister: «Was wird aus meiner
Handyspende bei 
Swisscom?»

Weitere Artikel zum Thema Überfluss und Recycling:
Textilbranche: Louis Vuitton schweigt
Altglasrecycling: Scherbensaison
Conveniencefood: Kein Thonsalat für Bedürftige

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch