Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

Scherbensaison

Wird all das schön getrennte Altglas nicht sowieso wieder zusammengekippt?

Karin Hoffsten*

«Sti-hille Nacht», tönt es bald wieder landauf und landab. Doch zwei Geräusche werden daneben die stillen Festtage und -nächte dominieren: klingendes und klirrendes Glas – und zwar in genau dieser Reihenfolge. Denn bei allen festlichen Zusammenkünften aufs Jahresende hin, seis in der Familie, unter Freunden oder beim betrieblichen Weihnachtsessen, wird vor allem eins: getrunken, was die Leber hält. Selbst an Orten, wo man aus gesundheitlichen oder ideologischen Gründen dem Alkohol entsagen mag, werden Flaschen geleert, denn wie jedes Schweizer Kind früh lernt, gibts auch alkoholfreien Chlöpfmoscht – da «stossed alli aa»!

Folglich hören viele über die Festtage durch die wattige Schicht um ihre schmerzende Hirnregion vor allem eins: das ohrenbetäubende Scheppern und Klirren, wenn sie die Reste ihrer Ausschweifungen im Altglascontainer entsorgen. In der Schweiz stehen rund 22 000 dieser Container, in die grünes, weisses und braunes Glas sorgfältig voneinander getrennt eingeworfen werden kann.

Nun geistert schon seit vielen Jahren ein Gerücht durch umweltbewusste Köpfe: In den zentralen Sammelstellen würden alle Glasscherben schlussendlich wieder auf einen grossen Haufen gekippt – die Trennerei sei bloss dazu da, den Bürger und die Bürgerin zur Ordnung anzuhalten. Zur Ehrenrettung unserer schon genug verunglimpften Behörden fragten wir bei der Vetropack AG in Bülach nach, die im Kanton Zürich fürs Glasrecycling zuständig ist.

Das «Märli» stamme noch von früher, sagt Peter Reimann von Vetrorecycling, als tatsächlich noch alles Glas zusammengeworfen worden sei, um Kies und Sand daraus zu mahlen. Heutzutage wird das Altglas aufbereitet, um erneut als Behältnis zu dienen.

Aber nur wenn die Farbtrennung streng eingehalten wird, kann der wertvolle Rohstoff beliebig eingeschmolzen und wiederverwendet werden. Drum bleiben die Glasscherben auch beim Transport fein säuberlich getrennt, auf den Ladeflächen der abholenden Lastwagen befinden sich drei gesonderte Abteile. Was der schusselige Mensch beim Entsorgen dennoch durcheinander geworfen hat, wird maschinell entfernt oder sogar am Laufband von aufmerksamen MitarbeiterInnen aussortiert.

Zum guten Schluss gibts auch noch eine klare Antwort auf die Frage, die auf den Jahreswechsel hin das ganze Land beschäftigt: Wohin mit den blauen Champagnerflaschen? Also: Blaues und rotes Glas sowie alles andere, was nicht klar zugeordnet werden kann, gehört ins Grünglas.

Prost Neujahr!

* Wunsch von 
Christoph Ringli: «Sagt mir, ob ich Altglas 
wirklich trennen muss.»

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