Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

Der letzte Held

Von Florian Keller*

Das Schlagzeug peitscht mechanisch wie im Stechschritt, Bass und Stromgitarre galoppieren westwärts.

Über allem lodert dunkel diese Stimme, die unter einer Überdosis Hall nach Veränderung ruft. Es ist ein fadengrad treibender Popsong, er reisst uns mit in eine Zukunft, die längst hinter uns liegt: «Peremen!» heisst der russische Hit, der 1986 erstmals live gespielt wurde und sich zu einer heimlichen Hymne der Perestroika erhob. Geschrieben hat ihn Wiktor Zoi, der mit seiner Band Kino die sprichwörtliche russische Schwermut mit dem spröden Drive des britischen Postpunk verschaltete.

Schon äusserlich verkörperte Zoi für Russlands Jugend das Versprechen einer anderen Welt: Er hatte die koreanischen Züge seines Vaters und die coole Traurigkeit eines Drifters wie aus einem Jim-Jarmusch-Film. Singend klang er manchmal wie Ian Curtis von Joy Division, aber schwermütig statt manisch, raumgreifend statt klaustrophobisch. Zoi sang nicht aus einer deprimierend-spiessigen Enge, sondern als Verlorener vor endlosem Horizont.

Aber er kann auch fordernd sein, wenn er in «Peremen!» auf den Wandel drängt. Erstmals auf Platte erschienen ist der Song übrigens erst 1989, und zwar in Frankreich. Das Album hiess «Poslednij geroj», auf Deutsch «Der letzte Held», was im Rückblick wie eine besonders makabre Pointe wirkt. Denn im August 1990 starb Wiktor Zoi bei einem Autounfall. Er war 28 Jahre jung, der letzte Held seines Lands. Die andere Zeit, die er in «Peremen!» beschworen hatte, war nun zwar angebrochen – aber heroischer Anstand war in diesem neuen Russland nicht mehr vorgesehen.

Man sieht das demnächst bei uns im Kino, im russischen Spielfilm «Durak». Da zerschellt ein Mensch von grundanständiger Güte an einer Gesellschaft, die unten so verdorben ist wie oben. Und mittendrin im Film ertönt Kino im Kino: ein Gutenachtlied von Wiktor Zoi, in voller Länge. Bitterer Trost in einer trostlosen Welt.

* Wunsch von Pascal Blum: «Etwas über Kino?»

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