Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

Man kann es auch elegisch sehen

Von Stefan Howald*

Der Bildungsbürger besteht aus zwei Teilen, und die Bildungsbürgerin auch. Er oder sie besitzt einen ideologischen Kopf und einen sozialen Unterleib. Was nach dem Bildungsbürgertum kommt, hängt also von der Zukunft der Bildung und des Bürgertums ab.

Das Bildungsbürgertum entstand in den europäischen Ländern gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als der absolutistische Verwaltungsstaat freie Berufe wie die der Juristen, Lehrer oder auch Kaufleute brauchte. Diese wurden dann die Bannerträger der bürgerlichen Revolution und erkämpften ihrer Klasse neue ökonomische, soziale und politische Rechte. Wegen der verspäteten politischen Emanzipation in Deutschland verlegte sich dessen Bürgertum stärker auf die Bildung: So fand der Bildungsbürger, samt gelegentlichen Frauen, dort in den 1920er und 1930er Jahren seine Apotheose (lateinisch: verherrlichender Höhepunkt).

Man kann das satirisch sehen. Die Goethe-Gesamtausgabe, in Leder gebunden. Klassische Musik, heroisch erduldet. Die Sagen des griechisch-römischen Altertums, volkstümlich. Ein beinahe echter Klimt im Salon.

Man kann es elegisch sehen. Fundiertes Wissen. Feinsinnige Anspielungen. Fröhliche Wissenschaft. Forschende Neugier. Fliessende Alliterationen (lateinisch: Stabreim, das heisst verschiedene Wörter oder Satzanfänge mit gleichen Anfangsbuchstaben).

Die soziale Verankerung fürs Bildungsbürgertum hat sich längst gelöst. Wissen wird jetzt funktional vermittelt und gebraucht. Die Bildung hat sich zur frei schwebenden Kreativität gewandelt. Das Bürgertum hat sich in den Mittelstand trivialisiert. Der Klingelton der Pendlerin schrillt ins Ohr, der beleuchtete Rentierschlitten an Nachbars Einfamilienhaus sticht ins Auge, und die Schärfe der Wasabierbsen zum Kobe-Rind steigt in die Nase.

Die Klage über das Ende des Bildungsbürgertums ist bildungsbürgerlich. Mit diesem wird auch jene untergehen. Der geschleiften Zitadelle der Hochkultur und dem eingestürzten Elfenbeinturm der interesselosen Wissenschaft werden nur wenige Tränen nachgeweint werden. Bleiben wird die frei flottierende Intelligenz als Funktionsbeschreibung. Ihr Wissen passt sich geschmeidig den wechselnden Bedürfnissen an. Mit ihresgleichen kann sie sich kurzfristig arrangieren, um sich sogleich wieder dringlicheren Dingen zuzuwenden. Diese Intelligenz wird zuweilen widerborstig sein, zumeist aber käuflich.

Bleiben wird auch der Snob, der sich über die Intelligenz erhaben glaubt.

* Wunsch von Brigitte Koller Abdi: «Was kommt nach dem Bildungsbürger­­tum?»

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